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TEXT - Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin

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Karl Gutzkow

Wally, die Zweiflerin

ERSTES BUCH

1

Auf weißem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Wal-

de Wally, ein Bild, das die Schönheit Aphroditens übertraf, da sich
bei ihm zu jedem klassischen Reize, der nur aus dem cyprischen
Meerschaume geflossen sein konnte, noch alle romantischen Zau-
ber gesellten: ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte
nicht, ein Vorzug, der sich weniger in der Schönheit selbst als
in ihrer Atmosphäre kundzugeben pflegt. Welche natürliche und
ihr doch so vollkommen gegenwärtige Koketterie auf einem Tie-
re, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht wußte, daß es blind
war! Wally gab sich das Ansehen, als wäre sie mit ihrer Situation
verschwistert; aber nichts ist so reizend, als wenn durch irgend-
eine fast gelungene Affektation, durch die ganze Haltung eines
innerlich mehr reflektierten wie angebornen Wesens einige kleine
Lichtritzen schimmern und für den Mann, welcher sie sehen kann,
die versteckten Erleichterungen einer sich einbohrenden Neigung
werden. Aber von den zahlreichen Kavalieren, welche Wally um-
gaben, sahe diese kleinen Lücken der Furcht edler Weiblichkeit
niemand. Jene, die Lücken der Furcht, kannte vielleicht der Jock-
ei, der auch wußte, daß die weiße Stute blind war. Aber die übri-
gen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am Magnet, wie die Nach-
ahmung am Genie, wie das Ordinäre am Wunderbaren.

Am Wege schritt, wie es beim Temperamente sich von selbst

versteht, im Zweivierteltakte Cäsar, ein Mann, der imstande war,
eine solche Gruppe wie die vorbeisprengende im Nu zu überse-
hen und jede darin waltende Figur so zu isolieren, daß er sie alle

— 2 —

verarbeitete und an seiner eigenen Individualität zerrieb. Kennt
ihr diese genialen Charaktere, welche durch ihr Schweigen im-
mer mehr ausdrücken, als wenn sie reden, die nur ihr rollendes,
siegendes Auge in die Gesellschaft bringen dürfen und jede Per-
sönlichkeit darin absorbieren in eine Huldigung, die ihnen wird
ohne ihr Verlangen? Cäsar stand im zweiten Drittel der zwanzi-
ger Jahre. Um Nase und Mund schlängelten Furchen, in welche
die frühe Saat der Erkenntnis gefallen war, jene Linien, die sich
von dem lieblichsten Eindrucke bis zu dämonischer Unheimlich-
keit steigern können. Cäsars Bildung war fertig. Was er noch in
sich aufnahm, konnte nur dazu dienen, das schon Vorhandene zu
befestigen, nicht zu verändern. Cäsar hatte die erste Stufenleiter
idealischer Schwärmerei, welche unsre Zeit auf junge Gemüter
eindringen läßt, erstiegen. Er hatte einen ganzen Friedhof toter
Gedanken, herrlicher Ideen, an die er einst glaubte, hinter sich:
er fiel nicht mehr vor sich selbst nieder und ließ seine Vergangen-
heit die Knie seiner Zukunft umschlingen und sie beten: Heilige
Zukunft, glühender Moloch, wann hör’ ich auf, mich mir selbst zu
opfern? Cäsar begrub keine Toten mehr: die stillen Ideen lagen so
weit von ihm, daß seine Bewegungen sie nicht mehr erdrücken
konnten. Er war reif, nur noch formell, nur noch Skeptiker: er
rechnete mit Begriffsschatten, mit gewesenem Enthusiasmus. Er
war durch die Schule hindurch und hätte nur noch handeln kön-
nen; denn wozu ihn seine toten Ideen machten, er war ein starker
Charakter. Unglückliche Jugend! Das Feld der Tätigkeit ist dir ver-
schlossen, im Strome der Begebenheiten kann deine wissensmat-
te Seele nicht wieder neu geboren werden; du kannst nur lächeln,
seufzen, spotten und die Frauen, wenn du liebst, unglücklich ma-
chen!

Cäsar, wie er einsam wandelte, fühlte, daß er weinen sollte,

und lachte, um die Tränen zu vertreiben.

Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm vorüber. Sie schlug

mit ihrer Gerte in die Seiten des schönen, aber blinden Gaules (sie
wußte es wahrhaftig nicht!) – ein sonderbarer Glanz klang durch
die Luft, und zu Cäsars Füßen lagen fünf kostbare Ringe.

Sie mußten an der Reitgerte gesteckt haben.

— 3 —

Wally sah, was der Unbekannte am Wege aufnahm; sie machte

Miene anzuhalten; aber als der Fremde mit der Zurückgabe zöger-
te, blickte sie bös und trieb ihren Schimmel weiter. Die Kavaliere
hatten nichts gesehen.

Cäsar aber, da er die Reiterin sogleich aus den Augen verlor,

mußte sich auf alles besinnen. Er gefiel sich darin, an eine alte
Sage zu glauben, an die Prinzessin im Walde, und sich selbst mit
irgendeinem Zauber in Verbindung zu bringen.

Er steckte die Ringe zu sich und hatte sie wieder vergessen, wie

er innerhalb der Stadt war.

2

Ein gewisser Regierungspräsident gab einen beinahe ländli-

chen Ball. Wally und Cäsar sahen sich hier. Cäsar hatte in einem
Anfalle guter Laune die fünf Ringe über seine Handschuhe gezo-
gen. Wally frug ihn, wie er darauf käme?

»Weil meine rechte Hand«, antwortete er, »beim Tanzen immer

ungeschickt ist. Die Ringe verhindern sie, von dem glatten Rücken
der Tänzerinnen abzugleiten.«

Wally ließ ihn stehen: dieser junge Mann mißfiel ihr. Aber sie

fühlte, daß sie sich zerstreuen müsse, und tanzte mit Vorliebe. Sie
wurde erhitzt, verfolgte Cäsar und sahe, daß er die Ringe wieder
fortgenommen hatte.

Sie wollte sie wiederhaben und rief einem ihrer Employés, ei-

nem blondhaarigen Referendär, der eine kleine Schrift über das
Unzeitgemäße politischer Garantien geschrieben hatte. Sie setzte
ihm die Lage der Dinge auseinander.

»Ich bin gewohnt«, sagte sie, »für jeden Monat im Jahre einen

andern Anbeter zu haben, und ich nehme niemanden an, der sich
nicht durch einen Ring in meine Gunst einkauft. An meinem Fin-
ger will ich die Ringe nicht: ich trage sie an meiner Reitgerte und
mache mir ein Vergnügen daraus, wenn ich von Juli zu Juli ins
Bad reise und armen preßhaften Leuten sie alle zwölf nacheinan-
der in die heißen Sprudelbecher werfe.«

— 4 —

Darauf erklärte sie ihm, wie sie fünf davon verloren hätte, und

verlangte, daß sie ihr wieder zuhanden, das heißt zur Reitgerte,
kämen.

Der junge Mann, welcher über das Unzeitgemäße politischer

Garantien geschrieben hatte, versprach sein möglichstes und re-
dete Cäsar an.

Cäsar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der

kleinen Broschüre. »Sie verstehen sich darauf«, sagte er dann, »als
St. Georg gegen die Ungetüme der Zeit zu kämpfen. Die Ringe der
Dame passen zu meinem Schuppenleibe: ich stehe als Lindwurm
zu Ihren Diensten!«

»Wie versteh’ ich das?« fragte der junge Mann, welcher über

das Unzeitgemäße politischer Garantien geschrieben hatte.

Cäsar ließ ihn stehen. Der Bote wagte nicht, unverrichteter Sa-

che zu Wally zurückzugehen; eben tanzte sie, sie hatte seine Ab-
weisung glücklicherweise nicht bemerkt.

Der junge Mann half sich: er wußte, von wem die fünf Rin-

ge kamen: vier von seinen Freunden, die mit ihm teils auf dem
Stadtamte fungierten, teils auf das nächste militärische Avance-
ment warteten; einer gehörte ihm, denn Wallys Sonne stand zu-
fällig während dieses Monats in seinem Zeichen. Die Sache wurde
unvermeidlich ein Ehrenhandel; aber er war perfid genug, dem
Gegner das Spiel fünffach zu erschweren. Cäsar bekam noch an
demselben Abend fünf Ausforderungen ins Ohr geflüstert.

Er nickte lächelnd zu jeder; für den folgenden Morgen war alles

anberaumt, aber er entfernte sich früh.

Wally tanzte bis in die Nacht. O welch ein Glück, sich mit dem

faden Mittelgut in ewig gleichen Kreisen herumzudrehen!

3

Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Ta-

ges, als Wally unter den Händen ihres Kammermädchens saß und
ihr Haar flechten ließ. Sie hatte einen kleinen Tisch vor sich ge-
rückt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur lagen. Natür-
lich kamen sie frisch aus dem Buchladen; anständige Leute lesen
nicht aus Leihbibliotheken.

— 5 —

Sie blätterte in dem jüngsten Musenalmanach von Schwab und

Chamisso. »Diese guten Waldsänger«, sprach sie vor sich hin,
»nehmen sich die Freiheit, sehr ennuyant zu sein. Wenn uns die
Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung hielten, die
Monotonie der Gefühle und Anschauungen wäre tödlich. Ich ziehe
Prosa vor. Heines Prosa ist mir lieber als Uhland und sein ganzer
Bardenhain.«

Sie griff nach Heines ›Salon‹, zweiter Band. »Willst du Philo-

sophie studieren, Aurora?« fragte sie ihr Kammermädchen: »Hier
sind all die gelehrten, bemoosten Karpfen der deutschen Philoso-
phie mit Frühlingspetersilie und Vanille zubereitet. Man sollte die
Bonbons in Aphorismen aus Heines ›Salon‹ einschlagen. Welch ge-
sunkenes Volk müssen die Franzosen sein, daß sie gerad auf der
Stufe in den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die Mäd-
chen.«

Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand,

von Wienbarg, Laube, Mundt. »Wienbarg ist zu demokratisch:
ich habe nie gewußt, daß ich vom Adel bin«, sagte sie; »aber
mit Schrecken denk’ ich daran, seit ich diesen Autor lese. Laube
scheint den Adel nicht abschaffen, sondern überflügeln zu wollen.
Doch bleibt es arg: er ist zudringlich. Er gibt sich in seinen Schrif-
ten das Ansehen, als kenne er jede seiner Leserinnen und verlan-
ge von ihr eine Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt
goutier’ ich nur halb: denn er wird, je mehr er sich selbst klarzu-
werden scheint, für andere immer unverständlicher. Verstehst du,
Aurora?«

Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und mußte ab-

scheulich husten. Wally lachte.

Unter den Büchern lag zuletzt die neueste Lieferung der ›Carls-

ruher Bilderbibel‹, auf welche Wally abonniert hatte.

»Wie sonderbar doch das Christentum auf Velinpapier aus-

sieht!« sagte sie zu sich selbst. »Dienen diese Kupfer zu etwas an-
derem, als die Aufmerksamkeit noch mehr von dem heiligen Bu-
che abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein umgekehrter
Buchstabe! Es ist hübsch, in der Bibel Irrtümer zu entdecken.«

— 6 —

Wally sahe nur auf das Äußre, auf den Einband, dann las sie

etwas. Sie las einige Verse, ein halbes Kapitel und fragte ihr Mäd-
chen, wann sie zuletzt in der Kirche gewesen wäre?

Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen dagewesen.
Wally las, ohne zu hören. Dann fragte sie: »Warum bist du so

still?«

Aurora war nicht mehr im Zimmer: Wally blickte sich scheu

um und las weiter. Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben:
sie schlug eine Seite nach der andern um: dann lehnte sie sich
zurück, eine Träne stand in ihrem Auge. Sie sah mit einem fle-
henden, verzweifelnden Blick auf den kleinen Tisch, der so viel
Widersprechendes friedlich umschloß. Sie stützte den Kopf auf
die Lehne ihres Sessels; es war Sonntag. Die Glocken läuteten,
aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel herüber. Wally
war in Tränen aufgelöst. Kann man dem Himmel ein schöneres
Opfer bringen? Diese Tränen flossen aus dem Weihebecken einer
unsichtbaren Kirche. Die Gottheit ist nirgends näher, als wo ein
Herz an ihr verzweifelt.

Aurora kam zurück. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer.

Wally hätte absagen müssen; aber sie war willenlos. Sie fand die
Ritter von den fünf Ringen, einige von ihnen leicht verwundet.

Wally erschrak, als sie von dem Vorfalle hörte. Cäsar war am

Arme blessiert. Aber schon die Nachricht, daß keine Gefahr vor-
handen sei, richtete sie auf; und wie in der menschlichen Seele
Schmerz und Freude sich ergänzen und das Linderungsmittel des
einen Übels auch alle übrigen Sorgen heilt, die mit ihm in keiner
Verbindung standen, so wandte sie sich teilnehmend dem Gesprä-
che zu. Es war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit
wegen. Man soll vor Tische von keinem Menschen verlangen, daß
er geistreich sei.

Wally konnte lachen und lachte übermäßig.

4

Beide sahen sich eine Woche später. Wally hatte nicht das Herz,

von dem Vorfalle zu sprechen. Aber es währte nicht lange, so spra-
chen sie über den Mut.

— 7 —

Sie wollte wissen, ob der Mutige die Gefahr absichtlich verklei-

nere oder geringer achte, ob der Mut noch während der Gefahr
daure oder nur das Vorspiel der Gefahr sei. Cäsar sagte, er habe
nie über den Mut nachgedacht, besäße ihn auch nicht hinreichend
dafür. Wally brannte der Vorfall auf den Lippen; aber sie hielt an
sich und lächelte bloß.

»Ich glaube«, sagte Cäsar, »daß es Menschen gibt, deren Mut

darin besteht, daß sie die Gefahr gar nicht sehen. Das sind die-
jenigen, welche als die vorzugsweise Mutigen überall gefürchtet
werden: auf den Universitäten jene unverschämten Knaben, die
gegen jedermann die Hand in die Seite stemmen und von Verach-
tung und Malice übersprudeln; unterm Militär diejenigen, welche
ihren Säbel gern so hängen, daß sie ihn hinter sich klirren hören.
Man kann aber sagen, daß wenn diese Menschen Einbildungskraft
genug hätten, die Gefahr zu sehen, sie die verzagtesten sein wür-
den. Der Besonnene ist von Natur niemals mutig. Er folgt nur den
Rücksichten und ist unerschrocken, weil die Sache einmal nicht
zu ändern ist.«

Wally fand diese Äußerungen durchaus nicht so liebenswür-

dig, wie sie gewohnt war, dergleichen von ihren männlichen Um-
gebungen zu hören. Es war in ihrem innerlichen Urteile etwas,
was einen guten Schein hatte. Sie vermißte an Cäsar den Reiz der
Natürlichkeit. Seine Reflexion zog an, befriedigte aber das Tem-
perament nicht. Nichtsdestoweniger traf sie sehr gut die Gedan-
kenreihe Cäsars, indem sie fortfuhr: »Ich glaube fast, Sie halten
die Tugend für eine Berechnung?«

»Die Tugend nicht«, entgegnete Cäsar; »aber alles, was man

gern für Instinkt anzusehen gewohnt ist. Unsre Handlungen sollen
berechnet sein, unsre Empfindungen sind es. Ich erinnere Sie nur
an das Unbequeme mancher Empfindung, mit der wir gern koket-
tieren, die uns aber in gewissen Zeiten recht zur Unzeit kömmt.«

»Sie sind ohne Natur«, sagte Wally.
»Ich bin ohne Verstellung«, fiel Cäsar ein.
»Ohne Verstellung? Jeder Satz in Ihren Theorien scheint von

Ihren zufälligen Zwecken abhängig zu sein.«

— 8 —

Cäsar mußte lächeln; er hatte etwas gesagt, was er nicht mein-

te.

»Glauben Sie«, fragte er, »daß es in der Liebe eine Höflichkeit

gibt?«

»Das versteh’ ich nicht.«
Cäsar blickte finster und wollte abbrechen.
»Was ist Ihnen?« fragte Wally.
»Ich denke, Sie vermeiden, über einen Zustand zu sprechen,

den Sie vielleicht nicht zu kennen vorgeben.«

»Halten Sie mich für eine Närrin?« fragte Wally, erst bös, dann

aber hellte sich ihr Antlitz zu einer Liebenswürdigkeit auf, die Cä-
sarn fast einen Augenblick zu verwirren schien.

»Nehmen Sie nur an«, sagte er, »wie unzeitig und unbequem

man werden kann, wenn man seinen Leidenschaften immer den
natürlichen Raum läßt. Ich verspreche zum Beispiel einer Dame,
sie einen Tag um den andern zu besuchen. Was heißt das? Sie
ist einen Tag um den andern in der Spannung, wo sie glaubt, be-
glücken zu können. Ihre Gedankenreihen werden immer einen
Tag überschlagen, einen Tag, wo sie nicht untreu, aber ohne Rap-
port und Illusion ist. Man kann nicht unhöflicher sein als an die-
sem Tage, der überschlagen werden sollte, der für die Liebe gar
nicht da ist, seine Braut zu überraschen.«

Wally lachte laut auf. Jetzt hielt sie Cäsarn für einen Narren

und fragte ihn, welche Frau ihm diese Geständnisse gemacht ha-
be.

Cäsar war kein Pedant, er lachte mit, fuhr aber fort: »Ich ver-

sichre Sie, es ist nichts abscheulicher als das Ungeschickte und
Unbequeme. Der Instinkt mag hier manche üble Empfindung hin-
tertreiben; aber sicher geht allein die Combination der Psycholo-
gie. Ich möchte um alles in der Welt zu einer gewissen Zeit, unter
gewissen Umständen von der Freundschaft kein Opfer, von der
Liebe keine Zärtlichkeit verlangen. Mit unsrer rohen Natürlich-
keit sind wir immer gewohnt zu übertreiben; in nichts sind wir
aber übertriebener als in unsern Forderungen. Ist es erhört, was
der Enthusiasmus nicht alles in den gefühlvollen Beziehungen der
Geschlechter oder in der Freundschaft zu entdecken glaubte! Wer

— 9 —

kann das alles leisten! Wer kann so unhöflich sein, alle diese Lei-
stungen in Anspruch nehmen? Sagen Sie!«

»Ich habe vergessen, Rumohr zu lesen«, antwortete Wally.
»Rumohr!« sprach Cäsar; »Rumohr hatte vielleicht Anstand,

aber nicht Geist und Mut genug, eine ›Schule der Höflichkeit‹ zu
schreiben. Rumohr glaubt an seine Vorschriften und scheut sich
doch, die meisten davon anders als in einem gewissen Helldun-
kel zu geben. Rumohr glaubte, er müsse sich immer noch eine
Hintertür offenlassen, um nicht für einen Fant zu gelten. Auch ist
dieser Mann so sehr in die Klassizität verrannt, daß er alle Tugen-
den und Untugenden des Altertums aufzählt, aber ein wichtiges,
modernes Laster ganz mit Stillschweigen übergeht, ein Laster, wo-
für die Alten gar keinen Ausdruck hatten. Rumohr konnte davon
nicht sprechen, weil er selbst darin ganz verstrickt ist. Dies ist die
Langeweile. Aber was Rumohr? Es gibt eine weit tiefere Höflich-
keitstheorie, welche auf ästhetischen und moralischen Prinzipien
zu gleicher Zeit beruht. Soll ich ihren Grundsatz nennen? Lassen
Sie aus einem christlichen Gebote nur einen Buchstaben weg. Ra-
ten Sie!«

Wally wurde rot: nicht des Rätsels wegen, sondern des Chri-

stentums.

Cäsar ergänzte sich selbst und sagte: »Lebe deinen Nächsten

wie dich selbst! Sei Egoist, ohne deinen Nachbar zu verwunden!
Wenn ich mich in die innersten Falten Ihrer Seele (Falten! Ihre
junge Seele! Aber die Seele ist immer alt, der Teil der jahrtau-
sendjährigen Urseele und Weltseele, der in uns wohnt), wenn ich
mich in sie versetze, so bin ich gewiß, immer die Wirkungen zu
veranlassen, die ich eine Minute vorher schon bestimmen kann.
Sie hören mich nicht mehr. Es ist wahr, ich habe zu laut gespro-
chen.«

Der gute Cäsar mit seinen langweiligen Theorien! Er mochte

wunder glauben, wie zart er die Fibern des menschlichen Her-
zens anatomiere; und hatte schon längst seine Widersacherin in-
nerlichst verletzt. Er wußte dies nicht und schämte sich, so theo-
retisch debattiert zu haben. Um die Sache war es ihm gar nicht
zu tun. Er hatte überhaupt nur zwei Steckenpferde, auf denen er

— 10 —

sich heißreiten konnte, die Verachtung der Musik und die Stren-
ge der Erziehung. Diese beiden Fragen interessierten ihn, weil sie
das Nächste berührten, das Zimmer des Nachbars gleichsam, weil
die Musik sich gern in der Gesellschaft breitmacht und über Er-
ziehung so viel Empfindsames gefaselt wird. Er pointierte die Ver-
achtung der Musik, um die jungen Damen (welche, wenn man
von ihnen Gedanken verlangt, mit Musik antworten) ihre Leere
fühlen zu machen: in der Erziehung aber den Stock, um sich das
Geschwätz über Kinder, das Präsentieren der lieben Kleinen, die
Koketterie mit seiner Einzigen oder seinem jüngsten Balge vom
Leibe zu halten. Auf alles übrige ließ es Cäsar ankommen. Für
Himmel, Hölle, Erde und was drin, drauf und drunter ist, nahm
er nur Interesse, um sich zu unterhalten oder eine hübsche Wen-
dung darüber zu haben.

Warum ist Cäsar kein Schriftsteller geworden? Er würde ein

vortrefflicher Dialektiker sein, immer gute Gedanken haben und
jedenfalls einen glänzenden Stil schreiben.

5

Wir sind noch in derselben Gesellschaft, wo über Herrn von Ru-

mohr so abfällig geurteilt wurde. Wally ist nur hingebender und
Cäsar erschöpfter geworden. Er war im Zuge, links und rechts sei-
ne zusammenhanglosen Einfälle auszustreuen und grade im Ge-
gensatz zu seiner Höflichkeitstheorie alle Welt zu verwunden. Die
Hauptunterhaltung hatte der lange blonde Mann an sich gerissen,
welcher über das Unzeitgemäße politischer Garantien geschrie-
ben hatte. Mit ihm korrespondierte ein Justizrat, welcher anony-
mer Verfechter von verschiedenen Lehrbüchern zur Kenntnis des
Allgemeinen Landrechts war oder doch sein sollte. Beide zitierten
sich wechselseitig als Autoritäten, der Junge den Alten der Carrič-
re wegen: der Alte den Jungen, weil er wußte, daß der Nachruhm
in den Händen derer liegt, die nach uns leben. Cäsar war auf der
Folter: er ahnte, daß sie ausschweifen wollten, daß sie auf dem
Wege waren, zur schönen Literatur überzugehen.

»Wirklich?« zitterte er für sich hinein. »Wahrlich! Ja, sie müssen

– Oh – .« Cäsar war aufgesprungen.

— 11 —

Er wollte fort. Wally frug ihn, was er hätte?
Der Justizrat, Mitglied einer Liedertafel, das heißt eines Ver-

eins, wo man über Tafel die schlechten Compositionen eines Zel-
ter und anderer zu singen pflegte, rief: »Ist es nicht auffallend,
daß auch nicht ein einziger aus der neuen Schule in Deutschland
sich auf Musik versteht. Wie schön hat Tieck die italienische Musik
in seinen Sonetten charakterisiert! Wie treffend drückt er in sei-
nem Vorspiel zum ›Gestiefelten Kater‹ oder zur ›Verkehrten Welt‹,
ich weiß nicht, das Wesen der verschiedenen Instrumente aus!
Wie hat die ganze romantische Schule in der Musik gelebt!«

»Und Hoffmann«, rief eine ältliche Dame, die ihrem Teint nach

mit Napoleon verwandt sein konnte.

»Und Hoffmann!«, fielen alle ein.
»Ja«, rief der Justizrat, »Hoffmann, der mein Kollege war!«
Cäsar sagte ruhig: »Ich weiß nicht, worin der Zusammen-

hang der Literatur und der Instrumentation liegen sollte. Goethe
scheint mir auch ohne den Kontrapunkt verständlich zu sein.«

Aber der Justizrat hatte das Wort: »Man hat noch immer ge-

funden, daß irgendeine Beschäftigung, welche dem Dichter sonst
noch teuer und lieb war, recht hübsch das Wesen seiner eigenen
Poesie ausdrückte. Ich rede von Homer und Ossian nicht, Män-
nern, die mehr Musiker als Dichter waren; aber Goethe arbeitete
in Pappe, wenn ich nicht irre. Schiller war Compagnie-Chirurgus.
Nun sehen Sie, das ist prosaisch genug; sagen Sie mir von allen
neuen Autoren einen, der ein gutes Urteil über Musik hätte? Es ist
Mangel einer gewissen Saite in der Seele, daß es ganz unmöglich
ist, die Namen Menzel, Börne, Heine usw. mit irgendeiner musi-
kalischen Verrichtung zusammenzubringen.«

»Die Lärmtrommel!« hieß es irgendwo. Man beklatschte den

Einfall und nannte ihn witzig. Aber recht hatte der Justizrat; auch
Cäsar, wenn er sagte: »Was kann empfehlenswerter für die Rich-
tung sein, welche unsre ersten Geister nehmen? Alle frühere Lite-
ratur bildete sich im Interesse irgendeiner vereinzelten Kunst oder
Tendenz: die Lessing-Goethische Zeit im Interesse der Antike: die
Romantik im Interesse der Malerei: die Phantastik im Interesse

— 12 —

der Musik. Erst in unsern Tagen sammelt die Literatur ihre Vor-
posten, die sich in die fremden Feldlager ganz verloren hatten,
und zieht sie in den Kern ihrer Kräfte zurück, um aufs neue zu
bestimmen, welches ihr Zweck ist. Ich glaube, daß sich die Litera-
tur ausdehnen wird auf andre Felder, um sie zu befruchten; aber
wahrlich, mein Herr, auf die Musik nicht!«

Bis hierher sprach Cäsar so richtig, daß es unnütz gewesen wä-

re, Unterschriften darauf zu sammeln. Das Folgende schien zwei-
felhafter: »Was soll überhaupt die Musik? Diese klingende Mathe-
matik? In der Erziehung sind die geometrischen Köpfe meist die
dicksten und härtesten, und in den großen Musikern habe ich im-
mer Leute gefunden, die, obschon sie immer mit Schlüsseln um-
gehen, doch über nichts Aufschluß geben können. Die Musik ist
eine ganz sinnliche Kunst. Wenn Sie dem Otaheiter einen Trau-
ermarsch von Spontini vorspielen, mein Herr, glauben Sie, daß er
weinen wird? Er wird springen und seine Kokosschale vor Lebens-
lust bis auf die Hefe leeren. Musik ist absolut nichts: die Bildung
legt erst das hinein, was wir darin zu finden glauben. Wenn ich bei
irgendeinem Musikstück ein solcher Narr bin, an die Unsterblich-
keit der Seele zu glauben, so verbinden zu gleicher Zeit Sie damit
einen Begriff, welcher vielleicht der entgegengesetzte ist. Wenn
Sie bei einer Symphonie von Beethoven an einen gotischen Dom
denken, so dachte der Komponist an das Giebeldach einer Bauer-
hütte. Nein, mein Herr, die Musik wird aufhören, zu den Künsten
gerechnet zu werden. Nähert sich die Musik in der Oper nicht
schon immer mehr der rhetorischen Deklamation? Ist die Spra-
che, das volle, tönende, menschliche Wort nicht unendlich höher
als der unnatürliche Gebrauch einer ganz im tiefsten Schlunde
versteckten zufälligen Fertigkeit? Ich bitte Sie, überlegen Sie das,
mein Herr!«

Hier war keine Verständigung mehr möglich. Was sind Hun-

derttausende in der Welt ohne das bißchen Fortepiano, was sie
spielen können! Es war, als hätte einer gesagt, die Frauen sollten
keine Gigotärmel mehr tragen. Was wären diese schmalen Brüste,
diese gedankenlosen Köpfe ohne Gigots, ohne Pianoforte! Und
doch strafte man Cäsarn nicht durch Stillschweigen, ging nicht

— 13 —

wie wegen eines Tollen zur Tagesordnung über, sondern schrie auf
und rief das Gefühl, den Himmel, die Moralität zu Hülfe, um einen
Ketzer zu bekehren. Der blonde Unzeitgemäße war so glücklich,
die Frage in das Gebiet der Politik hinüberzuspielen und aus der
Musik eine Sache des Staates zu machen. Hierüber schwieg Cäsar.

Ihn verdroß nichts mehr als das Warmwerden. Er wußte zu

gut, daß die Adler niemals in der Fläche horsten. Warum Niaga-
radonner, wo Knallerbsen genügen? Er gab sich willig dem Spotte
Wallys hin, die viel zu leichtsinnig war, auf dergleichen Debatten
etwas zu geben, zu eitel, um eine allgemeine Unterhaltung inter-
essant zu finden, und die überdies weder sang noch spielte. Wally
hatte Ideen, aber nur momentan; sie verschmähte es, die Geist-
reiche zu scheinen, weil sie wußte, daß sie schön war. Flüchtig
waren ihre Bewegungen, liebenswürdig, ohne Pedanterei ihre Ca-
pricen. Cäsar fühlte das und badete sich in dem oberflächlichen
Schaume, den Wally von den Ideen nur gelten ließ. Cäsar hatte
recht, sie für unfähig zur Spekulation zu halten. Er nahm sie wie
ein humoristisches Capriccio der animalischen Natur.

Beide spotteten im Vertrauen über sich, über alle. Was sie spra-

chen als Sprechenswertes, waren Raketen, die sie sich einander
zuwarfen. »Warum brechen Sie über Politik ab?«

»In Athen durfte kein Volksredner auftreten, der nicht verhei-

ratet war.«

»Was Sie gelehrt sind! Ich bin es auch: in Kreta durfte niemand

Gesetze geben, der nicht einen Strick um den Hals hatte.«

»Das ist dasselbe Gesetz: Die Athener wollten eigentlich auch

sagen, der keinen solchen Strick am Halse habe.«

»Wie unanständig!«
»Wally!«
Wally lachte: es war ein hübscher, vertraulicher Ton, in dem ihr

Cäsar drohte. »Was machen Sie mit Leuten, die Ihnen gefallen?«
fragte sie ihn, ohne zu wissen, was sie fragte.

»Alles, nur nicht ihre Bekanntschaft.«
»Das ist auffallend! Doch können Sie recht haben.«
»Wonach beurteilen Sie die Menschen, Wally?«

— 14 —

»Nach ihren Werken! – O Gott, nein; dies wäre ja albern geant-

wortet, wie im Katechismus. Sagen Sie?«

»Nach dem, was sie sind?«
»Nein, nach dem, was sie imstande wären.«
»O Wally, Sie sind liebenswürdig! Woran würden Sie denken,

wenn Sie jemanden prüfen wollten, der zu lieben wäre?«

»An die außerordentlichen Fälle.«
Cäsar schwieg. Diese Antwort war zu ernst. Er betrachtete die

fünf Ringe, die er über seinen Handschuhen trug, und fragte
dann: »Sie reisen ins Bad?«

»In acht Tagen.«
»Sie werden den Rhein sehen?«
»Von Mainz bis Köln.«
»Von Mainz bis Düsseldorf. Sie dürfen einen Besuch bei den

Malern und bei Immermann nicht unterlassen. Läge Düsseldorf in
Thüringen, es würde ein zweites Weimar werden.«

»Sind die Ufer in der Tat so reizend?«
»Gefällig sind sie und da schön, wo Sie etwas von Rührung

einfließen lassen in Ihre Betrachtung.«

»Das versteh’ ich nicht.«
»Das Schöne, Wally, ist immer das Überraschende. Ich bin ur-

sprünglich kalt gegen alles, was in Deutschland für schön ausge-
geben wird. Am Lurleyfelsen, wo der Rhein sich wie ein See ver-
engt, wo Flinten abgeschossen und Waldhörner geblasen werden,
um die Echos, von denen die Handbücher sprechen, zu beweisen:
da werden Sie durch diese Zurüstungen zur Wehmut übermannt
werden. Ihr blondes, bescheidenes Deutschland, dem Sie nichts
zutrauten, nicht einmal das Echo des Lurley, wird Sie rühren, und
bei einer fließenden Träne werden Sie sich gestehen müssen, daß
der Rhein in der Tat ein schöner Strom ist.«

»Sie wollen sagen, die Natur spräche nur zu uns, je nachdem

unser Auge und Herz sie ansieht.«

»Ich stand in dem Kölner Dome. Sie kennen das zerrissene Prin-

zip unserer Zeit, nichts anzunehmen, was vielleicht richtig ist,
aber von Leuten proklamiert wurde, die uns widerstehen. Der En-
thusiasmus der einen erkältet immer die andern. Ich wollte den

— 15 —

Kölner Dom ironisch betrachten und mußte weinen, da ich ihn
sahe, über das Unvollendete der Idee, über die dünnen Hammer-
schläge der Ausbauer, welche durch die mächtigen Räume picken,
über mich selbst, der sein Herz künstlich verhärtet und zu einer
gemachten Empfindungslosigkeit herabgestimmt hatte.«

»Die Dampfschiffe fahren zu schnell.«
»Sie fahren zu langsam und sind für das Auge ermüdend. Der

Gedanke einer feurigen, über das Wasser kriechenden Schildkrö-
te steht vor unsrer Einbildungskraft, und wir sind einmal daran
gewöhnt, das Kriechen für langsam zu halten.«

»Ein sonderbares Bild! Worüber nur meine Tante so lacht?«
»Ihre Tante ist eine Spinne, die über den Ozean kriecht.«
»Wieso?«
»Sie spekuliert in Papieren.«
»Sie spricht über Politik: ich verstehe nichts davon.«
»Verstünden Sie davon, so glichen Sie einem Schmetterling, der

sich in die gaserleuchtete Verwirrung eines Salons verflogen hat.«

»Schmetterlinge sind zu Gleichnissen verbraucht.«
»Wie die Unsterblichkeit selbst.«
Wally errötete. Sie blickte auf Cäsars frivoles Lächeln und nahm

dies Lächeln für eine Gewißheit, die sie erschrecken machte.

»Wir sähen uns nicht wieder?« fragte sie beklommen.
»Gesetzt, nur die Guten sähen sich«, antwortete Cäsar, »so läßt

die Tugend so viel Nuancen übrig, daß nichtsdestoweniger im Jen-
seits eine Mannigfaltigkeit entstünde, die in seiner nächsten Nähe
zu haben Gott kein Vergnügen machen würde. Ja, wir selbst wür-
den uns weigern, alle die zu lieben, welche im Leben ehrliche,
aber oft die langweiligsten Menschen waren. Ich weiß aber nicht,
wie aus einem langweiligen Menschen plötzlich ein interessanter
Engel werden könnte.«

»Sie sind kein Christ?«
»Glauben Sie, daß Christus von den Toten auferstanden ist?«
»O Gott, lassen Sie, ich kann darüber nicht nachdenken. Ich –

«

— 16 —

Sie stockte. In ihrem Auge sprach sich ein zerreißender Schmerz

aus. So hatte sie Cäsar noch nicht gesehen. Sie erhob sich unru-
hig und war für diesen Abend verschwunden. Cäsar begriff hievon
nichts. Er war so leichtsinnig, an alles zu denken, nur nicht an die
Religion. Aber Wally hatte ihn entzückt. Soweit Menschen dieser
Art noch lieben können, war Cäsar außer sich. Er folgte Wally
ohne Aufenthalt.

6

Wallys Tante litt an nervösen Reizungen und Abspannungen,

an Herzklopfen, Übeln, für welche die Ärzte unter den nassaui-
schen Bädern das tristeste, Schwalbach, empfehlen. Wally konn-
te in Wiesbaden und Ems tanzen, aber in Schwalbach mußte sie
der alten Dame die Zeitungen und Kurszettel vorlesen (die Frau
spekulierte wahrhaftig in Papieren!); in Schwalbach mußte sie so
manchen häuslichen Dienst übernehmen, den man bald von sich
abwälzen würde, wenn man nicht das Vergnügen hätte, in einem
Bade zu leben.

Sie hatte dies wunderbare Nassau erreicht, diese unterirdische

Küche Hygieas, mit ihren Gebirgskesseln, in denen die heilsamen
Quellen sieden und dampfen. Von üppiger Natur kann bei einem
Lande nicht die Rede sein, das von Alaun und Schwefel unter-
miniert ist und in der Ernte immer einen Monat zu spät kömmt.
Zwerghaft sind die Bäume auf den Hügeln: aber reizende Per-
spektiven öffnen sich zahlreich in die weiten Täler. Nichts ist hier
schöner als die mannigfachen Schattierungen des grünen Kleides
der Natur. Man steht an der morsch zerbröckelnden Mauer einer
hohen Straße und sieht kleines Gesträuch zunächst zu seinen Fü-
ßen; dann tiefer einen Wald, der sich mit den schwärzesten Tinten
in die tiefste Spalte des Tales verliert und in einem dumpfen Mur-
meln, in dem Rieseln eines Waldbaches zu enden scheint; dort
aber erhebt sich wieder der Blick die grüne Alpenmatte entlang,
welche am andern Ende des Tales aufwärtssteigt. Auf dem fri-
schen, üppigen Teppich weidet das Auge, bis sich die Sehkraft in
jenen dunkeln Kranz von Fichten verliert, welcher den äußersten
Horizont umsäumt. Ist das nicht viel für ein Land, wo die Natur

— 17 —

sich an gekochtem Wasser erfrischen muß? Das Land ähnelt der
Schwäbischen Alb. Auch sprechen die Leute mit schwäbischem
Accent.

Wally hat für solche Bemerkungen keinen Sinn: ich führe sie

auch nur an, um durch Wallys Mängel ihre Besitztümer anzudeu-
ten. Sie ist ohne Schwärmerei für die Natur, ohne Sinn für Blu-
men, welche sie zerkaut, wenn sie ihr in die Hand kommen. Son-
ne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen, ohne von Wally bemerkt
zu werden. Jedermann wird bereit sein, sie gefühllos zu nennen,
und ihr dennoch Unrecht tun. Wallys unaussprechlicher Reiz ist
ihre Natürlichkeit. Sie gibt sich, wie sie ist, und hat die Tugend,
alles beim rechten Namen zu nennen. Sie war sehr unglücklich,
in Schwalbach leben zu müssen.

Doch traf sich alles besser, als man erwartet hatte. Das allmäh-

liche Herunterkommen der Romantik erschlafft die bisher ange-
spannten Nerven der Nationen. Es waren Deutsche genug da, die
an Hoffmanns Tode litten, Franzosen genug, welche die üblen Fol-
gen von Victor Hugos ruhendem Federkiel spürten. Sie alle woll-
ten Reiz. Die spanische Krisis war vielen in den Unterleib geschla-
gen und hatte Hypochondrie erzeugt. Stahlbäder sind sehr anzu-
raten. Es war gedrängt in all den Höfen, Goldnen Ketten, Gasthö-
fen zu den beiden Indien. Wally wohnte im Kaisersaal.

Eines Tages stand sie an einem Orte, den sie vorzüglich lieb-

te, am grünen Tische. Sie hazardierte im Pharo. Sie gewann; sie
gewann immer; vielleicht weil Dreistigkeit auch das einzige Ge-
heimnis im Spiele ist. Noch ist es mir unerklärlich, wie die schüch-
ternsten Weiber sich an Dinge wagen, an welche die mutigsten
Männer immer mit einer Art von Zaghaftigkeit herangehen. Sie
sind die ersten, wo es gilt, einen Turm zu besteigen, auf einem
schwindelnden Wege zu gehen, Pistolen abzuschießen, mit einem
Eskamoteur in Korrespondenz zu treten, auf Vexierstühle und an
die Elektrisiermaschine sich zu stellen. Namentlich wird sich auf
diese letzten Dinge oft der mutigste Mann nicht einlassen. Warum
die Frauen? Weil sie gewohnt sind zu herrschen? Weil man ihnen
genug sagt, daß ihrer Schönheit nichts widerstehen könne? Wally

— 18 —

spielte in der Tat, weil es ihr schon zur andern Natur geworden
war, in jeder Lage zu gewinnen.

Plötzlich wird sie unruhig. Sie verliert. Ihr Glück stürzt zusam-

men. Sie fühlt, daß ihr ein Dämon entgegentritt und ratet auf
Cäsar. Sie wußte, daß ihr alles Widerwärtige nur von einem Man-
ne kommen konnte, der sie beunruhigte und der sie vielleicht zu
lieben anfing. Wally blickte um sich; Cäsar stand in einer Ecke,
grüßte stumm, bot ihr den Arm und führte sie in die Zimmer ih-
rer Tante zurück, einer Dame, welche er einst mit einer Spinne
verglichen hatte, die über das Weltmeer kreucht.

7

Ein Gewitter in Schwalbach ist immer eine Katastrophe; aber

sie geht vorüber. Noch gefährlicher ist es, wenn der Himmel je-
ne weinerliche Laune hat, daß er von der grauen Wolkendecke
unaufhörlich einen nassen Staub tröpfeln läßt. Dann kann man
in Schwalbach am besten alle jene Übel bekommen, für welche
sein Stahlwasser so gut sein soll. Ist man nicht melancholisch, so
wird man es erst. Wally weinte den ganzen Tag vor Ungeduld. Sie
wollte nach Wiesbaden; aber ihre Tante bestand darauf, daß ihr
die spanische Krisis im Unterleibe säße. Der Geheimerat Fenner
von Fenneberg, der Arzt der Saison, warf sich gegen jede Unbe-
sonnenheit ins Mittel. Wally wollte sterben vor Langerweile. Ihr
werdet sagen, sie muß schlecht erzogen worden sein. Gewiß, das
war sie.

Cäsar bot alles auf, ihr die trübe Zeit zu verkürzen. Er erzähl-

te ihr Beobachtungen aus Schwalbach, die gar nicht verdienen,
übergangen zu werden, z. B. folgende: »Haben Sie noch nichts
vom tollen Bärbel gehört? Das tolle Bärbel steht den ganzen Tag
vom frühen Morgen bis in die späte Nacht an der Hinterpforte
des Gasthofes zu den beiden Indien, die auf die Landstraße nach
Ems hinausführt, und späht in die Extraposten, welche den Berg
herunterkommen. Sie ist von einem etwas gedrückten Wuchse
und hat matte Augen; aber ihre Gesichtsbildung ist im höchsten
Grade einnehmend, die Haut von der ganzen Feine und Weiße,

— 19 —

welche zu blondem Haare gehört, um blonde Mädchen erträg-
lich zu machen. Der Reiz Bärbels würde noch weit mehr hervor-
treten, wenn die fixe Idee, welche sie beherrschen soll, ihr nicht
den an Wahnwitzigen so unheimlichen Ausdruck und die eigen-
tümliche Verrückung aller Bewegungen gäbe. Und woran leidet
sie? An zwei verunglückten Saisons. In der ersten soll sie der Ge-
genstand irgendeiner eleganten Herablassung gewesen sein, die
glücklicherweise ohne Folgen blieb. Sie fiel einem jungen Man-
ne in die Augen, der sie dann drei Monate lang nicht aus seinen
Händen ließ und vielleicht gar mit ihr über Vorurteile der privile-
gierten Stände, über die allgemeine Stimmberechtigung der Lie-
be und morganatische Ehen philosophiert hat. Er versprach, im
nächsten Jahre wiederzukommen. Einen langen Herbst und Win-
ter, einen ganzen Frühling hindurch war Bärbel glücklich und das
frommste Mädchen in Schwalbach. Sie war die erste und letzte
in der Kirche, die freundlichste zu aller Welt. Die Mäßigung in ei-
nem Glücke, das ihre Kräfte überstieg (nämlich das Wiedersehen
war für sie schon ein grenzenloses Glück: wie leicht wird es Gott,
seine Geschöpfe selig zu machen!). Diese Mäßigung stand ihr un-
gemein schön, wie die Leute sagen, die aus ihrer jetzigen Ver-
wirrung das Vorangegangene herausgelockt haben. Da kam die
zweite Saison. Bärbel stand an der Gartentür der beiden Indien.
Ein großer Reisewagen, turmhoch bepackt, mit sechs Pferden be-
spannt, glitt am Hemmschuh bedächtig die Höhe herab. Vorn und
rückwärts Bediente, Kammerzofen, Bologneser Hunde, ein Papa-
gei, ein Geschwätz und Gekrächz, das eine ganz neue Welt in das
alte Schwalbach zu bringen schien. Bärbel stand auf den Zehen,
blickte in den offenen Schlag und stieß einen entsetzlichen Schrei
aus. Sie hatte die untreue Herablassung gesehen, wie sie die Hand
eines jungen reizenden Weibes küßte. Es war des jungen Paares
erste Badereise, gleich nach der Hochzeit. Das sahe auch Bärbel
sogleich ein, nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war,
denn noch war sie nicht närrisch; aber sie wurde es; schon durch
die Ungewißheit, das Herumlaufen, Fragen, Erkundigen, Abge-
wiesenwerden durch impertinente Bedienten, durch die Scham,
den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen und ihm

— 20 —

nicht zu Füßen fallen zu dürfen. Sie war den Winter über ganz
still. Mit dem Frühjahr wurde sie unruhig, holte immer tiefere
Seufzer, schüttelte viel den Kopf, und nun steht sie seit dem er-
sten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den beiden Indien und
muß immer mehr erkranken, schon am Sonnenstich. Sie sieht in
jede Kutsche und schämt sich, wenn man ihr Geld zuwirft. Sie
ist für alle Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Ho-
nig ausgefüllte Stock, um die wilden Almosenbienen zu fangen.
Sie ist die unschuldige Heilige, die stumm für sie alle bittet und
nichts davon hat als immer tiefern Wahnsinn.«

»Oh, ich bitte Sie, erzählen Sie Geschichten, die sich runden

und einen Schluß haben!« fiel Wally ein mit der ganzen Fühllosig-
keit, die sie allein schon charakterisieren würde, wenn sie dieselbe
nicht mit allen Frauen gemein hätte, wo es sich um die Herzens-
leiden irgendeiner ihrer Schwestern handelt. Sie sind dabei alle
kalt, eine gegen die andere.

»Den Schluß müssen wir abwarten«, sagte Cäsar, erschrocken

über Wallys Phlegma. Er hätte sie aufgegeben, wenn sie als Phä-
nomen nicht seine Neugier reizte. Auch würde er sich Vorwürfe
gemacht haben, Wally nachgereist zu sein, wäre diese Mühe ver-
gebens gewesen. Er dachte in der Tat daran, bei ihr zu irgendei-
nem Ziele zu gelangen.

8

Nach einiger Zeit teilten sich die Wolken über dem Tale. Es war

möglich, ins Freie zu treten. Cäsar und Wally stiegen die Straße
nach Ems hinauf. An der Türe der beiden Indien stand das stille
Bärbel und betrachtete sie beide mit einem wehmütig-rührenden
Blicke. Wally blieb kalt dabei; er konnte das nicht begreifen.

»Ich will Ihnen, Wally«, sagte er, »eine andre Geschichte erzäh-

len, die sich in unsrer Nähe begibt und in der Tat schon eine Art
Schluß hat. Glauben Sie nicht, daß ich die Demokratie so weit
treibe und auf Entdeckungen in den Hütten ausgehe. Die Schwal-
bacher bilden sich ein, ihre Gäste unterhalten zu müssen, und so
erfuhr ich etwas, was würdig gewesen wäre, von Hoffmann bear-
beitet zu werden. Sie kennen die nassauischen Soldaten, Wally!

— 21 —

Sie haben über Brust und Schulter gelbe Bandeliere, was für ein
preußisches Auge kurios läßt. Die Artillerie ist schöner, aber hö-
ren Sie von einem Tambour bei jener Infanterie. Der junge Mensch
stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente
gewesen sein. Niemand in der nassauischen Armee schlug wie er
die Reveille mit solcher Fertigkeit. Seine Wirbel sollen den Tur-
billons geglichen haben, welche bei Feuerwerken aufsteigen, nur
daß er imstande war, eine Viertelstunde lang die Schlägel in die-
ser tremulanten Bewegung zu erhalten. Namentlich aber gelang
ihm jenes hübsche Stakkato auf der Trommel, das mit Wirbeln
untermischt die Erschütterung des Kalbfells plötzlich hemmt und
einen ganz abbrechenden Ton, einen Ton ohne alles Echo her-
vorbringen muß. Sie sehen, welch einen Schatz das Haus Nassau
an diesem Tambour hatte. Unglücklicherweise verliebte sich aber
der militärische Künstler, und in ein Mädchen, das zwar den Wert
der Armee zu schätzen wußte, auch den der Musik, aber einem
Trompeter von der Artillerie schon den Vorzug gegeben hatte.
Hier mußte eine Rivalität eintreten, welche der Liebe ebensosehr
galt wie der Kunst. Der Tambour verzweifelte nicht; indessen war
er zu bescheiden. Er fühlte, wie sein Instrument, diese monoto-
ne Rhythmik, hinter der Trompete zurückstand. Sein Gegenstand
war die Tochter eines Wiesbader Bürgers, eines Mannes, den man
durch Auszeichnungen ehren konnte. Und wie zeichnete ihn der
Trompeter aus! Wenn er des Abends in des gehofften Schwieger-
vaters Gärtchen saß, siehe, dann setzte er das silberne Mundstück
an die glänzende Trompete und blies den Parademarsch ›Frisch
auf, Kameraden!‹, alle Walzer, von denen des Kursaals an bis zu
dem Zweitritt der Kirchweih. Das erfreute die Herzen dieser Men-
schen. Die Nachbarn sammelten sich: sie lauschten, sie klopften
an die Gartentür, sie kamen herein und tanzten auf dem grünen
Rasen. Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend die Nacht-
kappe zu lüften und war unbeschreiblich geehrt. Und wenn der
Trompeter mit seinen lustigen Stücken Feierabend machte und
sie alle aus dem Gärtchen mußten, um in der Finsternis die Bee-
te nicht zu verderben, dann blieb er mit der Tochter noch allein
und blies ihr Arien der Schwärmerei vor, ›Schöne Minka‹, ›Mich

— 22 —

fliehen alle Freuden‹, mit sterbenden, gedämpften und wie durch
Zugwind gehauchten Tönen, bis alles still wurde. Der Tambour
hörte diese Szenen täglich und verging vor Wehmut. Er war ei-
ne sanfte, echt deutsche Heimwehnatur, voller Empfindung und
Ehrgefühl. Jede Nacht badete er sich in Tränen und schlug die
Morgenreveille mit matten Händen. Das Feuer seiner Augen er-
losch. Er fluchte seinem Instrumente, fluchte der Artillerie und ih-
ren Trompeten. Was hatte er an seiner Trommel! diesem dummen
Lärmkasten, bei dessen Tönen sich die Gebildeten der Nation das
Ohr zuhalten, dieser Klangmaschine, die, wie man mich in meiner
Kindheit überredete, nur dazu da ist, auf dem Schlachtfelde das
Geschrei der Verwundeten zu übertäuben! Zum Unglück gab es
Augenblicke, wo der Tambour nichtsdestoweniger auf sein Instru-
ment eifersüchtig wurde. Ist es nicht das wohltätigste Instrument,
schlußfolgerte er, wenn es den Menschen anzeigt, wo Feuer aus-
gebrochen ist, um welche Zeit das Tor geschlossen wird; kann es
rührendere Töne geben als die dumpfen Wirbel beim Begräbnisse
eines meiner Kameraden! Bei der Erinnerung an den Tod stürzten
ihm die Tränen aus den Augen, von jenseits drang die Trompe-
te seines glücklichen Nebenbuhlers herüber, ach! diese freudigen
Töne durchschnitten grausam seine zitternde Seele. So schwand
er hin und wurde immer mehr das blasse Bild der Resignation.
Er dachte nur an den Tod und sagte oft, wenn er nicht käme, so
müsse er selbst sich ihn geben. Damit ging er lange um und wein-
te viel, sooft er beim Abendmahl und in der Kirche war. Aber es
half nichts: die Liebe zermalmte sein Herz, die Eifersucht vernich-
tete seinen Stolz, statt ihn zu erheben. Noch einmal richtete er
sich eines Abends auf, wo alles still war, am Tage vor der Hoch-
zeit der Trompeterbraut, und setzte sich dicht unter ihr Fenster
auf einen Stein. Zwischen den Füßen hielt er die Trommel ein-
gespannt und begann sie in der Stille der Nacht, wo alles schlief,
so schwermutsvoll und sanft zu rühren, daß es lange währte, bis
mehr darauf achteten, wie das Mädchen oben in der Kammer. Sie
hörte diese Serenade, sie wußte alles, denn sie hatte den Tam-
bour gekannt, ihn bevorzugt, ehe die Trompete kam. Sie zitterte
unter der Bettdecke, denn es klang wie zum Grab so hohl unterm

— 23 —

Fenster. Aber die Töne hoben sich, die Schlägel wurden dringen-
der, die abgestoßenen Punkte folgten Schlag auf Schlag: sie muß-
te aufspringen vor Entsetzen; die ganze Straße schien zu grollen
und die Steine dumpf aneinanderzuschlagen. Man rief: »Feuer!«
Sie riß das Fenster auf. Draußen war alles still; der Tambour war
nirgends zu sehen; auch beim Appell nicht. Man schiffte seine
Trommel bei Mainz an der Rheinbrücke auf: ihn selber einen Tag
später auf der nämlichen Stelle.«

Wally hatte von dieser Erzählung erwartet, daß sie in einer Be-

ziehung mit Schwalbach stünde, und allem, was auf diese Erwar-
tung keine Rücksicht nahm, nur eine oberflächliche Aufmerksam-
keit geschenkt. Sie blickte Cäsar mit ruhigem Auge an und fragte
kalt, was in dieser Geschichte mit Schwalbach zusammenhinge?
Cäsar fand diese Frage natürlich und legte sie sich nicht so empö-
rend aus, als sie ursprünglich war.

»Diese Historie«, fuhr er fort, »ist mehre Jahre alt. Der Trom-

peter heiratete die Tochter des Wiesbader Bürgers, nahm seinen
Abschied und zog nach Schwalbach, wo er die Direktion der Mu-
siken für die Saison zu übernehmen pflegt. Aber seine Frau lei-
det seit jener traurigen Katastrophe ihres verschmähten Liebha-
bers an einem unheilbaren Übel. Hätten die Ärzte nicht schon zu-
weilen ähnliche Beobachtungen gemacht, so würde man versucht
sein, hier an einen Spuk, an eine Rache des gespenstischen Tam-
bours zu glauben. Die Frau des Trompeters hört Tag und Nacht ein
dumpfes Murmeln an ihrem Ohr, das sich zu verschiedenen Zei-
ten steigert und ihr wie der Ton einer Trommel vorkommen muß.
Nachts schreckt sie aus dem Schlaf auf, zeigt mit stierem Blick auf
die Tür, wo sie den blassen, kleinen Mann mit seinem Instrumen-
te zu erblicken glaubt; sie hat nicht Ruhe, wie tief sie sich auch
in die Kissen des Bettes hineinwühlt. Die Ärzte nennen dies eine
unnatürlich präponderierende Kraft des Gehörsinnes und können
sich auf die gleichzeitige Tatsache berufen, daß alle übrigen Sin-
ne der Frau allmählich schwinden und der übermäßig hervorbre-
chenden Gehörskraft zu weichen scheinen. Dabei ist sie abgefal-
len und bleich, ihr äußerer Körper verringert sich immer mehr:
ich sahe sie, es ist eine ganz absorbierte Erscheinung, die Grausen

— 24 —

erregt. Sie selbst hat den festen Glauben an die Rache des Tam-
bours, oder wie es diese Leute nennen, daß er im Grabe keine
Ruhe habe. Sie versicherte mich, daß das Gespenst ihr überallhin
folge, in Küche, Boden und Keller; ja auf dem Wege, selbst im
Walde sähe sie ihn oft, den Toten, wie er leibhaftig vor ihr ste-
he, die kleine, bleiche Figur, mit der Trommel auf dem weißen
Schurzfell und dieselben gelbledernen Bandeliere um die Schul-
tern gehängt, welche uns Preußen so fatal sind. Die Ärzte wissen,
daß die Frau bald sterben muß an totaler Nervenentkräftung. Ich
glaub’ es. Gott, da steht sie!«

»Wo?« schrie Wally auf.
Cäsar lachte. Es war ein Scherz; aber sie hatte ihn übel aufge-

nommen und ließ sich mit der bittersten Laune über seine Späße
und abenteuerlichen Erzählungen aus.

»Gehen Sie mit Ihren Trommeln und Trompeten! Womit Sie

sich doch alles abgeben!« sagte sie mürrisch, empfahl sich und
wandte sich allein dem Kaisersaal zu, wo sie wohnte.

9

Diese Szene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage

folgten mit dem Sonnenscheine tausend Aufforderungen der Na-
tur, ihre Reize zu genießen. Bis in die entfernteste Umgegend tru-
gen Esel und kleine Gefährte den weiblichen Teil der Gesellschaft,
welche als die Crčme der Saison sich zusammengefunden hat-
ten. Wally war eine sprühende Girandole von Freude und Ausge-
lassenheit. Sie bildete den wahren Mittelpunkt der Gesellschaft,
so aber, wie es Wasserkünste gibt, wo man nur hier zu drücken
braucht, um auf der entgegengesetzten Seite überall lustige Fon-
tänen springen zu lassen. Cäsar war verschlossen und reflektierte
viel. Dem Beobachter konnte es nicht entgehen, wie tief sich Wal-
ly in seine Neigungen eindrückte. Wenn es nicht Liebe war, die
ihn trieb, so war es die Aufgabe, die sich seine Eitelkeit gestellt
hatte, Wally, diese Ungezähmte und Unbändige, überwunden zu
haben. Hütet euch, ihr Frauen! Die Liebe der meisten Männer ist
nichts als eine Huldigung, welche sie sich selbst bringen.

— 25 —

Der Rhein sollte das Ziel einer Spazierfahrt sein, der sich eine

große Anzahl von Badgästen angeschlossen hatte. Wally war noch
vor diesem Ziele zu sehr ermüdet, als daß sie weiterkonnte. Sie
blieb bei einem der Bedienten zurück, um die nachkommenden
Wagen abzuwarten. So trennte sie sich unbemerkt von der Ge-
sellschaft, so daß Cäsar, der auf Abwegen dem Zuge nachgeritten
war, erstaunte, sie allein zu finden. Er sprang vom Pferde und gab
es dem Bedienten. Wally und Cäsar gingen voran.

Der Verführung eines grünen Rasenplatzes mitten im Walde wi-

derstanden sie nicht. Während der Wagen und Cäsars Pferd auf
der Straße hielten, gingen sie dem einladenden Ruheorte entge-
gen und setzten sich auf abgesägte Baumrümpfe nieder. Es lag
etwas Mechanisches in diesen Bewegungen, als wenn eine Verab-
redung stattgefunden hätte, und doch schwiegen beide. Sie spra-
chen noch immer nichts, auch als sie beide mit gestütztem Haupte
sich gegenübersaßen.

»Seit einiger Zeit sind Sie auf mich erzürnt, Cäsar!« sagte dann

Wally.

Ein Lächeln, das man kennen muß, um zu wissen, daß es nur

die Maske eines tieferen Schmerzes ist, flog über ihre Mienen. Das
Lächeln Cäsars konnte Beistimmung oder Verwunderung sein. Er
war klug genug, sie darüber im unklaren zu lassen.

»Ihre Geschichten haben mich kaltgelassen«, fuhr sie fort.
Daran dachte Cäsar nicht mehr; aber er sagte: »Hab’ ich sie

denn verfaßt?«

Nach einer Pause seufzte Wally tief auf, schlug ihren Blick zu

Boden und begann eine Perspektive in ihr Inneres zu geben, die
Cäsar neu war, an ihr zumal, und die ihn entzückte. »Ich muß
mich, ich muß die Frauen hassen«, sagte sie still; »von Natur sind
wir grausam, und zu den Gefühlen, welche wir zu äußern wohl
unter Umständen fähig wären, haben wir ursprünglich nur die
bloßen Anlagen. Glauben Sie es, Cäsar, die Frauen gedeihen nur
durch die Männer. Sie selber wären imstande, sich untereinander
zu zerfleischen. Niemand kann bei dem Elende der Menschen, bei

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Krieg, Erdbeben, öffentlichem und Privatunglück empfindungslo-
ser sein als die Frauen. Verstehen Sie mich recht, solange wir al-
leinstehen. Was wir von Gefühl ursprünglich haben, das ist mehr
Schauer als Bewußtsein, mehr tierische Furcht als Reflexion einer
edlen Seele. Ach, ich zittre oft vor einer Empfindungslosigkeit, die
ich nicht zu heilen weiß!«

»Aber woher die spätere Metamorphose der Frauen?« fragte

Cäsar, erstaunt über die Wahrheit, welche sich in Wallys Antlitze
ausdrückte.

Sie stockte: sie blickte ihn an. Er erriet und sank zu ihren Fü-

ßen.

Solange diese Situation stumm war, konnte sie zwischen bei-

den wohl empfunden sein; als aber Wally nach einem Worte such-
te, wies sie ihn zurück.

Ihm war es recht; denn die Reflexion schlug ihn in den Nacken

und hatte ihn unwillkürlich aufgerissen, da er auf nichts in seinem
Herzen Vorbereitetes stieß und ihm jede Situation fatal war, in der
er sich selbst nicht hätte beobachten können.

Sie saßen beide wieder auf ihren Baumstämmen. Doch war es

eine warme Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, in der sie
wenn auch über nichts entscheiden, dennoch über alles unterhan-
deln konnten.

Wally verhehlte nicht, daß die Zauberrute, welche die im Her-

zen des Weibes schlummernden Gefühle erst wecke, die Liebe sei.
Cäsar ergriff ihre Hand und sagte: »Wir sind für die Illusion bei-
de nicht gemacht. Eine Mücke würde uns stören, wollten wir zu
den Sternen beten. Jede Aufwallung, bei der wir nur einen Au-
genblick unsre Manieren nicht in der Hand hätten, würde uns lä-
cherlich scheinen. Helfen wir uns beide! Eine kurze Übereinkunft
kann uns auf die Stufe versetzen, welche uns alle jene Glückse-
ligkeit gewährt, die wir durch Zurückhaltung, Scham, natürliches
oder kokettes Wesen niemals erreichen. Wally! Wally!«

Jetzt lag Cäsar zu Wallys Füßen, wahrhaftig, ohne Bewußt-

sein, von einem ungeheuchelten Gefühle übermannt. Aber was
warf ihn nieder? Nicht die Liebe, sondern der Gedanke an eine

— 27 —

Humanitätsfrage, die niemanden von euch fremd ist: der Gedan-
ke an jene Augenblicke, wo wir, überdrüssig der konventionel-
len Formen des Lebens, zu aller Welt herantreten möchten und
ihr zurufen: »O warum dies Gehäuse von Manieren, in welches
du Spröde dich zurückziehst? Warum diese Verhüllung des Men-
schen in und an dir? Warum Zurückhaltung, du, mein Bruder, du,
meine Schwester, da du doch gleichen Wesens mit mir bist, eine
Hand wie ich zum Drucke, einen Mund wie ich zum Kusse hast?
Ach, wie seh’ ich rings um mich her eine so reife Ernte von Lie-
be und Schönheit! Warum zögern bis auf Jahre, daß ich sie bre-
che? Warum nicht das Entzücken, daß wir alle Menschen sind,
schwach und stark, sterblich und unsterblich! Diese unsichtbaren
Barrieren, welche die Menschen trennen, welche auch den Jüng-
ling vom Mädchen trennen, müssen fallen; denn ich kenne dich,
dein alles, dein Gehen und Stehen, deine Schwächen und Tugen-
den: siehe! hier ist meine offne Brust, hier schlägt mein Herz, ich
bin nichts, was noch etwas anderes wäre, als es ist, nichts, was
du für etwas anderes halten dürftest. Weib, in deinen Augen, in
den Formen deines Körpers bist du überreif zur Liebe; und wenn
ich dich heut zum ersten Male sähe, so pflückt’ ich dich, denn wir
sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich Mensch wie du,
beide alternd, beide den Tod fürchtend, beide elend. Was weichst
du mir aus?«

Wally zerfloß in Tränen. So fast hatte Cäsar zu ihr gesprochen,

und sie fühlte das Entzücken, statt eines Weibes Mensch zu sein.
Sie zitterte bei dieser echt philanthropischen Vorstellung, welche,
wenn sie allgemein würde, die Welt durchaus umgestalten und ih-
re schwierigen Fragen im Nu lösen müßte. Sie ließ die Umarmung
Cäsars zu: nicht, weil sie ihn liebte, oder aus Egoismus, aus Stolz,
einen Mann überwunden zu haben, sondern weil sie sich als das
schwache Glied der großen Wesenkette fühlte, die Gott erschaffen
hat, weil sie wußte, daß sie ja vor der Wahrheit und Natur ganz
nackt und bloß und mitleidswürdig war, weil sie zuletzt glaubte,
daß diese heißen Küsse, welche Cäsar auf ihre Lippen drückte,
allen Millionen gälten unterm Sternenzelt.

— 28 —

Sehet da eine Szene, wie sie in alten Zeiten nicht vorkam! Hier

ist Raffiniertes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Ge-
bornes: und was ist die Wahrheit Romeos und Juliettens gegen
diese Lüge! Was ist die egoistische Geschlechtsliebe gegen diesen
Enthusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die unglücklichsten
Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert,
das in seinen Irrtümern so tragisch, in seinem Fluche so anbe-
tungswürdig ist.

10

Die Übereinkunft der Liebe zwischen Wally und Cäsar muß-

te ihren Verhältnissen ein neues Kolorit geben. Wir fürchten, daß
die Farben allmählich erbleichen werden. Aber noch sind sie hell
und frisch; noch liegt auf Wallys Antlitz der melancholische Schat-
ten jener entzückenden Verirrung, in Cäsars Mienen die Resigna-
tion und Selbstzufriedenheit, welche selbst blasierte Charaktere
und verwitternde Natürlichkeiten ergreifen kann, wenn der im-
mer durstige Becher ihrer Wünsche einmal voll ist bis an den
Rand der Erfüllung. Das Wiederfinden eines Jugendfreundes un-
terstützte Cäsars reflektierende Persönlichkeit, sich in einer Welt
zu halten, in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel.

Waldemar hieß der neue Ankömmling, ein Mann, der einst blü-

hend und schön war, in der Residenz zu Wallys Anbetern gehörte,
dann heiratete und trotz der glänzendsten Verhältnisse zu keiner
Freude kam, da seine Gattin an unheilbaren Übeln siechte. Die
Stimmung dieses Mannes teilte sich seinen Umgebungen mit, erst
auch Cäsar, verlor sich aber an diesem in dem Augenblick, als sie
für ihn durch folgende gemischte Anekdote einen Grund bekam.

Seit Waldemars Ankunft im Bade hatte sich nämlich das stille

Bärbel von den beiden Indien zurückgezogen. Ihr Betragen ge-
gen ihn ließ keinen Zweifel, daß dieser Mann die Ursache ihrer
Geistesverwirrung gewesen war. Sie verfolgte Waldemar, wo er
sich nur blicken ließ, und weinte oft auf dem Wege, wenn er in

— 29 —

zahlreicher Gesellschaft vorüberging. Jedermann kannte den Zu-
sammenhang dieser tragischen Komödie, doch wollten nicht al-
le glauben, was Waldemar versicherte, daß er sich dieses Mäd-
chens durchaus nicht entsinne, nie mit ihr ein Wort gewechselt
und auch im vorigen Jahre zum ersten Male Schwalbach besucht
habe. Cäsar aber glaubte diesen Versicherungen; denn Waldemar
war eine treue Seele, die niemanden betrüben konnte, noch we-
niger aber wäre eine Unwahrheit über seine Zunge gekommen.
Er nahm den Wahnsinn Bärbels von der lächerlichen Seite und
suchte Waldemar zu trösten. Ja, diesem melancholischen Manne
fehlte nur noch eine neue Ursache seiner Schwermut!

Wally befand sich in einer Stimmung, die ihr den Verkehr mit

beiden Männern, der immer gewisse Grenzen und Nuancen hat-
te, recht zum Genuß machte. Einst wollte sie in einem Garten
zu ihnen unbemerkt herantreten, während beide Freunde unter
einem Boskett von verwelkenden Rosen sich unterhielten; da sie
aber hörte, daß ihr Gespräch religiöse Saiten aufgezogen hatte,
so fürchtete sie, etwas zu verstimmen, und blieb unwillkürlich in
einer Weite stehen, daß ihr von dem Gesprochenen nichts entging
und sie dabei doch ungesehen blieb. Sie fühlte das Mißliche die-
ser Situation in einem Augenblicke nicht, wo alle ihre Seelenfä-
den Gespinste zu schießen begannen, in die sie sich immer tiefer
verstrickte, wo es einer Untersuchung über die Religion galt.

»Hätt’ ich einen größeren Wirkungskreis«, sagte Waldemar,

»vielleicht gelänge es mir dann, den Unmut meiner Seele zu
zerstreuen, wie auf jenen Bergen, auf welchen viel Waldleben
herrscht, Tannen rauschen und die Natur in einer steten Bewe-
gung ist, die Nebel sich leichter zerstreuen. Ich bin ein kahler Hü-
gel, jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich bis tief
unter die Augen bedeckt. Nach ideellen Schutzwehren such’ ich
ebenso vergebens. Die Politik ist nur imstande, meine Schwermut
zu vermehren, und die Religion hat man mir durch meine Erzie-
hung verleidet.«

»Wer wird auch«, entgegnete Cäsar, »bei üblen Stimmungen

Hülfe von der Religion erwarten! Religion ist das Produkt der Ver-
zweiflung: wie kann sie die Verzweiflung heilen?«

— 30 —

»Sie sollte es wohl; jede Religion soll es, welche die Miene der

Offenbarung annimmt«, sagte Waldemar. »Echte Religion ist posi-
tive Heilkraft; aber gleicht das Christentum nicht einer Latwerge,
die aus hundert Ingredienzien zusammengekocht ist? Meine Ver-
nunft sagt mir, auch ohne Hahnemanns ›Organon‹, daß die Krank-
heiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt
sind, daß die Natur für jede ihrer Abnormitäten eine medizini-
sche Rektifikation im simpeln Zustande hat und daß in einer Mix-
tur von Heilkräften eine Kraft die andere aufhebt. Die unerhörte
Überladenheit des Christentums aus traditionellen, historischen
und biblischen Ursachen macht aber, daß es für den Schmerz der
Seele ganz ohne Wirkung ist. Eines seiner Dogmen stört das and-
re.«

Ein Krampf schnürte Wallys Brust zusammen. Sie wankte ohn-

mächtig fort, bis jener Referendar, der über das Unzeitgemäße der
politischen Garantien geschrieben hatte, ihren Arm ergriff und sie
zu Waldemar und Cäsar führte, von denen er den ersten gesucht
hatte.

»Waldemar!« rief er: »was Sie glücklich sind! Ein Ehegatte, und

noch bringen sich Ihretwegen die Frauen um.«

»Was wollen Sie damit?« fragte Waldemar.
»Sie müssen nicht erschrecken«, sagte jener; »aber Ihr verlasse-

nes Bärbel ist tot. Sie ging gestern den ganzen Tag um Schwalbach
herum, sich ein Grab zu suchen, blieb dann noch lange bei den
beiden Indien, wankte darauf mechanisch fort bis an das Schloß
Nassau, wo sie sich von der eisernen Hängebrücke hinabgestürzt
hat. An der linken Seite von hier, da, wo der Brunnen auf der
Brücke steht, soll sie noch mehre Stunden gesessen haben, wie
die Leute versichern, die sie dort sahen. Die Gerichte von dort
schicken diesen Ring mit, der an dem Finger des Mädchens sich
befand. Ich hab’ ihn hier.«

Waldemar erblaßte. »Mein Gott!« schrie er. »Dieser Ring – «
Cäsar sprühte auf: »Wie?« rief er; »Waldemar, du hättest den-

noch – «

»Ja«, bemerkte der dritte: »ich kenn’ ihn. Sie trugen diesen Ring

vor mehren Jahren, Waldemar.«

— 31 —

Wally trat hinzu und nahm den Ring. Sie betrachtete ihn und

gab mit unpassender Heiterkeit die Erklärung: »Waldemar, Sie ga-
ben mir vor drei Sommern diesen Ring. Ist eine Verheiratung dem
Gedächtnisse so schädlich?«

»Aber wie kam die Unglückliche zu dem Ringe, den alle Welt

als ein Pfand meiner treulosen Versicherungen auslegen wird?«
fragte Waldemar mit bleichen Lippen, die doch wieder sprechen
konnten, nachdem er sich auf die Huldigungen besann, die er
einst Wally gebracht hatte.

»Ich hatte die Gewohnheit«, sagte Wally, »die Ringe meiner Ver-

ehrer jährlich im Bade zurückzulassen, indem ich sie in die Becher,
die am Sprudel stehen, warf und diese dann armen Leuten oder
Kindern zu trinken gab. So ist die Närrin wohl zu dem Geschenke
gekommen.«

»Gut erfunden!« flüsterte der Referendär, dem im Augenblick

auch sein Ehrenhandel mit Cäsar einfiel. Wally blickte etwas stolz:
man kann durchaus nicht sagen, warum, und reichte dem Men-
schen ihren Arm.

Waldemar saß in tiefes Nachsinnen versunken. Wie wunder-

bar war der Zusammenhang dieses unglücklichen Ereignisses!
Man konnte versucht werden, an eine magnetische Einwirkung
zu glauben. Wer erklärte ihm, wie ein Ring eine Neigung veran-
lassen konnte zu einem Manne, den man nie gesehen! Wie kam
es, daß die Arme, gleich als sie ihn zum ersten Male sahe, ihn als
den Eigentümer des Ringes erkannte, den sie liebte und mit einer
wirklichen Person verwechselte! Er ging tief bekümmert in seine
Wohnung und überredete seine kranke Gattin, mit ihm sogleich
den Schauplatz so unheimlicher Begebenheiten zu verlassen.

Was aber empfand Cäsar bei dem Ereignisse? Nicht das Ereig-

nis selbst, nicht den Schmerz seines Freundes, sondern nur eines,
was ihn schon oft bei Vergleichung des Todes mit dem Leben in-
teressiert hatte. Das arme Bärbel war vor ihrem Ende unruhig in
dem Flecken herumgewankt und hatte den Tod gesucht, der ihr
notwendig schien. Sie war bis nach der eisernen Brücke gelaufen,
um den Tröster ihrer Leiden zu finden. Ist es beim Selbstmorde

— 32 —

eine unsichtbare Hand, die die Kehle zuschnürt? Geht man wahn-
sinnig, ohne Bewußtsein in den Tod, wie die Mücke in das bren-
nende Licht stürzt? Oder ist man bei etwa vorhandener Kraft, sich
noch als nachdenkend zu fühlen, schon so mit dem Tode verschwi-
stert, daß jener weitere Akt des Selbstmordes nur die Publikation
eines Befehles wird, der schon abgemacht und im stillen ausge-
führt ist? Darüber sann Cäsar nach und konnte sich vor Schmerz
nicht fassen, als er bei dem Verfolgen von Bärbels Benehmen nur
darauf zurückkam, daß die Furcht vor dem Tode doch immer das
Ursprüngliche und bis zum schwindenden Bewußtsein das Letzte
sei. Die Unzulänglichkeiten der Erhabenheit, sagte er, die Furcht
vor dem Tode, der Schmerz, nicht wie Brutus, der alte und der
junge, töten, nicht wie Cato sterben zu können, die Bitte des Prin-
zen von Homburg, ihn leben zu lassen: das ist das Tragische uns-
rer Zeit und ein Gefühl, welches die Anschauungen unsrer Welt
von dem Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich verschieden
macht. Sie wollte sterben und lief einen ganzen Tag, einen Weg
von sechs Stunden, um den Tod zu finden, den sie herzlich suchte
und den sie fürchtete!

So war Cäsar.

11

Jenes feste und präzise Benehmen, das Wally bei der Aufklä-

rung über den Ring gezeigt hatte, war nur durch die Situation
hervorgerufen worden. Auch wird sich niemals ein Weib bei der
Leidenschaftlichkeit einer andern enthalten können, sich aufzu-
schnellen und mißachtend auf die fremde Verirrung herabzuse-
hen. Diese Stimmung war aber nur eine vorübergehende.

Die Erklärung, welche Waldemar über das Christentum abgab,

hatte auf ihre Seele wie die Berührung eines kranken Zahnes
gewirkt. Glaubt ihr, Wally habe nach einem Mittelpunkte ihres
Lebens gesucht? Wahrlich nicht. Nirgends lagen etwa zerstreute
Bruchstücke von Gedanken, die sie gern verbunden hätte. Unmit-
telbar und zufällig war ihr ganzes Leben: nur im Religiösen stand
sie oft wie ein Wanderer auf der Landstraße, der den Weg verfehlt
zu haben glaubt, sich in der Gegend umblickt und mit seinem

— 33 —

Ortssinne sich zu orientieren sucht. Es war ein ganz bewußtloses
Sinnen, ein träumerisches Fühlen, dem sie sich tastend und an-
pochend hingab. Von einer Reflexion, einer zusammenhängenden
Untersuchung konnte bei Wally nicht die Rede sein. Sie litt an ei-
nem religiösen Tick, an einer Krankheit, die sich mehr in hastiger
Neugier als in langem Schmerze äußerte. Sie war wie in einem
Zimmer, das sich plötzlich mit Rauch füllt und wo man sich nicht
anders helfen kann, als an das Fenster zu springen, es aufzureißen
und mit einem unmäßigen Gestus nach frischer Luft zu haschen.

Wally wußte selbst nicht, was alles zusammentraf, sie nach-

denklicher als je zu machen. Sie hatte zum ersten Male einige
Beobachtungen über ihren Zustand in eine zusammenhängende
Kette aufgereiht. Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu zurück-
geschreckt, sondern hatte sie diesmal scharf ins Auge gefaßt. In
einem Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu ma-
chen.

Der Brief war vielleicht vollendet. Sie wagte nicht, was sie

hatte, wieder durchzulesen. Auch verzweifelte sie während des
Schreibens, ihn abzusenden. Sie zerriß ihn.

Einige Minuten blickte sie die Reste an; dann ordnete sie me-

chanisch, was davon noch vor ihr lag. Die Linien und Buchstaben
paßten zusammen. Jetzt erst las sie ihn, wo sie gleichsam wußte,
daß er ihr nichts mehr schaden könne.

»Meine teure Antonie«, hatte sie geschrieben, »Deine geschmack-

vollen Muster, das sehr hübsche Diadem, was aber wohl zu mei-
nem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und
die neuen Touren zum Cotillon hab’ ich bekommen. Ich danke
Dir, Antonie! Verzeih mir nur, daß ich nicht jetzt auch mit all dem
Entzücken davon spreche, das ich wirklich über Deine Gefällig-
keit und die Gegenstände derselben empfunden habe. Du glaubst
nicht, in welcher wunderlichen Stimmung ich heute bin. Und heu-
te mußte ich doch schreiben – morgen würd’ es schon besser sein.
Nur eins sage mir, Antonie, hast Du wohl in Deinem Leben einen
frohen, recht frohen Augenblick gehabt? Ich besinne mich verge-
bens auf einen; denn es ist doch immer eine peinliche Unruhe und

— 34 —

Hast, von der wir getrieben werden, eine Ängstlichkeit, von wel-
cher die Männer keine Vorstellung haben. Zuweilen erschreck’ ich
vor dieser pflanzenartigen Bewußtlosigkeit, in welcher die Frau-
en vegetieren, vor dieser Zufälligkeit in allen ihren Begriffen, in
ihrem Meinen und Fürwahrhalten. Der Augenblick ist der Urhe-
ber unsrer Handlungen und die Vergeßlichkeit die Richterin der-
selben. Ach, Antonie, ich beschwöre Dich! Nimm diese Klagen
nicht als die Frucht eines regnerischen Tages; oh – ich leide an
einem Schmerze, der unheilbar ist, da ich ihn gar nicht zu nen-
nen weiß. Das rennt, läuft, springt, lacht, singt, weint, zankt –
nun sage mir um des Himmels willen, was steckt dahinter? Was
ist der Kern dieser spiralförmig fortkreiselnden Unruhe? Die Män-
ner sind glücklich, weil man an sie Anforderungen macht. Das
Maß ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen, den sie da-
mit gewinnen. Auch dies sage, warum wir den ›Faust‹ nicht lesen
sollen? Die Schilderung jener Zweifel, die eines Menschen Brust
durchwühlen können, macht uns vertraut mit ihnen und die Wir-
kung derselben für uns weniger gefährlich. Aber ich fühl’ es, daß
sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte entwickeln, ei-
ne ganze Historie von Wundern, die wir zu erklären verzweifeln,
Gedichte, in denen wir selbst der von den Göttern verfolgte, gen-
eckte, scheiternde, irrende Ulysses sind. Das ist alles halb, siehst
Du. Es ist noch immer nicht das, was ich sagen möchte und nicht
sagen kann. Liebe Antonie, das ist der Fluch: man verlangt nichts
von uns, man will gar nichts, es kömmt gar nichts drauf an. Auch
dies noch: wir haben einen Ideenkreis, in welchen uns die Erzie-
hung hineinschleuderte. Daraus dürfen wir nun nicht heraus und
sollen uns nur mit Grazie wie ein gefangenes Tier an dem Eisen-
gitter dieses Rondells herumwinden. Diese Gefangenschaft unse-
rer Meinungen – ach, war Spreu für den Wind! Rechte will ich in
Anspruch nehmen, für wen? für was? O Antonie, ich habe nichts,
was wert wäre, gedacht: ich will gar nicht sagen, gemeint oder
gesprochen zu werden. Ich drücke an den Begriffen, die mir zu
Gebote stehen; aber sie sind elastisch und geben immer nach und
gehen immer wieder zurück. So glaub’ ich, kommen auch die Re-
volutionen, wenn die Menschen so viel Mühe haben, an ihrer Stirn

— 35 —

hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern stürzen
möchten mit etwas, was sie suchen, aber nicht finden können.
Dann schaffen sie sogar Gott ab, nämlich, weil sie ihn wahrhaf-
tig nicht verstehen. Es ist auch schwer, Antonie! Die Schöpfung
– schon gut; aber woher? womit? warum? Der Mensch, der Af-
fe, der Polyp, die Sinnpflanze, das Moos, der Stein, der Kristall,
das Wasser, die Luft, der Wind, nichts: wo ist Gott? Oder wollt ihr
nicht den Weg des Wassers gehen: so geht den des Feuers! Der
Vulkan, das Licht, die Wärme, die Elektrizität, der Magnetismus:
wie kann Gott in der Voltaschen Säule stecken?«

Hier mußte Wally laut auflachen bei all ihrem Schmerz und

Unglück. Der komische Konflikt der Schulweisheit mit ihrer Me-
lancholie, die Vergleichung Gottes und jenes kleinen Professors
der Physik, der sie mit Papinianischen Töpfen, Herobrunnen und
Luftpumpen so tief in die Natur hatte sehen lassen wollen, ob er
gleich selbst nur ein Auge hatte, das waren zu drollige Erinnerun-
gen. Sie zuckte mitleidig mit sich selbst über sich selbst die Achsel
und ging Cäsar entgegen, der viel ungereimtes Zeug mit ihr zu
sprechen hatte.

12

Ein Begegnis, das Wally kurze Zeit darauf erlebte, machte den

ersten Abschnitt in ihrem Leben. Es schien, als könnte sie in ihrem
jetzigen Aufenthalte die Heiterkeit nicht wiedergewinnen, welche
ihrem Charakter entsprach. Ein Umstand aber veranlaßte bald die
Abreise von Schwalbach.

Wally war eines Abends spät und unmutig zu Bett gegangen.

Die Lampe brannte noch auf ihrem Tische; aber sie konnte nicht
schlafen. Ihr Blut war in fieberhafter Aufregung. Sie warf sich un-
ruhig hin und her, aber ihre Sinne wollten sich nicht lösen.

Da sprang sie auf, setzte sich an den Tisch und fing all die Mit-

tel zu prüfen an, welche die Leute anraten, um in gleichmäßige
Bewegung des Bluts zu kommen. Sie zählte die zwölf Glocken-
schläge an der Kirchturmuhr, sie zählte das Einmaleins her, von
vorn und hinten, deklamierte das einzige Gedicht, welches sie bei

— 36 —

ihrem schlechten Gedächtnis auswendig wußte: »Eine kleine Bie-
ne flog emsig hin und her und sog.« Nichts half. Da erblickte sie
auf dem Tisch die Anordnungen, welche sie neulich gemacht hat-
te, um an ihre Freundin zu schreiben. Sie ergriff die Feder und
schrieb:

»Meine teure Antonie, Deine geschmackvollen Muster, das sehr

hübsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen
wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Co-
tillon hab’ ich erhalten. Ich danke Dir, liebe Antonie! Verzeih mir
nur – «

»Abscheulich!« rief sie aus und trat an das Fenster. Der Mond

beleuchtete hier und dort einen Teil des engen Tales und seiner
Umgebungen. Er war mit Wolken bedeckt, die aber nicht eilten,
sondern schwer auf ihm hafteten. Es wehte kein Wind. In sanfter,
nächtlicher Stille ruhte die malerische Natur. Ein tannenschwar-
zer Bergrücken begrenzte auf der einen Seite die ovale Rundung
des schlummernden Tales. Nirgends die Ahnung eines menschli-
chen Wesens.

Wally hüllte sich in einen leichten Nachtüberwurf. Ihr Zimmer

lag zur ebnen Erde. Mit einem Tritte war sie draußen im Freien.
Ohne mehr zu wollen, als die Hitze ihres Blutes abkühlen, stieg
sie zur linken Hand die Straße hinauf, dann wieder hinunter zum
Alleesaal hin. Sie wird nur einige Schritte unter den Bäumen auf
und ab gehen.

Als sie ein weniges weitergekommen war, vernahm sie ein son-

derbares Geräusch, welches man für das Seufzen einer schwan-
kenden Pappel hätte halten können, wäre ein starker Wind ge-
gangen. Sie erschrak, wie diese Laute sich immer deutlicher als
Gestöhn und schmerzliche Klage zu erkennen gaben. Es war wie
das Jammern eines Verwundeten, der sich fürchtet, durch über-
großen Schmerzausdruck des Mundes vielleicht die brennenden
Leiden seines Schadens desto stärker zu machen.

Wally blieb betroffen stehen. Ihr siedendes Blut gerann, und

die Fieberhitze wich einer kalten Erstarrung, in die der Schreck
ihre Glieder versetzte.

— 37 —

Sie sahe, daß sich im Hintergrunde der Allee etwas beweg-

te, das auf sie heranzukommen schien. Die Angst hatte sich ih-
rer Seele so sehr bemächtigt, daß sie nicht einmal wagte zu ent-
fliehen. Wie angewurzelt blieb sie stehen und wankte nur, als ei-
ne menschliche Figur immer näher trat, mechanisch hinter einen
Baum, von dem sie glaubte, daß er ihr Schutz gewähren könne.

Ein Weib kam mit händeringenden Gebärden. Sie wandte sich

oft gespenstisch um und suchte etwas, was man nicht sehen konn-
te, von sich abzuwehren. Dann fuhr sie mit einer grauenerregen-
den Vehemenz und sie begleitendem Geheul in die Gegend ih-
res Kopfes, als wolle sie etwas bedecken oder irgendeinen über-
großen Schmerz stillen. Wally zitterte.

Jetzt stand die Unglückliche, welche nicht im Fieber zu sein,

sondern das volle Bewußtsein zu haben schien, dicht vor ihr. Wal-
ly sahe, wie sie schwankte und zu Boden stürzte. Mit einem fürch-
terlichen Geschrei wühlte das entsetzliche Weib ihren Kopf in den
losen Sand und rang, ihre Hände gleichsam zu vervielfältigen, um
den Kopf von allen Seiten bedecken zu können. Dabei stöhnte sie
wieder und sahe sich, wie tief sie auch den Kopf in den Sand hin-
eingewühlt hatte, um und fuhr mit einem gräßlichen Schrei auf,
als hätte sie einen Geist erblickt, bis sie ohnmächtig und besin-
nungslos in dieser gräßlichen Lage verstummte.

Wally wagte nicht, einen Laut von sich zu geben. Als das Wesen

sich beruhigte, versuchte sie aufzutreten, ob man sie auch nicht
hören könne, wagte dreistre Schritte und floh, als sie eine Strecke
weit von der Szene entfernt war, der sie hatte beiwohnen müssen.
Sie fror an allen Gliedern, als sie auf ihrem Lager sich gebettet
hatte, und schlief ein aus Furcht.

Am folgenden Morgen betrieb sie die Abreise. Die Tante zö-

gerte. »Unter keiner Bedingung!« rief Wally; »ich bin eines Ortes
müde, der mich umbringen muß.« Das war ein fürchterlicher Aus-
druck; die Tante war diese Wendungen nicht gewohnt. Sie ent-
setzte sich und reiste ab.

— 38 —

Als Cäsar sie beide an den Wagen begleitete, erzählte er ihnen

noch, daß die Frau des Trompeters an der gespenstischen Trom-
melmusik ihres Ohres diese Nacht gestorben sei. Sie sei vor Unru-
he aus dem Hause gerannt, habe nachts die ganze Stadt durchirrt,
um den grauenhaften Tönen zu entfliehen, und sei in der Allee
gefunden worden, wie sie mit dem Kopf in den Sand gewühlt da-
gelegen.

Wally winkte mit der Hand, daß er schweigen solle.
Cäsar aber glaubte, daß sie ihn zum Abschied grüße; die Pferde

zogen an, und, den Spruch des großen Römers parodierend, sagte
er zu dem Fahrzeuge: »Du trägst Cäsar und sein Glück!«

ZWEITES BUCH

1

Der Sommer reifte zur Ernte. Aus seinen letzten Fäden spann

sich ein Herbst voll Kelterlust. Die Astern sammelten noch ein-
mal alle Farben der schönen Vergangenheit, dann starb die Natur,
und was zurückblieb, legte den Frostreif und Nebelflor der Trauer
an. Die Ströme gerannen, die Wolken zerrieben sich zu Schnee-
flocken. Der Winter kam in seinen Pelzschuhen angeschlichen und
klopfte mit Weihnachtsfreuden an die Reifblumen der Fenster an.

Wally wirbelte sich in einer Lust, die sie so zauberhaft zu regeln

verstand. Was Religion! Was Weltschöpfung! Was Unsterblichkeit!
Rot oder blau zum Kleide, das ist die Frage. Ob’s besser ist, die
Haare zu tragen ŕ la Madeleine oder sie zusammenzukämmen
zu chinesischem Schopfe? Tanzen – vielleicht auch Sprüchwörter
aufführen – oh, nur gering ist die Zahl der Vergnügungen, welche
im Verhältnis zur zunehmenden Civilisation nicht mehr lächer-
lich sind: so sehr gering! falls man sich selbst so viel liebt, nicht
Karten zu spielen, jene melancholischen Spiele Albions und der
nordamerikanischen Yankees, wenn man noch wie Mendelssohn
philosophisch und kantisch genug ist, für den Scherz keinen Ernst
und für den Ernst keinen Scherz aufzuwenden!

Aber eine Unterhaltung ist unerschöpflich; ein Spiel unermüd-

lich. Das ist die Koketterie. Wally hatte damit alle Hände und alle
Mienen voll zu tun. Künstliche und natürliche Launen waren die

— 39 —

Zahlen, mit welchen sie ihre Umgangsexempel zusammensetzte.
Wally ließ die ganze Welt wie elastische Figuren auf dem Reso-
nanzboden ihrer Einfälle springen. Sie spielte die kapriziösen Me-
lodien zu allen diesen Bewegungen, welche sie lachen machten.
Was wollte sie auch mehr? Sie wollte nicht einmal den Ruf da-
von, die Neigungen ihrer Umgebungen so unübertrefflich eska-
motieren zu können. Sie tat alles ohne Stolz, ohne Absicht, ohne
Bewußtsein. Sie war bezaubernd!

Cäsar war die Balancierstange dieser Equilibres. Er rektifizierte

wie irgendein chemisches Natron alle die barocken Konfusionen,
welche Wally anrichtete. Cäsar fiel dabei bald hier-, bald dorthin,
in jenem ersten Bilde. In diesem letzten nahm Wally bald größe-
re, bald kleinere Portionen von ihm. Er fehlte aber nie, und diese
perspektivische Verschiebung bald zu einer Gunst von einer Linie,
bald zu einer von zwei Zollen oder drei, hielt ihn in der Spannung,
welche Männer allein zu fesseln imstande ist. Es ist möglich, daß
Cäsar Wally liebte, wenigstens war sie ihm eine Vertraute gewor-
den. Er hätte sie vielleicht einem andern abtreten können; aber
von ihr sich trennen, das konnte er nicht. Und doch! Vielleicht!
Wir sind Scharlatane, wir können alles!

Es war auf einem glänzenden Balle, der am Hofe gegeben wur-

de. Cäsar, der nicht tanzte, weil die Prinzessinnen zugegen waren
und es ihn beleidigt haben würde, wenn sie ihm durch ihre Kam-
merherrn die herkömmlichen Aufforderungen geschickt hätten,
zog sich zurück. Wally beachtete ihn nicht. Er nahm das leicht.
Er wußte, daß Wally weit entfernt war von der gewöhnlichen An-
sicht deutscher Mädchen, dem Tanze eine sinnliche Bedeutung
oder die Bedeutung irgendeiner Gunst unterzulegen; er wußte,
daß sie diejenigen liebte, mit denen sie nicht tanzte. Und doch
war sie heute aufgeregter als jemals. Das nahm ihn wunder und
verstimmte ihn. Als Wally zu ihm trat, sprach sie: »Ich habe Sie
suchen müssen. Wo stecken Sie? Ich muß Ihnen etwas sagen.«

Sie standen in einem der entlegeneren Zimmer. »Und was?«
»Ich werde den sardinischen Gesandten heiraten; aber wir

sprechen uns noch!«

Damit war sie verschwunden.

— 40 —

Cäsar eilte nach Hause. Er hatte durchaus nichts, was ihn

drückte, und doch entschloß er sich, eine kleine Reise zu machen.
Er war sehr unruhig den ganzen Tag, mehre Tage. Er machte die
Reise. Er notierte, zeichnete, schrieb viel Briefe. Er würde sich
vortrefflich zerstreut haben, wenn ihm nicht aus jedem Baum, aus
jedem Echo zugeklungen wäre: Aber wir sprechen uns noch! Dies
Aber! machte ihn verwirrt; denn es klang wie eine so schwärme-
rische, träumende Liebe, daß er geglaubt hatte, den letzten lech-
zenden Seufzer, das kaum gelispelte felicissima notte einer Italie-
nerin zu hören. »Sind das schon die Wirkungen der sardinischen
Gesandtschaft?« sagte er lächelnd und kehrte hübsch beruhigt in
die Residenz zurück.

Er hatte bald darauf von Wally die Einladung zu einem vertrau-

ten Gespräch.

2

Am Tage, wo die Unterredung mit Wally stattfand, hätte man

bei Cäsar nicht ahnen können, mit welcher Katastrophe er schlie-
ßen würde. Cäsar schien die ganze Beruhigung zu besitzen, wel-
che man von seinem Charakter erwarten durfte. Höchstens ließen
sich jene forcierten Scherze, mit welchen er um sich warf, ver-
muten, daß irgendein Gefühl wie ein Ereignis bei ihm im Anzuge
war, dem er zu entgehen wünschte. Diese Scherze sind immer die
überm Meere kreisenden Möwen, welche den Sturm ankündigen.

Wenn er einem Freunde begegnete, der auf dem Stadtgericht

arbeitete, so frug ihn Cäsar: »Was hast du jetzt unter Händen?«

»Ehescheidungen« – hieß es.
»Also noch immer schlechte Ehen?«
»Schlechte Wahlen vor der Hochzeit, Leichtsinn – «
»Ganz richtig«; erklärte dann Cäsar. »Es ist ein Unglück, wenn

man sieht, mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen wer-
den. Der Besitz einer kleinen Aussteuer lockt den Handwerker, ein
Frauenzimmer zu heiraten, welches er gar nicht liebt. Der Staat
sollte niemals die Ehe bürgerlich vollziehen lassen, bis nicht ein
Kind vorhanden ist, welches das Dasein der Liebe vorher auswei-
sen muß.«

— 41 —

Der junge Mann vom Stadtgerichte lächelte zu diesem Vor-

schlage. Cäsar ging und begegnete einem andern Freunde.

»Du bist verliebt«, sagte er ihm; »aber Antonie ist arm.«
Es war dieselbe Antonie, an welche Wally einst schreiben woll-

te.

»Antonie ist arm!« hieß die weinerliche Bestätigung.
»Siehe, was zu tun wäre!« schlug Cäsar vor. »Das Heiraten

durch die Zeitungen greift um sich. Aber man ist erst einen Schritt
weit gekommen, wenn die Frauen durch Zeitungen nur Männer
bekommen. Der zweite Schritt wäre, daß sie durch die Zeitungen
auch zu Vermögen kämen. Die Mädchen sollten sich durch ein
Lotto ausspielen. Sie sollten die Männer auffordern, Aktien auf
ihren Besitz zu nehmen, Aktien, meinetwegen eine jede zu fünf-
hundert Talern. Hundert Lose dieser Art geben eine Summe von
50 000 Talern. Die Wahrscheinlichkeit, daß unter hundert ich –
du – er gewinnen, ist sehr groß: man gewinnt ein Weib, ein rei-
ches Weib, ein schönes Weib. Denn um eine Schöne muß es sich
handeln, der Nebengewinne wegen, welche in Zugeständnissen
mancher Art an diejenigen bestehen müssen, welche sich mit Auf-
opferung von fünfhundert Talern der seligen Chance aussetzten,
Mann einer schönen Frau und Besitzer zufälliger 50 000 Taler zu
werden. Mein Lieber, das heißt die Gesellschaft revolutionieren.«

Jener hatte nur an Antonie gedacht; Cäsar an nichts, als sie

scheiden.

Der Abend kam heran. Die Tür zu Wallys Gemächern öffne-

te sich. Beide saßen sich stumm gegenüber. Cäsar, der von Wally
nicht erwartet hatte, daß sie sich in ein schwärmerisches schwar-
zes Kleid werfen würde: Wally, welche nach einem Blicke in Cä-
sars Mienen geizte, der verzeihend, warm und siegend auf sie
wirkte.

Liebenswürdig war es von diesem grenzenlosen Leichtsinn,

daß er Tränen am Auge hängen hatte. Cäsar schwamm in Ent-
zücken. Er war auf eine Komödie gefaßt und fand eine tragische
Szene, die ihn erschütterte. Alles, was sie sprachen, war nur, um
den Erklärungen, die sie sich machen wollten, zu entgehen. Cäsar
mochte in seiner Eitelkeit übertreiben; Wallys Bescheidenheit lag

— 42 —

wohl nur darin, daß sie glaubte, Cäsar um Verzeihung bitten zu
müssen. Alles übrige aber dichtete seine Phantasie hinzu.

Sie hielten ihre Hände ineinander und sprachen recht eif-

rig über Dinge, auf welche gar nichts ankam in ihrer Lage. Sie
sprachen von der Erfindung des Schießpulvers, vom Gesetz der
Schwere, vom Kompaß und der Magnetnadel, worüber sie schnell
abbrachen, um nur immer wieder auf Neues zu kommen. So ver-
rann die Zeit, aber das Entzücken Cäsars stieg. Wallys Hand nahm
er und legte sie sanft auf die Lehne des Sofas, um sie als Kopfkis-
sen zu brauchen. Sie lächelte dazu und warf ihm das ganze Polster
ihres elastischen Körpers, sich selbst in aller ihrer Anmut nach. Sie
hielt ihn umschlungen, während sie unwillig glaubte, daß er es tä-
te. Ihre nur leis’ aufgesteckten Locken nestelten sich los und küß-
ten Cäsars brennende Wangen. Die langen Augenwimpern senk-
ten sich majestätisch sanft auf die bläulichen Ultramarinringel,
welche unter dem Auge so viel Leidenschaft verraten. Dieses Her-
ablassen des Vorhangs, dieser Fensterladenschluß der Weiblich-
keit, diese Verhüllung ist das reizende Gegenteil dessen, was sie
scheint, weil sie nur allmähliche Entwaffnung ist. Es ist das Sin-
ken des Tages, der aufsteigende Stern, dessen feuchte Strahlen
die Kronen der Blumen auflockern und die Kelche erschließen,
während die Kelche zu schlafen scheinen. Cäsar umarmte Wally
mit glühendem Entzücken und rief aus: »O Wally, ich will nicht
grausam sein! Ich eile allem zuvorzukommen, was sich auf dei-
ner Lippe zu Tode ängstigt und gern sprechen möchte. Ich dringe
nicht auf den Besitz dieses göttlichen Leibes, dessen Seele mich
stets umhauchen wird. Aber – o Gott!« –

»Was ist? Cäsar! Sprich! Fordre! Alles, alles!«
Cäsar sann und war wie von einem unbekannten Gefühle er-

griffen. Er strich mit der Hand über seine Stirne und sagte dann
leise mit sanften und zärtlichen Worten zu Wally: »Sie werden rei-
sen: ich auch. Wir werden uns in vielen Jahren nicht wiedersehen.
Da gibt es ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters, der
›Titurel‹, in welchem eine bezaubernde Sage erzählt wird. Tschio-
natulander und Sigune beten sich an. Sie sind fast noch Kinder:
ihre Liebe besitzt die ganze Naivetät ihrer jugendlichen Torheit.

— 43 —

Ich spreche nicht von Tschionatulanders Tod, weder vom treuen
Hunde, der aus der Schlacht die tragische Botschaft bringt, nicht
von Sigunens Klage, wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme
haltend unterm Baume sitzt, wo Parzifal an ihr vorüberkömmt
im Walde, nicht von dem Edelstein unserer deutschen mittelal-
terlichen Dichtkunst. Nur jener Zug ist so meisterhaft schön, wo
Tschionatulander, als er in die Welt hinausmuß und sein treues
Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht, Sigunen an-
fleht um eine Gunst – «

Cäsar stockte und sprach dann leise, mit fast verhaltenem

Atem: »daß Sigune, um durch ihre Schönheit ihn gleichsam fest
zu machen, wie der magische Ausdruck der alten Zeit ist, um ihm
einen Anblick zu hinterlassen, der Wunder wirkte in seiner Tap-
ferkeit und Ausdauer – daß Sigune – in vollkommener Nacktheit
zum vielleicht – ewigen Abschiede sich ihm zeigen möge.«

Wally betrachtete Cäsar einen Augenblick. Dann erhob sie sich

stolz und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. An ihre
Rückkehr war nicht zu denken.

Cäsars Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck. Er hat-

te das Höchste bewiesen, dessen seine Seele fähig war, die kind-
lichste Naivetät, eine rührende Unschuld in einer Forderung, die
empörend war; aber die Scham, die erst in ihm aufglühte, ver-
schwand vor seinem Stolze, so edel und rein erschien er sich.

»Sie ist ohne Poesie, sie ist albern, ich hasse sie!« stieß er heftig

heraus, trat zornig mit dem Fuße auf, lauschte und verließ, da er
nichts als den Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm, mit
unwillkürlichem Geräusch das Zimmer und das Hotel. Er schwur,
es niemals wieder zu betreten.

»Sie hat nicht mich, sie hat die Poesie beleidigt. Sie ekelt mich

an!« rief er und malte sich Wally mit den gräßlichsten Farben,
daß es ihm keine Freude machen mußte, noch an sie zu denken.
Wenn sie ihm noch einfiel, so geschah es nicht, ohne daß er mit
dem Fuße etwas von sich stieß.

— 44 —

3

Inzwischen rückte Wallys Vermählung heran. Sie gestand sich

oft und selbst ihren Umgebungen, daß es ihr wäre, als würde ein
unsichtbares Netz, das sie aber fühle, immer enger angezogen,
und daß es ihr bald zum Ersticken sein müßte. Alles, was man
nur brachte, um die Atmosphäre recht duftend und verführerisch
zu machen, drückte ihren Atem noch mehr zusammen; sie ging
wie Gretchen im ›Faust‹ und lüftete Fenster und Türen, da Mephi-
stopheles im Zimmer es so schwül gemacht hatte.

Noch größer war aber die Unruhe in ihrem Innern. Sie brauchte

gern physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefühl
eines lebenden Wesens, das man in die Glocke einer Luftpumpe
setzt; mit dem Vogel, dem es von innen und außen bei entzo-
gener Luft weh wird. Ach, sie konnte Cäsar nicht vergessen: sie
konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen, jene
unschuldige Seligkeit, die sie an ihm noch nie gekannt hatte und
die er damals zeigte, als sie einige aus seinen zuckenden Lippen
schleichende Worte mit so pedantischer, altkluger Entrüstung auf-
nahm. Schon im nächsten Augenblicke, als sie gegangen war, war
sie sich mit ihrer Tugend recht abgeschmackt vorgekommen.

Wally fühlte bald, daß Cäsar an das Unsittliche seines Antrags

im Momente nicht gedacht hatte. Sie machte sich den Vorwurf,
diese Überlegung an dem Manne nicht abgewartet zu haben. Auch
mußte sie sich gestehen, daß Cäsar ihr vielleicht nie das Prekäre
der Situation eingeräumt haben würde. Jetzt wußte sie, worin der
ganze Zauber liegt. Sie fühlte, daß das wahrhaft Poetische unwi-
derstehlich ist, daß das Poetische höher steht als alle Gesetze der
Moral und des Herkommens. Sie fühlte auch, wie klein man ist,
wenn man der Poesie sich widersetzt. Ach, das quälte sie, unterge-
ordnet zu sein und weniger unschuldig im Grunde als die Poesie,
die Menschen braucht und schildert!

Wally schlug die rührende Geschichte nach, die ihr Cäsar er-

zählt hatte. Sie weinte mit Sigunen, sie kostete die Unschuld, die
in dem Verlöbnis der beiden Liebenden des Gedichtes lag, allmäh-
lich immer tiefer. Es liegt in der Schönheit der Natur eine göttliche
Gewalt, die bezaubert. Wally beugte und wand sich mit all ihren

— 45 —

schönen Grundsätzen und den Lehren, die sie ihrer Erziehung, ja
selbst ihrer vernünftigen Überlegung verdankte, vor dem Ideale
des Naturschönen. Sie ging noch weiter. Sie gab die Natur auf, sie
hielt sich an die Kunst, an das Gebilde der Phantasie, das in sich
abgerundet und hier so richtig gezeichnet war wie jeder logische
Zirkel ihrer tugendhaften Entschlüsse. Sie kam sich verächtlich
vor, seitdem sie fühlte, daß sie für die höhere Poesie kein Gegen-
stand war. So konnte es nicht mehr fehlen, daß sie sich bald selbst
dazu machte.

Wie oft war sie Cäsarn begegnet! Er blickte stolz! Er hatte ei-

ne Moral, die über der ihren war! Er konnte das Auge erheben,
das Ideale hub es in ihm! Wally konnte nicht stolz sein, an ihr
schien die Reihe der Scham zu sein. Sie fürchtete sich vor Cäsar.
Ihre ganze Tugend war armselig, seitdem sie ihm gleichsam ge-
sagt hatte, die Tugend könne nur in Verhüllungen bestehen, die
Tugend könne nicht nackt sein. Cäsar hatte an ihr den poetischen
Reiz verloren. Er übersah sie.

Ob es wohl Menschen gibt, dachte Cäsar eines Tages bei sich

selbst, welche die Literatur und das, was dem Leben durch sie an
schönen Elementen und Staffagen gegeben wird, für eine Tyran-
nei und eine despotische Willkür der Dichter und Künstler halten?
Wär’ ich selbst Autor, so würde mich dieser Gedanke erschrecken.
Ich würde die Gleichgültigkeit, die Dummheit der Masse immer
mit einer Strafe verwechseln, welche ich als Autor für die Zu-
dringlichkeit meiner Schöpfungen mit Recht einernte. Ich würde
zittern, wenn von Büchern die Rede kömmt, und würde immer
gewärtig sein, daß jemand aufträte und die Literatur in die Ka-
tegorie von Warenartikeln stellte, von Ellen- oder Kolonialwaren,
die man nimmt oder stehenläßt, je nach Bedürfnis. Ich brauche
die Schönheit nicht! Fürchterlich, wenn von Homer und Ossian
die Rede wäre! Ich brauche nicht einmal die Bestrebungen um
das Schöne, wenn von einem Erstlingsversuche die Rede wäre!
Ja, es gibt Menschen dieser Art, welche die Poesie für eine Zumu-
tung halten, Geldmenschen, Aristokraten, manche Könige, auch
Frauen, besonders wenn sie schön sind und sie deshalb glauben,
der Bildung überhoben zu sein!

— 46 —

Cäsar dachte dabei gewiß nicht an Wally; denn welch’ ein Un-

terschied ist es, für das Außerordentliche sich interessieren und
dem Außerordentlichen sich als Staffage unterlegen! Er hatte aber
in dem Augenblick einen Brief von Wally in der Hand.

»Ich habe Sie beleidigt«, schrieb sie ihm; »Sie wissen es ja, Cä-

sar, daß der Mutlose immer der Ausfallendste ist. Wissen Sie noch,
wie wir über Mut stritten? Welch’ eine Zeit, wo Sie sich um fünf
Ringe, die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben, mit
fünf Menschen schießen konnten! Morgen um zehn Uhr abends
besuchen Sie das Hotel des sardinischen Gesandten. Sie werden
von Auroren, die Sie dort erwartet, an einen Ort geführt werden,
den Sie nicht verlassen dürfen. Schwören Sie mir, hinter dem Vor-
hang, den Sie zehn Minuten nach zehn gütigst zurückziehen wol-
len, nicht hervorzutreten! Cäsar, schwören Sie mir! Ich schäme
mich vor Ihnen, daß ich Scham hatte. Verantworten Sie es einst!
Vor Gott! Vor Gott! Aber ich liebe heiß, ewig, unaussprechlich!
Wally«

Und an Wallys Hochzeitstage zeichneten die Unsichtbaren ein

reizendes Gemälde, ein Gemälde in altem Stil, zart, lieblich wie
die saubern Farbengruppen, welche sich auf dem sammetweichen
Pergamente goldener Gebetbücher des Mittelalters finden.

Rings, wie Rahmen und noch hineinrankend in die Szene,

Epheu und Weinlaub. Auf den Ästen sitzen Paradiesvögel in wun-
derbarem Farbenspiel, auf den breiten Blättern der Arabesken
schlummern Schmetterlinge, in den Kelchen der Blumen saugen
Bienen. Oben schwebt der Vogel Phönix, der fußlose Erzeuger
seiner selbst; unten blicken die spitzschnäbligen Greifen und hü-
ten das Gold der Fabel. Bezaubernd und märchenhaft ist die Ver-
schlingung aller dieser Figuren. Es ist wie ein Traum in den tau-
send Nächten und der einen. Zur Rechten des Bilds aber im Schat-
ten steht Tschionatulander im goldenen, an der Sonne funkelnden
Harnisch, Helm, Schild und Bogen ruhen auf der Erde. Der Man-
tel gleitet von des jungen Helden Schulter, seine Locken wallen
üppig, wie von einem Westhauche gehoben. Das Auge staunt; ein
Entzücken lähmt die Zunge. Zur Linken aber schwillt aus den Son-
nennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schönheit: Sigune,

— 47 —

die schamhafter ihren nackten Leib enthüllt, als ihn die Venus der
Medicis zu bedecken sucht. Sie steht da, hülflos, geblendet von
der Torheit der Liebe, die sie um dies Geschenk bat, nicht mehr
Willen, sondern zerflossen in Scham, Unschuld und Hingebung.
Sie steht ganz nackt, die hehre Gestalt mit jungfräulich schwel-
lenden Hüften, mit allen zarten Beugungen und Linien, welche
von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen,
daß eine fromme Weihe die ganze Üppigkeit dieser Situation hei-
lige, blühen nirgends Rosen, sondern eine hohe Lilie sproßt dicht
an dem Leibe Sigunens hervor und deckt symbolisch, als Blume
der Keuschheit, an ihr die noch verschlossene Knospe ihrer Weib-
lichkeit. Alles ist ein Hauch an dem Auge, ein stummer Moment,
selbst in dem klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen ver-
folgt, welche der Blick seines Herrn macht. Das Ganze ist ein Fre-
vel; aber ein Frevel der Unschuld.

So stand Sigune einen zitternden Augenblick; da umschlang sie

rücklings der sardinische Gesandte, der seine junge Frau suchte.
Es war ein Tropfen, der in den Dampf einer Phantasmagorie fällt
und sie in Nichts auflöst. Die Vorhänge fielen zurück, und Tschio-
natulander wankte nach Hause. Der Gesandte ahnte nichts. Tiefes
Geheimnis.

4

Als Wally mit ihrem Manne nach Paris gekommen war, atmete

sie auf. Sie war froh, sich von einer ganz verfehlten Stellung be-
freit zu sehen. Sie wußte, daß sie in Paris noch immer den stürmi-
schen Bewegungen irgendeiner Neigung ausgesetzt sein konnte,
daß ihre eheliche Treue mit weit gefährlicheren Lockungen wie
in der Heimat würde herausgefordert werden; allein sicher war
sie jetzt vor den Zumutungen der Genialität, vor dem verwirren-
den Benehmen Cäsars, vor Männern, welche zu poetisch sind, um
ganz nach der Mode, und zu modisch, um ganz nach der Poesie zu
leben. In Paris siegte sie, wenn sie wollte, noch immer durch die
sehr einfachen Künste der Koketterie. Nur die Situationen sind es,
welche dem Leben der Pariser Frauen eine besondere Originalität
geben.

— 48 —

Die Zeit, in welcher Wally mit ihrem Manne nach Paris kam,

war bei Anfang des Aprilprozesses.

Wenn man glauben wollte, daß die Julirevolution in den Sit-

ten der höhern Pariser Welt eine Änderung veranlaßt hätte, wel-
che gleichsam dem Ernste der Zeit hätte entsprechen sollen, so
verkennt man den Charakter der Franzosen. Die alte Revolution,
welche eine Strafe der Frivolität zu sein schien, rottete die Frivo-
lität doch selbst nicht aus. Die alte politische und gesellschaftli-
che Verfassung wurde gestürzt, aber die Manieren erhielten sich.
An dem Besitztume klebte etwas, was sich nicht von ihm tren-
nen ließ; in den Reichtümern, welche kaum den Tod der einen
veranlaßt hatten, lag ein Zauber, der auch die wieder verwirrte,
welche die neuen Herren derselben wurden. Den Leichtsinn tilgte
die Guillotine nicht.

Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des Pari-

ser Lebens neue, zu zwei Aristokratien, der bourbonischen und
bonapartistischen, noch eine dritte gesellt, die Aristokratie der
Banquiers. Mehr als je wurde das Geld der Hebel des gesellschaft-
lichen Mechanismus, seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat,
mit der es in dieser Rücksicht schwer war zu wetteifern. Weil die
Pariser das Geld nicht anhäufen, sondern es als Mahlschatz immer
wieder aufschütten und von dem Winde umtreiben lassen, so wird
jede Lebensäußerung dort in den metallischen Strom mit hinein-
gerissen. Dieser Strom ist es, welcher die entsetzlichsten Verhee-
rungen in der Moralität und Freundschaft anrichtet. Sein Ebben
und Fluten macht Leben und Tod. Er ergießt sich frei, offen, vor
allen Augen, nicht einmal unterirdisch. Er wälzt seine goldschäu-
menden Wogen durch die Säle und kleinsten Gemächer. Man ist
in Paris immer in der Nähe des Geldes, weniger dessen, was man
besitzt, als dessen, wovon man nicht genug haben kann und das
man unter allen Umständen sich zu verschaffen sucht. Daraus ent-
stehen die meisten tragischen und komischen Konflikte der Pariser
Gesellschaft.

Wally hatte keine Meditationen nötig, um über diese Dinge ins

reine zu kommen. Sie verstand sie bald, da die Begegnisse selbst
zu deutlich sprachen und dichterische Erfindungen, Schriften wie

— 49 —

die von Balzac, sie hinreichend bestätigten. Wally philosophiert
nicht, das wissen wir längst. Sie wird Paris nicht wie ein Phä-
nomen nehmen, sondern wie eine Erfahrung, über die man erst
reflektiert, nachdem sie erlebt ist. Sie wird sich in den dichte-
sten Strudel der Vergnügungen werfen. Sie wird den Becher der
Lust und der Gedankenlosigkeit bis tief auf die Neige leeren. Sie
wird jede Minute Leben benutzen, die sie nur verwenden kann,
und käme sie einst zurück von Paris, wird sie von Paris nichts zu
erzählen wissen. Wally gehörte bald zu den glänzendsten Erschei-
nungen auf dem Theater des Tages und der Nachrede.

Wenn wir im folgenden mehr ein Verhältnis schildern wollen,

das in Wallys Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickel-
te, so ist es deshalb, um einesteils über ihren Mann eine Ansicht
zu haben, andernteils, um nichts zu unterlassen, was zuletzt doch
berichtet werden müßte, weil es eine entscheidende Folge hatte.
Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen Ge-
wandtheit. Sie hatte ein großes Stück an dem Netz zu weben
übernommen, welches über Paris ausgebreitet ist und so viel Ehr-
geiz, Eifersucht, Tragödie und Idylle in seinen Maschen festhält.
Sie war eine fleißige Bundesgenossin des großen Feldzuges ge-
gen Natur, Wahrheit, Tugend und Völkerfreiheit, welcher mit dem
Leben der Großen fast immer zusammenfällt; ein Feldzug, des-
sen Gefahr von den Freuden seiner kleinen Siege im Ernst doch
überboten wird.

Je weniger diese Katastrophe zunächst mit der Seelenrichtung

in Wally zusammenhängt, die uns veranlaßte, sie zum Gegenstand
einer poetischen Darstellung zu machen, desto mehr trägt sie bei,
die Draperien zu bestimmen, auf deren Grunde sich die wahrhaf-
te Originalität Wallys sprechender zeichnete. Indem Wally Szenen
erlebt, welche mit ihrer Krankheit nicht in der entferntesten Be-
rührung liegen, indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt
ist, das sie selbst in sich aufgeregt hatte; muß auch der Kontrast
desselben später nur desto tiefer in ihr Herz schlagen. Wally wan-
delt sorglos am Rande eines Abgrundes.

— 50 —

5

Eines Morgens hatte Wally soeben die Besuche einiger ihrer

Verehrer entlassen und lachte noch über die Eitelkeit der jungen
Männer, welche gestorben wären vor Ärger, wenn sie ihrer neuen
Gilets, ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine Erwähnung getan
hätte, als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen hörte, das im-
mer näher kam und dann plötzlich mit Gewalt unterdrückt wur-
de, gleichsam als würde jemand, der sich ihrem Zimmer nahen
wollte, mit Heftigkeit zurückgehalten. Nachdem die hierauf ein-
tretende Stille anzudeuten schien, daß eine Verständigung dem
Besuche hatte vorangehen müssen, öffnete sich stürmisch die Tür,
und ein junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein, der
ihr in dem Ankömmling seinen längst aus dem Piemontesischen
erwarteten Bruder Jeronimo vorstellte.

»Wahrhaftig, ich habe mich nicht getäuscht«, rief der junge Ita-

liener. »Ihren Anblick, Madame, sog ich gestern in der Oper drei
volle Stunden lang ein. Ich war kaum in Paris angelangt, als mich
der Zufall in die Vorstellung der ›Cenerentola‹ führt und in die
reizendste Perspektive, welche ich je gehabt habe. Madame, Sie
saßen in einer Loge, von der ich nicht wußte, daß sie die mei-
nes Bruders war. Sie trugen blaue Seide, weiße Tüllstreifen, einen
roten Schal und Marabouts in dem Haar?«

»Ihr Gedächtnis muß weite Taschen haben,« sagte Wally, »wenn

sie am Morgen noch die Toilette der Damen angeben können, die
Sie am Abend vorher bei den Italienern bezaubert haben, wie der
in dieser Rücksicht bei den jungen Enthusiasten übliche Ausdruck
ist.«

»Madame, es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben,

sagt man. Ich sahe nur Sie. Viele werden sie machen, ich werde
nur Sie sehen. Wenn ich die Sprache eines Dichters führen könn-
te, dann würd’ ich erst die Ausdrücke haben, welche Ihrer würdig
sind. Ja, ich muß dies elende Wort ›bezaubern‹ adoptieren und
meine Gefühle hinter der armseligen Wendung verstecken, daß
ich Sie versichre, Ihre Schönheit kann niemals vom Künstler ge-
troffen werden; denn müßte er nicht erblinden in der Anschauung
solcher Reize, Madame?«

— 51 —

»Ich schäme mich, mein Herr«, sagte Wally, »Ihnen ein Wort

empfohlen zu haben, das sie lernen sollten, um bald in die Gesell-
schaft der jungen Enthusiasten einzutreten; denn ich sehe, daß
Sie schon Meister sind in diesen allerliebsten Übertreibungen, die
man um so lieber hört, je weniger Grund sie haben!«

»Sie weichen mir aus, Madame; Sie vergessen, wenn Sie glau-

ben, meine Liebe käme Ihnen ungelegen, daß Widerstand die Lie-
be verdoppelt. Sie haben die Wahl. Es ist wie mit den Sibyllini-
schen Büchern; aber umgekehrt: immer mehr Liebe, aber doch
immer nur die gleiche Summe.«

Hier machte der Gesandte, der das Zimmer schon verlassen

hatte, ein Geräusch nebenan und zwang beide jungen Leute,
einen Moment darauf hinzuhören. Wally mußte über die etwas
steifen Anträge ihres Schwagers lachen. Sein Feuer hatte mehr
von dem russischen Spiritus. Für einen Italiener schien er ihr zu
viel Worte zu machen.

»Setzen wir uns aber«, sagte sie freundlich, »mein lieber Jero-

nimo. Wir wollen versuchen, wie wir uns arrangieren. Es gilt nur,
daß man sich verständigt. Wollen Sie meine Farbe tragen? Wollen
Sie ins Wasser springen, wenn ich behaupte, es sei nicht tief? Wol-
len Sie sich mit halb Paris schlagen, wenn ich die Caprice habe,
Ihnen Dinge in den Mund zu legen, die Sie über die Herzogin von
Breteuil, die Gräfin Allan, die Vikomtesse von Hericourt geäußert
hätten? Sie sehen, welche Arbeiten sich Ihnen auferlegen lassen,
wenn Sie Herkules genug wären, sich in Dejanira zu verlieben.«

»Bezaubernd, Madame, entzückend! Wie liebenswürdig!«
»Und wenn wir auf dem Fuße hinken, womit der Liebhaber

geht: so nehmen Sie den andern, den Fuß der Verwandtschaft,
auf dem wir stehen. Ich glaube in der Art wohl, daß Sie ermüden
können, Jeronimo, aber niemals, daß Sie fallen.«

Die Tür öffnete sich. Die Vikomtesse von Hericourt trat ein. Sie

war eine jener niedlichen Schwätzerinnen, an denen nichts hüb-
scher ist als eine perennierende Begleitung ihrer Stimme mit einer
luftpumpenden Bewegung aus der Brust heraus. Sie seufzte bei je-
der Periode aus der innersten Tiefe her, und da sie es lächelnd tat

— 52 —

und mit glänzendem Auge, bekam dadurch ihr Ausdruck eine hin-
reißende Gewalt, daß man sich die Triumphe dieser Frau erklären
konnte.

Jeronimo blieb aber bei aller dieser Grazie kalt. Er sprang nicht,

wie junge Narren von fashionablem Tone mit Recht tun, wo es sich
darum handelt, zwischen zwei schönen Frauen das Gleichgewicht
zu erhalten, von einer zur andern über, sondern biß in seine Hand-
schuhe, verlegen und nur Wally fixierend, die sein Benehmen nur
als Affektation eines übertriebenen Eindrucks auslegen konnte.

Die Vikomtessa hatte so viel mitzuteilen, zu klagen, zu weinen,

zu lachen, daß Jeronimo sich mit ihr zu gleicher Zeit entfern-
te. Er war stumm bis auf den letzten Augenblick geblieben. Die
ganze Geläufigkeit, mit der er begann, war gehemmt. Sie wußte
nicht, wie sie diesen Charakter nehmen sollte. Er ist ein Russe,
dachte sie unwillkürlich. Aber sie besann sich auf die Russen ihrer
Bekanntschaft, auf welche dennoch keines der Merkmale Jeroni-
mos passen wollte; denn die Russen, immer begierig, sich elegant
und zivilisiert zu zeigen und den Juchtengeruch durch Bisam, eine
Unanständigkeit also durch die andere zu verdecken, affektieren
überall gegen Damen eine ekelhafte Liebenswürdigkeit, springen
von einer zur andern und üben sich in süßen Grimassen. Jeronimo
mußte also doch ein Italiener sein.

Am Abend kam Jeronimo in die Loge des sardinischen Gesand-

ten. Wally hörte ihm gern zu; er hatte Ansichten über Musik und
viel biographische Notizen über die italienischen Komponisten.
Doch alles war flüchtig; denn eine Dame kömmt im Theater nicht
zur Ruhe. Keine Meinung, die unter den Liebhabern verbreitet ist,
ist so falsch als die von der Gunst, welche das Theater der Nei-
gung gewähre. Man wird sein Idol neben sich haben, man wird
stundenlang mit ihm flüstern können; das ist gewiß; aber das Idol
wird auch immer zerstreut sein und hinter jeder aufgehobenen
Lorgnette einen Mann vermuten, der mit dem Seufzenden neben
ihr die Vergleichung aushält oder ihn wohl übertrifft in der Hul-
digung, die er ihr schenkt. Jener Satz gilt nur bei der Sentimen-
talität, welche nicht hört und nicht sieht, oder bei jenen kleinen
Geschöpfen, die über ein geschenktes Freibillet glücklich sind und

— 53 —

alles, was das Theater an Illusionen bietet, für die Schöpfung und
die Bekanntschaft ihres Anbeters halten.

Als Wally nach Hause begleitet war von ihrem Schwager und

ihn noch einige Zeit bei sich gesehen hatte, zog sie sich in ihre
Gemächer zurück. Es klopfte. Der sardinische Gesandte trat mit
einem Armleuchter in ihr Schlafkabinett. Sie erstaunte; denn sol-
che Besuche waren ganz gegen die Verabredung.

»Was ist?« fragte sie gedehnt.
»Liebes Kind«, sagte ihr Gatte; »mein Bruder – «
»Ihr Bruder ist sehr langweilig.«
»Er liebt dich; aber höre nicht auf ihn. Was ich ihm auch vor-

stellen mag, es ist, wie wenn man Feuer plötzlich ins Wasser wirft;
aber höre nicht auf ihn. Ich war in meinen Briefen unvorsichtig.
Er liebt dich wie eine Nebelgestalt, die man sich aus Täuschungen
zusammensetzt und die man sonderbarerweise jede Nacht wieder
vor sein Bett zaubern kann. Er schwärmte mit der Luft, er – «

»Was will ich das?«
»Höre nicht auf ihn! Eh’ er dich sahe und Nizza nicht verlassen

durfte, irrte er in den Wäldern und warf Blumen in die Flüsse. Sei-
ne Neigung ist so stark, daß er jede Lebensfunktion seines Körpers
mit dem deinigen verwechselt, daß er – «

»Lassen Sie!«
»Höre nicht auf ihn! Warum ist Cupido nur blind? Er ist auch

taub, sag’ ich oft zu Jeronimo, weil er nicht hört. Sollten seine
Sinne verzaubert sein?«

»Oh, Sie werden zum Schwätzer: ich glaube gar, Sie machen

Verse.«

»Wie ich dich liebe, Wally! Kind, diese Schere auf dem Tisch

nehm’ ich als eigne Parze meines eignen Geschickes und schneide
eine deiner himmlischen Locken, um sie mit verstohlenen Küssen
zu bedecken, wenn ich dich selbst nicht habe. Gute Nacht, Wally:
vergiß ihn, höre nicht auf ihn!«

Was sollte Wally denken? Der Gesandte hatte ihr eine Locke

genommen. Welche Zärtlichkeit! Zu dieser Stunde, wo sie ihn nie
sah. Sie erbleichte, denn jetzt war ihr dieser Mann erst im Lichte

— 54 —

eines Gatten erschienen. Welch ein Bild! Ein Narr! Eine schwerfäl-
lige Gestalt! Ein Ungetüm, das einen falschen Bart trug! Ein Geiz-
hals, der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war!
Eine hülflose Phantasmagorie, die ein Licht in der Hand hielt und
vor ihr stand, leibhaftig, als hätte sie einen Mann in den Vierzi-
gen vor sich gesehen! Sie wischte an ihrem Antlitz, das er berührt
hatte. Sie lüftete das Bett, um es von den unkeuschen Worten zu
reinigen, die hineingefallen waren, denn es stand offen. Sie be-
griff jetzt erst die Lage, in der sie sich befand, daß sie seit vier
Monaten an einen Mann verheiratet war, den sie nicht kannte.
Sie müsse fliehen! schrie es unhörbar in ihr auf, und erst als sie
über die Mittel, diese Torheit zu begehen, nachdachte, schlief sie
ein.

6

Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache

zur Verstimmung an, als wenn sie die Erinnerung des gestrigen
Abends nicht gehabt hätte. Sie hörte im Nebenzimmer das zufälli-
ge Gespräch zweier Leute ihrer Bedienung, die sich über den Geiz
und die Geldspekulationen der Herrschaft beklagten. Sie staunte
über das ökonomische Talent ihres Mannes, der mit Milch gehan-
delt und Bier gebraut haben würde, wenn er in Paris zufällig die
Anstalten dazu gehabt hätte. Nach jedem Diner ließ der Gesandte
die Weinreste zusammengießen und führte seine Bedienten selbst
an, wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum
Lichtgießer tragen mußten, der sie gegen brauchbares Wachs ein-
tauschte. Wally verstand viel zu wenig von solchen Dingen, als
daß sie ihnen eine rechte Würdigung hätte geben können. Sie
fühlte ein allgemeines Mißbehagen ihrer Seele, das sie verhinder-
te, diesmal das Lächerliche an dem Geize ihres Mannes zu ent-
decken. Es war eine gefährliche Stimmung, in der sie an Cäsar
schrieb.

Als sie den Brief beendet hatte und sah, wie nur Kleinigkeiten

der Pariser Konversation, satirische Bagatellen und viel Albern-
heiten aus ihrer Feder geflossen waren, da hatte sie bessre Laune

— 55 —

bekommen. Sie freute sich, in Cäsar einen Mann gefunden zu ha-
ben, bei dem der Ernst sich hinter so vielem Scherz verstecken
durfte, der nicht pedantisch war und vom Gefühl keine Überflu-
tungen verlangte. Das Gefühl war einmal da, nicht in Gestalt ei-
ner das Herz betreffenden Empfindung, sondern in Gestalt einer
Tatsache, der sich keine andere Auslegung als die einer Neigung
geben ließ. Wally liebte jetzt Cäsar wahrhaftig, ohne sich darüber
ein Geständnis zu machen. Sie hatte sich ihm auf ewig durch jene
mystische Szene verpflichtet. Und doch war es weder Scham, was
sie an ihn fesselte, noch der Gedanke, ihn besitzen zu wollen. So
viel Unschuld bei so vieler Freiheit!

Als Jeronimo zu ihr eintrat, konnte sie mit Lachen seinen hei-

ßen Liebesbewerbungen zuhören, so heiter war sie. Jeronimo
machte eine Miene, als wäre ihm ein großes Glück widerfahren,
als hätte er ein Unterpfand, das ihn gegen Wallys Scherze sicher-
te. Sie sagte ihm: »Wie tief sind wir doch schon in den Wahnsinn
der Liebe versunken! Bart, Kleidung, alles seh’ ich heute an Ihnen
vernachlässigt! Sie gleichen jenen Shakespeareschen Liebenden
in seinen Lustspielen, die so jämmerlich von dem Schmerz ihrer
Brust verzehrt sind und, je verliebter sie werden, desto länger ihre
schwarze Wäsche tragen. Und vor acht Tagen sahen wir uns zum
ersten Male.«

»Vor sechs Monaten«, entgegnete Jeronimo.
»Wie, Sie kennen mich länger?«
»Länger, als Sie leben, Madame! Ich kannte Sie schon, als Sie

nur noch ein Gedanke waren, der im Schoße Gottes schlummerte.
Meine Liebe zu Ihnen ist nur die Erinnerung eines alten Glückes.
Diese schwellenden Lippen, diese jetzt so spröde Brust: ich weiß
es, ich habe sie schon einmal geküßt, ich habe sie schon einmal
umarmt.«

»Fabelhafte Dinge muß ich hören, Jeronimo. Was würde die

Vikomtesse von Hericourt denken, wenn Alfred Jardinier, dieser
bürgerliche, aber liebenswürdige Anbeter, ihr solche Dinge sagte.«

»Lasen Sie Plato, Madame?«
»Nein!«

— 56 —

»Die Seelen meiner Person und der Ihrigen, Wally, sollen einem

Schoß entsprossen sein. Die Bilder und Urtypen unsrer Persön-
lichkeit kannte schon die Ewigkeit, und was wir Liebe nennen, ist
nur ein Tribut, den wir unsrer Vergangenheit, unserm Gedächt-
nisse und unsern früher eingegangenen Verpflichtungen schuldig
sind.«

»Sie werden mich überreden wollen, daß Sie urweltliche Rech-

te auf mich haben; daß Sie diese Hand, welche Sie mir für eine
Zärtlichkeit viel zu heftig drücken, schon vor der Sündflut beses-
sen haben. Sie tun Unrecht, eine so kleine Frau, wie ich bin, in die
großen Hallen der Philosophie einführen zu wollen.«

»Was Philosophie, Wally! Im Schoße Gottes trugen Sie einst

dieselben gelben Pantoffeln, mit welchen Ihr Fuß noch jetzt so
reizend kokettiert.«

»Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrtum über die gel-

ben Pantoffeln. Es sind Schuhe, mein Herr; ich erwarte nun von
Ihnen, daß Sie sie zu binden versuchen. Machen Sie es ordent-
lich, und vernachlässigen Sie mir künftig lieber den Plato als Ihre
Toilette, die ganz geschmacklos ist.«

Während die Situation, die jetzt folgte, noch nicht beendigt

war, trat ein Diener ein und zeigte an, das Cabriolet Jeronimos
sei vorgefahren. Sie nahm ihren Schal, klagte viel darüber, daß
er mit nichts umzugehen wisse, und stieg, sich auf ihn stützend,
die Treppe hinunter. Jeronimo faßte selbst die Zügel des Pferdes
und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklich-
keit, die Wally nicht erschreckte, da sie davon nichts verstand.
Sie fuhren durch die Boulevards. Jeronimo wollte fahrend spre-
chen. Er hörte nicht auf, den Schoß Gottes im Mund zu haben.
Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu; er übersah sein
Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig in die Kut-
schen der Schauspielerinnen hinein, die vor der Tür des Theaters,
wo eben Probe war, hielten, daß seine Bemühungen, sich heraus-
zuwickeln, vergeblich wurden. Die Peitsche brauchte er nur zu
seinem Mißgeschick. Das Pferd bäumte sich und hob die Gabel
des kleinen Wagens so hoch, daß die beiden darinnen rücklings

— 57 —

überfielen und Gefahr liefen, aus ihrem Sitze herausgeschleudert
zu werden. Hier mußte ein Unglück geschehen.

Wally verlor einen Augenblick lang die Besinnung. Als sie wie-

der im Zusammenhang der schrecklichen Szene war, sahe sie den
Wagen aus jener Verwirrung herausgeführt und das Pferd von ei-
nem Manne beschwichtigt, in welchem sie zu neuem Schreck Cä-
sar erkannte. Gott, jetzt fiel es ihr ein, sie hatte ihn schon zwei-,
dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen. War er es
gewesen, so konnte die Rettung kein Wunder sein. Er mußte sie
verfolgt und den Augenblick der nötigen Hülfe wahrgenommen
haben.

Jeronimo staunte, wie er bei der weiten Fahrt statt Vorwürfe

von Wally nur Scherz und Lachen vernahm. Er stotterte Bitten
heraus, die sie nicht verstand. Sie war außer sich vor Entzücken.
Jeronimo wußte sich nichts zu erklären und eilte, ihrem Wunsche
nachzukommen. Sie wollte nach ihrer Wohnung zurück.

Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen. Sie kam

nicht vom Fenster, weil sie jede Minute hoffte, Cäsar an dem Tor-
wege zu sehen. Sie nahm mechanisch an der Mittagstafel teil, ging
nicht ins Theater; aber Cäsar kam nicht. Jetzt erst fiel es ihr ein,
daß sie sich getäuscht haben konnte, und rief einem ihrer Leu-
te, den sie unverzüglich zu Herrn von Werther, dem preußischen
Gesandten, schickte, um über ihren Anblick Gewißheit zu haben.

Der Bote brachte die vernichtende Nachricht, Cäsar hätte sich

seit länger als vier Wochen in Paris aufgehalten und habe seinen
Paß zur Abreise bereits zurückgenommen.

Wally blieb stumm vor Schmerz. Sie hielt das erblaßte Haupt

auf der krampfhaften Hand gestützt und gerann in Eis statt in Trä-
nen. Womit hatte sie diese Demütigung verdient! Sie kannte Cä-
sar genug, um zu wissen, wie dieses Betragen mit seinem Wesen
zusammenhing. Ach! auch dies nicht ganz so wunderbare, wozu
Cäsar es machen wird, Begegnen an der Porte St. Martin, sagte
sie vor sich hin, wird er wie eine Romanenepisode nehmen, um
sein ewiges Selbstennui, seine hypochondrische Quälerei damit
zu würzen und aufzustutzen.

— 58 —

Wally seufzte tief auf und durchmaß mit Verzweiflungsschrit-

ten ihr Zimmer. Es schien ihr der herbste Schlag, der sie treffen
konnte. Das Gehen machte sie ruhiger. Sie setzte sich, und jetzt
erst konnte sie weinen.

»Womit verdient’ ich das?« war ein erstickter Ton ihrer Stimme.

Woran dachte sie jetzt! Was hatte sie alles getan, um ihm eine Lie-
be zu zeigen, an die er, an die sie nicht glaubte und die sich doch
so unvertilgbar in ihre Herzen eingenistet hatte! »Womit verdient’
ich das?« Unglückliche Wally! Was hattest du nicht dem Egoismus
eines Mannes geopfert? Du gabst ihm deine Seele, deine Gedan-
ken, deine Scham, alles, was du außer dem armseligen Stand der
Verheiratung hattest; und dies alles dem Egoismus, dem Lächeln,
vielleicht dem Verrat? »Oh, das wäre entsetzlich«, schrie sie auf;
dem Verrat? Das nicht, Wally! Aber sein Herz ist kalt, er lebt nur
von Gefühlen, die er raffinieren und filtrieren kann, er trotzt ge-
gen sich selbst; du bist die Leiche, die er mit Füßen tritt. Wally!
Wally! Ihr Blick fiel auf den noch offenen Brief, den sie an ihn
geschrieben hatte. Welches Vertrauen, welche Harmlosigkeit! Wie
treue, kindische Worte! Wie alles so selig, so unbewußt verbre-
cherisch, so süß in etwas, was zuletzt immer eine Übertretung
ihrer Pflicht war! Sie hatte ihm alles gegeben! Sie weinte; ihre
Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen, ihr Bewußt-
sein sank hin in eine allgemeine Erschöpfung, in eine Ohnmacht,
die von einem hitzigen Fieber abgelöst wurde. Sie sollte erst nach
langer Zeit von diesem Schmerze erwachen.

7

Drei Wochen hindurch war der Wächter: Bewußtsein vom Tore

der Vernunft verschwunden. Die Gedanken Wallys waren freige-
geben, das Dach stand offen, jedes Auge konnte in das glühende
Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit seinen Blicken
verfolgen. Da lagen sie alle, die wie ein Kapital angelegten Ein-
drücke der Vergangenheit, ohne die lachenden, fröhlichen Zinsen
des Umgangs und des Bewußtseins zu tragen; nackte Leiber, die
des bunten Gewandes der Rede ermangelten, Ideenembryone, so

— 59 —

gräulich anzusehen wie die Infusorien, die man durch Vergröße-
rungsgläser in einem Wasserglase unterscheidet. Die Erinnerun-
gen, Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gin-
gen wahnwitzig lächerliche Bundsgenossenschaften ein und fra-
ßen sich untereinander auf wie Ungetüme, denen die Gestalt, die
Schönheit, die Freiheit des Willens und das Wort fehlt. So lag Wal-
ly drei Wochen.

Als sie zum ersten Male die Augen mit Bewußtsein aufschlug,

erblickte sie Auroren und fragte nach allem, was seither gesche-
hen wäre. Diese junge berlinische Schwätzerin schlug die Hände
zusammen, setzte sich die Mütze der Verwunderung auf und hatte
viel von Wallys fieberhaften Phantasiestücken zu erzählen. Wally
fühlte sich stark zu hören, auch stark, sich zu erinnern. Sie wuß-
te deutlich, wer die Schuld ihres Übels trug; sie ging auch bald
wieder bei diesem Gedanken in die Nebel zurück und sprach von
einem Manne, der sie gerettet, aber nicht besucht hatte.

Aurora sprach von Jeronimo. Sie schilderte seine Verzweiflung.

Er hielte sich für den Urheber von Wallys Leiden, er verließe das
Haus nicht und würde durch nichts aufgehalten, Augenblicke, wo
Wally schliefe, zu benutzen und in ihr Zimmer zu dringen.

»Wer?« fragte Wally.
»Jeronimo!«
Es gehörte noch Anstrengung dazu, daß Wally wieder wußte,

warum sie nach Jeronimo gefragt hatte. Sie vergaß es und räumte
Aurorens Schwatzhaftigkeit das Feld. Diese tummelte sich weid-
lich darauf. Sie kam immer wieder auf den Italiener zurück, bis er
selbst kam und an Wallys Bett niederkniete. Wally sahe ihn, aber
sie erkannte ihn nicht.

Jeronimo stand bleich und hager da. Seine Wangen waren ein-

gefallen und abgezehrt. Die Augen blickten starr und mit einem
unheimlichen Feuer. Sein Äußeres war gänzlich vernachlässigt.
Hätte man nicht annehmen müssen, daß ihn die Trauer verhin-
derte, Sorgfalt auf sich zu verwenden, so würde man zu dem
Glauben gezwungen gewesen sein, seine Erscheinung sei die Fol-
ge der Armut. Er sprach italienisch; Aurora verstand nichts davon,
zu seinem Glücke; denn hätte sie es verstanden, wie würde es ihr

— 60 —

entgangen sein, daß Jeronimos Reden einen bedenklichen Gei-
steszustand verrieten?

Wally verstand wohl die wahnwitzigen Worte an ihrem Bett,

aber sie wußte nicht, von wem sie kamen. Und hätte sie es ge-
wußt, so würde sie sogleich auf den Zustand reflektiert haben,
den sie soeben von sich selbst erfahren hatte. In der Tat, sie ver-
wechselte auch den Wahnsinn, den sie hörte, mit dem, welcher
sie selbst beherrschte, und flehte unhörbar, ihr nichts zuzurech-
nen von der Verwirrung, die aus ihrem bewußtlosen Haupte ent-
sprang. Jeronimo küßte ihre Hand. Sie erkannte ihn nicht, als er
wie ein Gespenst von ihrem Lager fortschlich.

Benutzen wir den Augenblick, wo der Faden unsrer Erzählung

gehemmt ist durch das Schicksal ihrer Heldin, die sonderbare Er-
scheinung Jeronimos und das Verhältnis zu seinem Bruder näher
zu erklären. Jeronimo ist eine widerliche Störung dieses Berichts.
Wallys unübertreffliche Originalität, das bunte Farbenspiel ihrer
Laune verdiente wahrlich nicht, von so fratzenhaften Verrückun-
gen menschlicher Gefühle und Verhältnissen, wie wir sie kennen-
lernen werden, paralysiert zu werden.

Luigi und Jeronimo hießen die beiden Brüder, welche uns bis

jetzt nur in so nebelhaften Umrissen erschienen sind. Jener war
der ältere, dieser der jüngre; beide an Jahren so verschieden wie
an Gestalt und Gemütsrichtung. Luigi ein praktischer Egoist, Je-
ronimo ein exzentrischer Schwärmer, dort das drohende Extrem
der Bosheit, hier des Wahnsinns. Beide Brüder hatten zu glei-
chen Teilen ein großes Vermögen geerbt; aber verschiedenartig
war der Gebrauch, den sie davon machten; Luigi geizte, Jeronimo
verschwendete. Luigi traf in Jeronimos sanfter Gemütsstimmung
keinen Widerstand, als er ihm bei den Verschleuderungen sei-
nen Rat anbot und sich für bereit erklärte, die Verwaltung seines
Vermögens zu übernehmen. Die Verantwortlichkeit machte Luigi
schlecht. Immer im Harnisch gegen Jeronimos Unbesonnenhei-
ten, längst gewohnt, ihn wie ein Zuchtmeister seinen Gefangenen
zu behandeln, immer in der Illusion, daß er das Gute, Noble und
Ehrliche täte, während er doch nur das Kluge und Nützliche tat,
nahm er seine eigne Verfahrungsweise wie etwas Notwendiges

— 61 —

und gewöhnte sich daran, Dinge als sein Eigentum zu betrachten,
für welche er zuletzt wirklich einstehen mußte. Diese Verwech-
selung war leicht gemacht und artete in dezidierte Schlechtigkeit
aus. Es galt nicht mehr, daß Luigi für all die Torheiten, die Jeroni-
mo beging und unschädlich machen mußte, sich schadlos halten
wollte, daß er durch die Verwendungen, die er überall versuch-
te, als Jeronimo ins Gefängnis geworfen wurde wegen Karbona-
rismus, ein Recht über des jüngern Bruders Leib und Leben zu
haben sich überredete, sondern bald wurde es Ziel und Plan bei
ihm, einen Menschen, dem nicht zu helfen war, gänzlich zu unter-
drücken und das Vermögen an sich zu ziehen, welches Jeronimo
noch besaß und möglicherweise auf irgendeine seiner flüchtigen
Neigungen vererben konnte.

Von einer neuen Torheit, die Jeronimo beging, wußte Luigi

erst kaum, wie er sie behandeln sollte. Er hatte ihm von Wally
geschrieben, von ihrer Jugend und Schönheit. Jeronimo bat ihn,
nichts von ihren Reizen zu übergehen. Luigi fährt in seinen Ent-
zückungen fort, und Jeronimo schwört ihm in einem Briefe, daß
Wally nur für ihn bestimmt wäre. »Lächerlicher Einfall!« sagte Lu-
igi, als er am Tage seiner Hochzeit diesen Brief empfing. Aber Je-
ronimo hörte in seinen Grillen nicht auf. Er drohte, noch in Haft
befindlich, die er sich durch eine unbesonnene Tötung zugezogen
hatte, mit dem Äußersten. Die Idee schien fix bei ihm geworden
zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß man in ein Bild sich verlie-
ben kann. Arme Wally! Mußte deine glatte, stille, liebliche Seele,
dein nüchternes, von allem Exzentrischen abseites Leben in solche
Strudel gerissen werden?

Luigi wußte, daß sein Bruder nach Paris kommen würde. Er

hatte ein Mittel gegen ihn und scheute sich nicht, da er sahe, wel-
chen Eindruck Wally auf Jeronimo machte, es in Anwendung zu
bringen. Was war ihm Wally? Welche Genüsse gewährte sie ihm?
Und doch war er nicht so niedrig, sie an seinen Bruder gleichsam
verkaufen zu wollen; er war mehr bös als gemein, mehr europä-
isch schlecht als italienisch ordinär. Er wollte Jeronimos Neigung
im Schach erhalten und davon Gewinste ziehen. Sein Geiz sahe
mit Schrecken, wie des Bruders Vermögen in den durstigen Sand

— 62 —

der Pariser Vergnügungen und Ausschweifungen verrinnen wür-
de. Er sahe schon tausend Arme geöffnet, tausend Zärtlichkeiten
als Falle gelegt, er zitterte vor dem weiten Meere, dessen Abgrund
bald Jeronimos Erbe verschlingen mußte. Er wollte es retten. Er
wollte es absorbieren, erst, wie er glaubte, um es zu bewahren,
dann, um es nie wieder herauszugeben. Wally mußte zu diesem
Zwecke dienen. Ihre Koketterie mußte Jeronimo fesseln und un-
glücklich machen. Luigi arbeitete planmäßig, um das Hirn des
Bruders zu verrücken. Er brachte Grüße, Zärtlichkeiten, Locken
und zwang den Glücklichen, von Wally sich immer wieder enttäu-
schen zu lassen. Jeronimo war schwach, ein Kind, eine tote Hand
seines Vermögens. Luigi eignete sich alles zu. Wer kann zweifeln,
daß Wally imstande war, durch ihre unzähligen kleinen Charak-
terlosigkeiten einen Mann zu vernichten? Sie tat es, ohne darum
zu wissen. Sie wurde unbewußt das Werkzeug einer nichtswürdi-
gen Intrigue.

8

Jeronimo hatte früher eine glänzende Wohnung besessen, jetzt

mußte er sich einschränken. Er trat in Paris mit all dem Glanze
auf, der der Wiederschein seines Vermögens war; jetzt hatte ihn
eine unglückliche Leidenschaft so gebeugt, daß er nicht einmal
das Schmerzliche seiner gegenwärtigen Lage empfand. Er däm-
merte in seiner Idee hin. Er gab alles seinem Bruder, seitdem er
keine Bedürfnisse mehr kannte. Sein ganzes Vermögen wurde Lu-
igi verschrieben. Zuweilen, am frühsten Morgen, wenn noch kei-
ne Seele auf der Straße war, besuchte ihn dieser und stieg die
vier Treppen hinauf, über denen Jeronimo wohnte. Denn er woll-
te nicht, daß sein Bruder irgendeinen Groll gegen ihn faßte. Er
gab sich immer das Ansehen, als sorgte er väterlich für den Ver-
lassenen, als bewahre er ihm seine Glücksgüter, die in seiner trü-
ben Seelenstimmung ihm doch eine Last sein würden. So hatte
er auch eines Morgens bedächtig an die Tür der kleinen Kammer
gepocht, welche Jeronimo bewohnte. Er trat hinein und fand sei-
nen Bruder lang ausgestreckt auf einem schlechten Bett, dessen
er sich als eines Sofa bediente. An den kahlen Wänden hingen

— 63 —

einige schlechtgemalte Heiligenbilder. Auf den Kissen rings lagen
die zerstreuten Bestandteile einer ganz mangelhaften Toilette; auf
dem Tische einige Bücher, die mit Staub bedeckt waren und des-
halb ahnen ließen, daß Jeronimo noch aus sich selbst Trost und
Unterhaltung schöpfen konnte.

Als Luigi eintrat, sprang sein verlassener Bruder auf, grüßte mit

einer mechanischen Höflichkeit, für welche er selbst keinen Grund
wußte, räumte schnell einen Stuhl ab und schob ihn zurück, um
seinem Besuche Platz zu machen.

»Ist sie wohl?« war seine erste Frage. Luigi bejahte sie mit dem

Lächeln eines Mannes, der hier gleichsam sagen wollte: Es hängt
alles von dir ab! oder: Du kannst Vorteil davon ziehen!

Aber Jeronimo war nicht so starken Glaubens. »Sie liebt mich

nicht!« rief er aus, »sie ist grausam und kalt! Man sieht, daß ein
solches Herz nur im Norden geboren werden konnte.«

»Was hängst du auch, mein Sohn!« entgegnete Luigi, »dieser

Grille nach? Warum sich einer Leidenschaft hingeben, welche oh-
ne alle innere Begründung ist und die nur dazu dient, dein ganzes
Leben zu verwirren?«

»Sie läßt mich nicht mehr vor!«
»Du zwingst sie dazu; denn Sie liebt mich von Herzen. Was

richtest du an! Du bist in der glänzendsten Lage, bist reich, jung,
hast eine ausgesuchte Bildung; warum entziehst du dich der Ge-
sellschaft? Warum diese schlechte Wohnung, die dich um deine
Annehmlichkeiten und mich um meinen Kredit bringt? Warum
dieser vernachlässigte Aufzug, welcher eher dem eines Industrie-
ritters und Bankeruttiers gleicht als dem Range und dem Geiste,
den du besitzest?«

»Du bist sehr boshaft, Bruder!« sagte Jeronimo, den ein Ver-

nunftfunke durchleuchtete. »Wenn ich mich vernachlässige, so
bist du schuld daran, meine Liebe wahrlich nicht, welche nur da-
zu dient, das Unglückliche meiner Lage mich weniger herb fühlen
zu lassen. Wer spiegelt mir die ungeheuern Verluste vor, die mein
Vermögen soll erlitten haben?«

»Ungerechte Beschuldigung!«

— 64 —

»O sieh, Luigi! ich blicke tief in dein Inneres. Dein Geiz ist die

Triebfeder deiner Schlechtigkeit. Du hast dir immer das Ansehen
gegeben, mein Beschützer zu sein, und wahrlich, du machtest
dich vortrefflich dafür bezahlt. Ich würde wahrhaftig keine dei-
ner ehrlosen Intriguen zugeben, Mann, wenn ich mir Besonnen-
heit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten
hätte.«

»So ungerecht sprichst du zu einem Bruder, der für dich sorgt,

Jeronimo? Der niemals in dieses verfluchte Schmutznest tritt, oh-
ne von den Geldrollen in seiner Tasche einen schweren Tritt zu
haben. Wann komm’ ich leer? Ich biete dir alles an: ich beschwö-
re dich anzunehmen. Auch jetzt: siehe! nimm! aber wache über
deine Ausdrücke, die mein Herz verwunden und der Welt Veran-
lassung zu einem falschen Urteil geben können.«

»Oh, damit schläferst du dein Gewissen ein, mit diesen Geldrol-

len, welche hier liegen und von mir nicht geachtet werden, weil
ich keine Bedürfnisse mehr habe! Man hat gut von Reichtümern
zu einem Manne reden, der das Gelübde der Armut ablegte. Was
fürchtest du wohl mehr, Prahler, als meine erwachende Lebens-
lust? Sie kann niemals kommen, Glücklicher! Du siehst mich dem
Tode entgegenreisen und hoffest, bald der Sorge um einen Men-
schen enthoben zu sein, von dem ich selbst gestehe, daß er für
menschliche Berührungen und das im Dasein Gewöhnliche kein
Kettenglied mehr ist. Du aber warst es, der mich um Wally betro-
gen hat.«

»Lenk’ ich die Neigungen dieser schwer zu zügelnden Frau?«
»O Mensch, Bruder, du warst auch als Gatte schlecht genug,

mir Hoffnungen zu machen.«

»Verächtlicher!« rief Luigi und sprang vom Sitze auf.
»Oh, setze sie vor dein kahlgewaschenes Antlitz, die Maske der

Entrüstung! Dein Weib mußte der Blitzableiter meiner gewitter-
drohenden Neigungen und der Hagelwetter werden, welche mein
Vermögen ruinieren konnten. Dein Geiz sah alles vorher. Ein teuf-
lisches Spiel hast du mit mir getrieben. Zu den Beleidigungen füg-
test du noch meine Entnervung, meine Unfähigkeit, mich für sie
zu rächen, hinzu!«

— 65 —

Und das sagte Jeronimo mit Recht. Denn wie richtig er auch

das Benehmen seines Bruders, diese Manier, ihn zu beobachten
und in der Hand zu haben, durchschaute, so war er doch in seiner
Willenskraft wie gelähmt. Eine unerwiderte Neigung hatte ihn zu
Boden geworfen. Er war keines Entschlusses fähig, wenn sein Bru-
der so schlecht handelte, ihm wieder eine neue Hoffnung zu ma-
chen. So lächelte Luigi auch hier, nahm die Geldrollen und ließ,
indem er sie einsteckte, wie zufällig die Schleife eines blauen Da-
menkleides aus ihr herausfallen. Jeronimo fing sie auf und preßte
sie an seine Lippen. Sie war von Wally, ein Raub in derselben Art,
wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten Zärtlichkeiten beging. Wäh-
rend Jeronimo im Entzücken dieses Besitzes schwelgte, fand Luigi
Muße, sich ohne Geräusch zu entfernen.

Als er dicht bei seinem Hotel war, öffnete sich die Tür des-

selben, und einer seiner Bedienten trat heraus, ohne ihn zu be-
merken. Ein junger Mann sprang auf den flüchtigen Burschen zu,
hielt ihn an und fragte ihn dringend, indem er etwas durch Geld
belohnte, was noch kommen sollte: »Ist die Gräfin zu Hause?«

»Ich glaube nicht.«
»Sei aufrichtig: ich muß es wissen!«
»Sie ist bei der Vicomtesse von Hericourt.«
»Dort kann ich sie nicht sprechen. Sie war krank?«
»Wer? Die Gräfin? Freilich; sie ist vor einer Woche vom hitzigen

Fieber genesen.«

»Gerechter Gott! Wie lebt sie denn im Hause? Hat sie viel Ver-

gnügungen?«

»Sie wissen wohl, hierin läßt sie sich nichts entgehen. Sie glau-

ben, Herr Baron, ich kenne Sie nicht? Wie oft waren Sie bei der
Gräfin, als ich noch mit ihr Manęge ritt.«

»Du kennst mich? Sage ihr nicht, daß du mich gesehen hast:

morgen aber hilfst du mir, sie ohne Zeremoniell und weitläufige
Anmeldung sprechen zu können!«

Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach. Er erkannte

ihn als einen Deutschen, dem er früher begegnet sein mußte. Der
Bediente gab ihm den Namen an; doch hatte er nie gewußt, daß

— 66 —

dieser mit Wally in einer Verbindung gestanden hätte. Er trat in
sein Hotel.

9

Am folgenden Morgen, als Wally sich noch in den ersten Umris-

sen ihrer Toilette befand und im neusten Hefte der ›Revue de Pa-
ris‹ blätterte, wo sie durch die Schwärmereien eines französischen
Gelehrten über deutsche Zustände, die er aber falsch verstanden
hatte, sehr belustigt wurde, riß eine unangemeldete Hand die Tür
ihres Zimmers auf und stürzte mit einem freudigen Gruße zu Wal-
lys Füßen.

Sie war bleich vor Schrecken, als sie es dulden mußte, daß

Cäsar sie stürmisch in seine Arme schloß und ihre Hand mit sei-
nen Küssen bedeckte. »Meine Wally!« war der einzige Ausruf, der
über seine bewegten Lippen dringen konnte. Wally zitterte vor
Schrecken und Freude. Auch sie konnte keinen Ausdruck finden.

So saßen sie sich eine Weile stumm gegenüber; aber ihre Blicke

sprachen mit feurigen Zungen und hatten tausend Dinge zu glei-
cher Zeit zu fragen und mitzuteilen. »Dein Tschionatulander!«
sprach dann Cäsar mit holdseliger Ironie. Wally errötete und barg
ihr glühendes Antlitz vor Scham an seine Brust.

»Sie müssen mir diesen stürmischen Angriff verzeihen!« fuhr

dann Cäsar fort. »Ich habe viel bei Ihnen gutzumachen und will
es durch Dinge, welche für Sie von Wert sind.«

»Sie haben vor zwei Monaten mir das Leben nur gerettet, um

es mir zu nehmen!« sagte Wally.

»Ich wollte Sie nicht besuchen. Ich vermied Sie. Warum? fra-

gen Sie mich! Ich weiß es nicht. War ich stolz, beleidigt? Nein: es
war lächerlich; aber Sie kennen mich, Wally, wie schwierig ich zu
behandeln bin. Ich lasse immer auf eine Liebenswürdigkeit zehn
unerträgliche Torheiten kommen.«

»Liebenswürdigkeiten! Unerträglich! Torheiten! Oh, alles, wie

sonst – mein Cäsar!«

»Meine Wally! Aber Sie schweben in einer unvermeidlichen Ge-

fahr, aus der ich Sie retten muß. Ihr guter Ruf ist bedroht. Sie ver-
danken das Ihrem Manne. Welche Leute kommen in Ihr Haus?«

— 67 —

Wally hatte nicht viel Gehör für diese Worte, für den Inhalt

nicht, nur für den Schall, den sie an Cäsars Munde verfolgte.
Wenn die Wörterbücher es erlauben, sich so auszudrücken, so
wollte sie ihn nur sprechen, nicht reden hören.

»Nein, in der Tat, Wally! Wer ist dieser Jeronimo? Alle Welt

spricht davon. Es ist unmöglich, daß Sie Anteil an dieser Intrigue
haben. Sie kömmt allein auf Rechnung Ihres Mannes.«

Wally lächelte nur und weidete sich an dem Anblick.
»Nein, bezaubernd sind Sie, Wally!« grollte Cäsar mit komisch-

weinerlicher Stimme; »aber so hören Sie doch und gehen Sie auf
etwas ein, das Sie interessiert.«

Cäsar mußte sie wecken, mit Küssen wecken aus ihrem Rau-

sche. Er mußte Auge an Auge, Stirn an Stirn legen, jeden Zug in
Wallys Antlitz bannen, um sie in seiner Gewalt zu haben und sei-
nen Worten Eingang zu verschaffen. Wally tat noch immer nichts,
als in einer gewissen gemachten Abwesenheit von unten herauf
mit einer halben Wendung ihres Kopfes, mit klugen und verdäch-
tigen Augen an ihn sich hinaufschmiegen und das küssen, was sie
grade traf, Auge, Mund, Nasenflügel. Man muß lieben, um diesen
malerischen Gestus der Zärtlichkeit zu verstehen.

»Wally!«
»Cäsar!«
»Wer ist Jeronimo?«
»Ein Narr.«
»Der Bruder Ihres Mannes?«
»Der Bruder meines Mannes.«
»Er liebt Sie.«
»Er liebt mich.«
»Er ist wahnwitzig.«
»Er ist wahnwitzig.«
»O, Wally! Wally!«
»Was soll ich nur? Warum inquirieren Sie mich?«
»Man behauptet, Jeronimo würde mit Vorspiegelungen von Ih-

nen hingehalten, während Ihr Mann die Zeit benutzt, seinen eige-
nen Bruder auszuziehen.«

— 68 —

»Aus der Komödie! Ein Roman von Eugene Sue, Balzac, Vic-

tor Hugo; was soll ich lesen? Raten Sie mir: ich verwildre ganz,
Cäsar.«

»Keine Fabel, nein! Im Hotel des sardinischen Gesandten plün-

dert man die unglücklichen Liebhaber.«

»Und die glücklichen, Cäsar, sind langweilig.«
»Und die glücklichen Liebhaber, Wally, wollen nicht, daß ihr

Idol ein Gegenstand der allgemeinen Beschimpfung ist.«

»Wer beschimpft mich?«
»Ihr Mann!«
»Nun, so müssen Sie mich wieder reinwaschen.«
»Das will ich; aber – «
»Aber – «
»Geben Sie mir Aufschlüsse, Data, Erklärungen. Wer ist Jero-

nimo? Was will er? Was hat er? Ahnten Sie nichts? Teilen Sie die
Schuld Ihres Mannes?«

»Gott, so hören Sie auf, Cäsar. An diesen Sachen nehm’ ich kei-

nen Teil. Ich habe ja an Ihnen genug, Cäsar; ich lasse Sie nicht.
Reden Sie von der Vergangenheit, von Ihren Lebensschicksalen,
von unsern Freunden. Kein andres Wort, oder ich verlasse Sie im
Augenblick.«

Cäsar begriff diese Grillen nicht. Verdiente er, so geliebt zu wer-

den!

»Nun dann!« sagte er lachend und ärgerlich zugleich und be-

gann, auf die Themata einzugehen, welche Wally entzückten. Bis
zur Mittagszeit konnten sie über diese Dinge sprechen, ja noch in
der Loge des Theaters, und nach dem Theater bis tief in die Nacht
hinein.

10

Endlich hatte Wally den Zusammenhang ihrer häuslichen Ver-

hältnisse erfahren. Cäsar war unermüdlich, den Ruf seiner Freun-
din wiederherzustellen und die öffentliche Meinung über sie zu
berichtigen. Sie dankte ihm dafür nicht einmal; denn sie lebte gar
nicht in bezug auf diese unwürdigen Dinge, weil sie weder von ih-
nen eine Vorstellung hatte noch sie für wert einer Aufmerksamkeit

— 69 —

hielt, die größer gewesen wäre als die vollständige Erschöpfung
ihres Verhältnisses zu Cäsar.

So verflossen einige für sie unersetzliche Tage. Wally duldete

nicht, daß irgend etwas sie im Genusse derselben störte. Sie gab
sich wenigen Besuchen preis. Die meisten wies sie ab, vor allen
die Anmeldungen Jeronimos, den sie in seinen Leiden mit einer
entsetzlichen Grausamkeit behandelte. Sie trat alles mit Füßen,
was nicht in unmittelbarer Beziehung auf Cäsar stand.

»Sie müssen mich über diesen Unglücklichen anhören«, sprach

Cäsar einst zu ihr. »Er glaubt Rechte auf Sie zu haben und behaup-
tet, daß Sie um den Preis seines Vermögens die seine wären.«

Wally lachte hierüber, dann aber sagte sie ärgerlich: »Was soll

ich aber tun? Ich bin dieser Verhandlungen müde, daß mir meine
Lage unerträglich wird. Es kömmt so weit, daß ich jedes Mittel
ergreife, Paris zu verlassen.«

»Was tut Ihr Mann? Was sagt er Ihnen? Will er denn alles ge-

schehen lassen?«

»Was geschieht denn? Gütiger Himmel, so schenken Sie den

Narrheiten der Welt nicht fortwährend Ihr Ohr. Ich bin für Sie
ohne Tadel und bedarf nicht mehr, weil ich nur Ihnen gefallen
will. O Gott! Ist je zu einem Manne so gesprochen worden?«

»Sie verwirren meinen Kopf, Wally!«
»Gewiß: denn der meinige ist unfähig, noch im Zusammen-

hange zu denken. Wollen Sie etwas Entscheidendes tun?«

»Nun?«
»Befreien Sie mich aus dieser Lage! Ich gehe mit Ihnen aus Pa-

ris und kehre niemals zurück. In der Einsamkeit will ich wohnen,
selbst wenn Sie mich verbergen müßten. Hier ist die Luft verpe-
stet. Sagen Sie alles meinem Manne. Er ist ein Pinsel, der gar
keine Rechte auf mich hat. Fort! Gehen Sie noch jetzt hinüber zu
ihm.«

Als Cäsar mit dem Gesandten allein war, sagte er zu ihm: »Mein

Herr, Sie vernachlässigen den Ruf und die Ruhe Ihrer Frau.«

»In welcher Eigenschaft sagen Sie mir dies?« fragte der Gesand-

te.

— 70 —

»Als Bevollmächtigter und Beauftragter Ihrer Frau, als Freund

des Hauses, dem sie angehört, als Teilnehmer an Wallys Lebens-
schicksalen, die sie betreffen, als beträfen sie mich selbst, zuletzt
– wenn auch nur – als Beschützer eines Wesens, das unschuldig
ist und nicht die Kraft hat, sich von einer Intrigue loszusagen, in
welche sie wider ihren Willen verwickelt wurde.«

»Sie scheinen von den Verhältnissen meiner Frau mehr zu wis-

sen als ich selbst. Doch will ich ihre Mitteilungen abwarten, um
mich zu irgend etwas bestimmen zu lassen.«

»Dann werden Sie freies Spiel haben, mein Herr! Wally lebt

nicht mit dem, was um sie vorgeht.«

»Dann scheint es, als bauten Sie ihr eine neue Welt.«
»Ja, Sie können so sagen, wenn Sie darunter verstehen, daß ich

die alte einreißen werde. Was können Sie tun, um Ihrem Bruder
seinen Verstand wiederzugeben und die Reichtümer desselben,
welche Sie sich das Ansehen geben, mit Ihrer Gattin zu teilen?
Sie wagten es, eine himmlisch reine Seele zu beschmutzen. Sie
wagten es, das Leben eines Bruders methodisch zu untergraben.
Gegen das letzte werden die Gesetze auftreten, gegen das erste
aber Gesinnungen, die sich weder widerlegen noch bestechen las-
sen.«

»Aber auch gegen diese tugendhaften Gesinnungen wird es Ge-

setze geben; denn Sie wissen, daß diese Art Tugend nicht überall
am Orte ist.«

»Die Gesetze werden zu spät kommen.«
»Wie sollten sie von Ihnen vereitelt werden?«
»Durch die Entführung Ihrer Frau, die Brandmarkung Ihres Na-

mens, durch die Aufhebung jeder ehrlichen Gemeinschaft mit Ih-
nen, durch tausend Vorsprünge, welche die Ehrlichkeit vor einem
Manne voraus hat, der mit dem guten Namen seiner Frau das Ver-
mögen eines Bruders kauft, der zur einen Seite die Menschen übel
berüchtigt, zur andern wahnsinnig macht. Wahrhaftig, ich schwö-
re Ihnen – «

Der Gesandte trat scharf auf Cäsar zu und hintertrieb hiedurch

das, was dieser sagen wollte, er stieß einige Drohungen aus und

— 71 —

verließ dann mit einem gemachten Stolze das Zimmer. Cäsar woll-
te ihm nach, aber die Tür war ins Schloß gefallen.

Als er in die Zimmer Wallys zurückkam und er hörte, daß sie

im Bade sei, verließ er unmutig über die verlorne Mühe das Ho-
tel. Seine Ausdauer war erschöpft. Er war nahe daran, jetzt al-
les so kommen und so gehen zu lassen, wie es ging. Aber noch
an demselben Abende sollte eine Schlußkatastrophe den Knoten
durchhauen.

Jeronimos Seelenzustand war unheilbar zerrüttet. Es war ihm

nur noch eine Kraft geblieben, die gefährlichste für seinen unzu-
rechnungsfähigen Zustand, die Kraft, Entschlüsse zu fassen und
sie um so eher ins Werk zu setzen, weil ihn nichts in seinen Combi-
nationen störte. Jeronimo war fast ein Bild des Todes. Das dunkle
Feuer seines Auges hatte sich selbst verzehrt, ein Büschel dünner
Haare deckte den kahlen Scheitel. In Regen und Frost stand er vor
den Fenstern seiner unglücklichen Neigung, die ihn von sich wies
und den ganzen Herbst und Winter mit ihm nicht gesprochen hat-
te. Dabei versagte er sich das Notwendigste. Er schien verhungern
zu wollen. Da ihn aber die Langsamkeit dieser Todesart peinigte,
so wählte er eine schnellere. Nur darum handelte es sich noch bei
ihm, wie er vor den Augen Wallys sterben sollte.

Es war an demselben Tage, wo Cäsar mit dem Gesandten ge-

sprochen hatte, als sich in der Nachtdämmerung eine blasse Ge-
stalt von ihrem Lager erhob, nach einem Pistol griff und sich an
den erleuchteten Häusern der Pariser Straßen dicht unter den er-
sten Stockwerken entlangschlich. Es war ein wenig Schnee gefal-
len. Die Straßen waren leer, oder doch hatte alles, was auf ihnen
war, Eile, sie wieder zu verlassen. Nirgends brannten Laternen.
Der Kalender hatte Mondschein.

Jeronimo stand endlich vor dem Hotel seines Bruders. Man sah

es, daß dieses Haus kein Sitz der Freude war. Nur hie und da
war ein Fenster erleuchtet. Jeronimo spähte nach dem, welches zu
Wallys Schlafkabinett gehörte. Er sah es, doch war es noch finster.
Wally mußte aus dem Theater schon zurück sein. Einige falsche
Akkorde auf dem Klavier drangen zu dem Ohr des Unglücklichen.
Jeden andern, dessen Geist nicht schon in wahnsinnige Erstarrung

— 72 —

übergegangen war, hätten diese Töne dem Leben wiedergegeben.
Jeronimo hatte keine Empfindung als für das, welches mit seinem
Tode und einer Art von Rache zusammenhing. Er tat nichts, als
den Hahn seines Pistols zurücklegen.

Jetzt schwiegen die Töne, welche nur in einem Anfalle von

Zerstreuung und zufälliger Leere des Bewußtseins angeschlagen
schienen. Das Schlafkabinett Wallys erhellte sich. Jeronimo zitter-
te, denn nah erkannte er zwei Gestalten, welche an den Gardinen
des Fensters zuweilen wegrauschten. Bald war es nur noch diesel-
be, die zuweilen wiederkehrte. Es mußte Wally sein.

Jeronimo wollte nicht anders, als sie im Auge haben. Der Zu-

fall war grausam genug, hier alles zu erleichtern. Vom Vorsprung
des Parterrefensters war er bald auf das eiserne Gerüst einer La-
terne. Die Einschnitte an der Wand des Hauses unterstützten ihn.
Er schwang sich auf, griff mit zuckender Hand an das Fenster und
faßte so viel vom Holze, daß er bequem aufgerichtet einige Minu-
ten lang stehen konnte; er stand noch länger; denn in so fürch-
terlichen Augenblicken ermüdet der Körper nicht und kann das
Unglaubliche leisten.

Wally blieb drinnen an einen Pfeiler ihres Bettes gelehnt. Sie

war noch nicht ganz entkleidet; nur was an Schnüren und Bän-
dern ihre Kleider zusammenhielt, das war gelöst und machte,
daß sie in einer malerischen, die Sinne verlockenden Situation
dastand. Sie war sehr indifferent in ihrem Gemüte, wie es schien,
und griff nach einem Buche, nach einem deutschen Buche, um
sich in Paris einzuschläfern. Da störte sie ein Geräusch am Fenster.
Sie sieht auf und erblickte durch die angelaufenen Scheiben die
ganz undeutlichen Umrisse einer menschlichen Gestalt. Sie eilt
hinzu, wischt so viel von dem Tau des Fensters ab, um ein gräß-
lich verzerrtes Antlitz wahrzunehmen, das im Nu beim Knall eines
Pistols zerschmettert ist. Sie stößt einen entsetzlichen Schrei aus:
der Schuß machte das Haus lebendig. Man eilt von allen Seiten
herbei, dringt in Wallys Zimmer; denn hier hatte man den Schuß
gehört. Man tritt in das Kabinett und findet Wally bewußtlos am
Boden liegen. Die Scheiben sind zerschmettert, und blutige Teile
eines zersprungenen Schädels liegen auf dem Fußboden.

— 73 —

Wally hatte sich bald erholt. Sie besann sich auf alles; sie hatte

Jeronimo in dem Augenblicke, als das Pistol blitzte, erkannt; nie-
mand zögerte, ihre Vermutung zu bestätigen, als man den hinun-
tergestürzten Leichnam besichtigte und dem Bruder des Gesand-
ten in ein Antlitz leuchtete, das nicht mehr da war. Aber welch ein
tiefer Abgrund ist das weibliche Herz! Wally tobte wie eine Bac-
chantin. Sie lief, sie schrie, sie riß die Zimmer ihres Gatten auf,
der nirgends zu finden war. Sie verbot unter jeder Bedingung,
den entsetzlichen Leichnam in das Haus zu tragen. Wäre Jeroni-
mo nicht tot gewesen, jetzt hätte sie ihn umbringen können. Sie
rief nach Cäsar. Bediente eilten fort; man traf ihn nicht. Sie schick-
te zwei-, dreimal. Zuletzt ließ sie ihm sagen, daß er am folgenden
Morgen um sechs Uhr reisefertig in ihrem Hotel eintreffen sollte.

Hier war kein Besinnen, kein Abraten mehr möglich. Alles

mußte Hand anlegen, um ihre Sachen zu ordnen und das Nötig-
ste auf den Reisewagen zu packen, der unter den Torweg gezogen
wurde. Die Post wurde zur Minute bestellt. Wally war wie ver-
zaubert. Sie befahl, majestätisch, kalt, nordisch, wie eine Allein-
herrscherin Moskoviens. Bis tief in die Nacht war sie mit diesen
Zurüstungen beschäftigt.

Sie hatte in halbem Schlummer gelegen, als sie in der Frühe

aufwachte. Das blutige Ereignis hatte sie vergessen; nur ihr Ent-
schluß beschäftigte sie. Cäsar erschien, ganz verstört. Sie blickte
ihn forschend an, sie befahl. Er begriff nichts, er frug nicht, er
folgte willenlos. Unten im Torweg war alles noch um den Wagen
beschäftigt, sie zitterte vor Ärger, daß hier noch nicht alles been-
digt war. Sie dachte gar nicht daran, bei Menschen, welche sie
nie wiedersehen wollte, einen angenehmen Eindruck zu hinter-
lassen. Cäsars Blick fiel auf eine Blutspur, die von außen sich in
den Torweg und wieder hinauszog. Er wagte nicht zu fragen, so
erschreckte ihn dies. Wally schien alles zu wissen, und wie leicht-
sinnig trat sie über das kaum getrocknete Blut, das hie und da mit
zersplitterten Knochen vermischt war!

Erst als sie beide im Wagen saßen und die Barričren von Paris

im Rücken hatten, teilte ihm Wally das Geschehene mit. Cäsar
schauderte.

— 74 —

DRITTES BUCH

WALLYS TAGEBUCH

Es ist zu spät, das Leben ihres Bluts
Ist tödlich angesteckt, und ihr Gehirn,
Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren,
Sagt uns durch seine eitlen Grübeleien
Das Ende ihrer Sterblichkeit vorher.

Shakespeare

Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich, den

Kreis, in welchem ich mich bewege, nun doch auch in allen sei-
nen Teilen auszufüllen. Wie beglückt mich Cäsars Liebe! Ich will
aber nicht ungerecht sein gegen die Außenwelt und mich wenig-
stens schriftlich mit ihr beschäftigen, soweit sie ein Recht dazu
hat. Viele verdienen es, daß ich auf sie achte: nicht alle. Cäsar
sagt mir, ich wäre egoistisch gegen die Welt, er nennt mich sogar
grausam. Er meint es gewiß damit aufrichtig. Ich will mich auch
mit den andern beschäftigen; aber schriftlich: täglich will ich drei
Vormittagsstunden darauf verwenden. Täglich –

Ob ich das Vorige ausstreiche? Fünfmal hab’ ich gegen mei-

nen Vorsatz gesündigt, und multipliziere ich die drei vergessenen
Stunden mit den fünf vergessenen Tagen, so tat ich’s fünfzehn-
mal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel schneller, als mein
bleierner Stil folgen kann. Cäsar sagte mir, man müsse die Men-
schen in ihrem ganzen Wesen anatomieren. Dadurch lerne man
und vergnüge sich. Cäsar hat immer recht.

Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen.

Ich vernachlässige alle; wenn ich sie sehe, zeig’ ich ihnen, was ich
von ihnen schrieb und daß ich sie doch liebe. Ich will Delphinen
charakterisieren, sie ist so verschieden von mir.

Delphine gefällt, ohne schön zu sein. Man kann ihr nicht ein-

mal einen ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung,
ihr schwebender Gang kann den Mann veranlassen, auf sie zu
achten. Sie trägt sich mit erstaunenswerter Einfachheit. Ihr Haar
ist gescheitelt; ein weißer Kantenstrich, wie man ihn unter Hüten

— 75 —

trägt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Weiß
und hellblau stehen ihr gut; eine rote Schleife auf der Brust gibt
dieser Monotonie der Toilette eine lachende Auffrischung. Del-
phine hat einen kleinen Fuß. Sie geht sehr schön. Das will viel
sagen! Das Blaue in Delphinens Auge ist nicht rein, es ist mit zu
viel Weiß gemischt. Für die Augenbrauen ist eine schöne Wölbung
da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet.
Sie hat einige hübsche Gewohnheiten. So faßt sie z. B. oft mit
der linken Hand in die Gegend der Stirn, öffnet sie, schließt mit
dem Daumen und dem Zeigefinger einen Kreis und beginnt die-
sen Kreis allmählich zu öffnen, indem sie aus der Tränendrüse des
linken Auges zurückfährt, das ganze Auge umkreist und die Öff-
nung der beiden Finger wieder schließt am Ende des Auges. Die-
se sonderbare Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle und ist des-
halb so hinreißend, weil sie immer mit einer Erregung ihrer Seele
zusammenhängt. Der größte Zauber in Delphinens Erscheinung
kömmt aber von ihrer eigentümlichen Seelenstimmung her. Die-
se muß man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der
Ausdruck sie nicht ganz erschöpft. Besser würde man sagen, sie ist
musikalisch gestimmt. Denn Musik drückt ihr ganzes Wesen aus:
und zwar nach jener einseitigen Richtung hin, wo die Musik nur
Wollust der Empfindung ist. Für plastische Gestaltenschöpfung in
der Musik, soweit die Musik diese erreichen kann, für Opern im
französischen Geschmack, kurz, für das Dramatische in der Mu-
sik ist sie nicht. Die Richtung ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie
mit einem wunderlieblichen Organe spricht, nimmt den Ausdruck
des Zarten, Schonenden und Bittenden an. Bittend sind die mei-
sten Töne ihres Lautregisters. Nichts kann hinreißender sein als
dies flehende, mit einer gewissen lächelnden und doch schmerzli-
chen Selbstironie hervorgebrachte: »O Gott!«, womit sie so vieles
begleitet, was sie spricht. »O Gott!« Dieser Ausdruck soll ihr ewi-
ges Überwundensein, ihre Hingebung an die Menschheit, an die
sie glaubt, ausdrücken. Wer könnte widerstehen, wo solche Töne
anschlagen! Delphine ist so willenlos, daß sie die Beute jeder pro-
noncierten Absicht wird. Mit liebenswürdiger Naivetät gestand sie
mir einst: Sie würde jeden lieben, der sie liebt. Oh, wie nötig ist

— 76 —

es, bei einer solchen Willensschwäche, daß sie in die Hut eines
Mannes kömmt, der so viel geistiges Leben besitzt, um sie ganz
durchströmen zu können mit seiner eignen Willenskraft! Delphine
liebte unglücklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht, ihre frü-
heren Zärtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen,
daß sie dem Manne immer noch als kaum erschlossene Knospe
erscheinen muß. Delphine besitzt äußerlich die Reize nicht, einen
Mann auf die Länge zu fesseln, aber wer sie einmal, sei es aus Lie-
be oder Illusion, eroberte, der wird sie nie verlassen können, weil
ihre Hülflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet
sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie hält einige Minuten lang die
Dialektik eines bloß verständigen logischen Gesprächs aus; aber
dann kann sie es nur fortsetzen, wenn es entweder auf einen ge-
mütlichen und Gefühlston übergeht oder auf einen bestimmten
vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. Über einen Fall, den man
ihr bloß erzählt, kann sie nicht urteilen, weil sie alle Menschen
für gut hält und alle nach sich selbst richtet. Delphine sollte viel
lesen. Sie liest, aber fragmentarisch. Sie ist reich, sie sollte sich
durch vielfache Lektüre darin zu bilden suchen, was über die Mu-
sik und das bloße Gefühl hinausliegt. Ihr Organ macht, daß sie
schön, ihre keusche Seele, daß sie fast alles richtig liest. Ich hörte
sie Gretchen im ›Faust‹ lesen, so wahr und hold, wie es der Peche
in Wien und Höffert in Braunschweig kaum gelingen möchte. Cä-
sar muß ihr Bücher geben. Was er wohl über sie urteilt! Er ist ihr
diametral entgegengesetzt und sagte mir doch einmal: er müsse
jede lieben, die ihn liebe, und würde auch jeder treu sein in sei-
ner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Delphinen Schwäche. Sie
können sich aber nicht begegnen. Delphine ist eine Jüdin.

Ich habe das gestern nur so hingeworfen, daß Delphine eine

Jüdin ist. Aber welche eigentümliche Richtung mußte dies ihrem
Wesen geben! Sie wurde unter sehr glänzenden Verhältnissen er-
zogen. Das Judentum in seinem Schmutz, mit seinen Zeremonien
und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keine Reue dar-
in, irgendeines der jüdischen Gebote zu übertreten, von welchen
sie den größten Teil gar nicht kannte. Wie originell ist doch ein
Mädchen, das den ganzen Bildungsgang christlicher Ideen nicht

— 77 —

durchmachte und doch auf einer Stufe steht, welche ganz Gefühl
ist, und das so viel Liebenswürdigkeit entwickelt! Delphine kann
von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen
Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht, eine häusliche Vereh-
rung kömmt in Form von Zeremonien, Gesang oder sonst einer
Weise nicht vor, die Konfirmation ist unter uns den Juden nicht
erlaubt – wie auffallend ist dies alles, und doch hat man es dicht
neben sich!

Glücklich ist Delphine zu nennen, denn niemals wird ihr die

Religion irgendeine Ängstlichkeit verursachen. Ein gewisses un-
bestimmtes Dämmern des Gefühls muß für sie schon hinreichend
sein, die Nähe des Himmels zu spüren. Sie braucht jene Stufen-
leiter von positiven Lehren und historischen Tatsachen nicht, die
die Christin erst erklimmen muß, um eine Einsicht in das Wesen
der Religion zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem
Betracht gestellt und sollten im Grunde, wenn die Religion die Tu-
gend befördert, weit weniger tugendhaft als die Juden sein; denn
unsere Religion ist ein so hoher Münster, daß man ihn zwar er-
steigen, aber nicht zu jedem Sims, zu jedem Vorsprunge, zu jedem
Seitenturme gelangen kann. Eins aber bemerk’ ich, was charakte-
ristisch ist. Niemals könnt’ ich als Christin über meine Religion zu
Delphinen sprechen und sie eine Verzweiflung über meinen Glau-
ben blicken lassen. Es ist dies eine Scham und ein Stolz, welcher
unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen
würde, selbst wenn vom Christentum alles in uns morsch gewor-
den ist.

Für christliche Männer, welche widerspenstig gegen den Kate-

chismus sind, muß die Liebe einer Jüdin von besonderm Reize
sein. Sie nehmen hier weder Bigottismus noch eine Zerrissenheit
wie die meinige in den Kauf, sondern weiden sich an der rei-
nen, ungetrübten, natürlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen
Schmelz der Liebe, welcher die der Christinnen bei weitem über-
treffen soll. Bei einer Jüdin reduziert sich alles einseitig auf ihre
Liebe, Rücksichten tauchen nirgends auf: ihre Liebe ist ganz pflan-
zenartiger Natur, orientalisch, wie eingeschlossen in das Treib-
haus eines Harems, der alles erlaubt, jedes Spiel, jede weibliche

— 78 —

(aber wollüstig-ergreifende) Gedankenlosigkeit, alles, alles: dar-
um schwillt Delphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist nie-
mals schlaff, sondern immer aufgebläht, rund und voll, immer auf
rauschender Fahrt.

Cäsar entdeckt, glaub’ ich, in der Liebe zu Jüdinnen noch einen

andern Reiz. Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und
will die letztere durchaus nicht als ein Institut der Kirche gelten
lassen. Das Sakrament der Ehe ist nach seiner Theorie die Liebe,
nicht des Priesters Segen. Wie glücklich würde Cäsar sein, wenn
er je heiratete, es ohne kirchliche Zeremonie tun zu dürfen!

Eine Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen kann zwar

nicht bei uns, aber in andern Ländern geschlossen werden; natür-
lich ist dies eine Ehe ohne den christlichen oder jüdischen Prie-
ster; es ist eine rein zivile Ehe vor den Gerichten, ein Akt der ge-
selligen Übereinkunft. Ich glaube fast, Cäsar könnte deshalb seine
Neigung zu Delphinen ins Äußerste treiben. Schon bemerk’ ich,
wie eifrig er sie sucht.

Wie leichtsinnig bin ich gestern über die Abgründe meines Den-

kens hingewandelt! Ohne weiteres konnt’ ich mich damit beruhi-
gen, diese Zweifel an meinem Glauben hinzunehmen als etwas,
das ich mir längst selbst gestanden habe, und doch weiß ich aus
meinem frühern Leben, wie unglücklich ich war, daß ich über die-
se Dinge nichts zu denken wagte. Oh, wie mächtig ist der Liebe
Zauber! Ein männliches Herz, das uns liebt, ist der Wächter aller
unsrer Gedanken und muß die stille Verantwortung dessen tra-
gen, was in der Seele des Weibes Sünde und Empörung ist. Wie
sicher fühl’ ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die
warme Hand meines Freundes drücken darf! Er nimmt alles auf
sich: er ist heiter und lächelt und fürchtet nichts.

Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie Cäsar sich Del-

phinen immer mehr nähert, wenn ich mir die grausame Wirkung
denke, die ein Verhältnis zwischen beiden in mir Unglückseligen
hervorbrächte: was muß dann kommen, wenn ich die Trümmer
sehe, welche sich in meiner Seele aufgehäuft haben! Die Unruhe,
über die Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als
sonst. Sie hat eine solche, jetzt zur Not gedämmte Gewalt über

— 79 —

mich, daß ich glauben muß, die Wegnahme dieses Dammes der
Liebe bringt eine Überflutung in mir hervor, welche selbst den
Schmerz über Cäsars Verlust mit fortschwemmt. Ich lebe und st-
erbe mit Cäsar. Leben kann ich nur mit Cäsars Liebe. Sterben muß
ich, nicht weil Cäsar imstande war, eine andre mir, ein Mädchen
einer Frau (ob er es wohl weiß, eine Unberührte einer Unberühr-
ten) vorzuziehen, sondern weil dann alles in mir zusammensinkt.
Gott, ich glaube, fast brauch’ ich Cäsar nur, um mich zu beschäfti-
gen und meinen Gedanken eine unschädliche Richtung zu geben.
Er kömmt.

Nur die Erkenntnis ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst

bezweifeln hieße den gegenwärtigen Zustand meines Innern fort-
leugnen. Würd’ ich diese Mühe haben, wenn es nicht in Wahrheit
einen Gott gäbe! Das Resultat des Atheismus war auch nie ein
andres, als daß er in ein System überging und zuletzt selbst eine
Religion wurde. Konnt’ es abergläubigere und bigottere Atheisten
geben, als Chaumette, Anacharsis Cloots und Momoro waren!

Der Atheismus eine Religion! Eine Ironie, die man satanisch

nennen möchte! In einer Reisebeschreibung las ich, daß einer der
ersten Gottesleugner der Revolution, Billaud-Varennes, nachdem
er auf seiner Flucht erst von der Dressur azorischer Papageien
gelebt hatte, dann in Amerika Priester wurde, unter Indianer kam
und zuletzt von ihnen als göttliches Wesen verehrt wurde, er, der
Gott geleugnet hatte!

Diese satanischen Ironien reizen mich. Sollte es möglich sein,

daß es noch einst im Himmel einen Gottesdienst gibt! Das Chri-
stentum (man lese nur die Offenbarung Johannis) gefällt sich in
diesem lächerlichen Widerspruch, als wenn Gott vor sich selber
Weihrauch streuen müsse. Er etabliert im Himmel eine vollende-
te Kirche mit Chören der Seligen und Altären, auf welchen die
Cherubim thronen. Goethe benutzte diese Maschinerie für die Ka-
nonisierung seines Faust.

Aber was jag’ ich nach solchen Bemerkungen! Sie haben frei-

lich lindernde Kraft, aber ich schäme mich, aus meinem Schmerze
Tatsachen heraufzuwühlen und mich selbst als einen Gegenstand
meiner Leiden zu betrachten.

— 80 —

Wir sollen Gott fürchten und lieben! Dies eine Gebot unter-

gräbt meine Ruhe; denn ich kann es weder befolgen noch mich
anklagen deshalb, weil ich es nicht tue. Wir sollen Gott zürnen,
heißt das Gebot meiner Weltansicht, welche eine unglückliche ist
und freilich sich nicht damit zufriedengibt, daß jährlich vier Jah-
reszeiten kommen und man im Frühjahr Erdbeeren ißt, welche
mit Zucker und Milch ein so vortreffliches Surrogat der Vanille
sind. Es ist im Grunde nicht viel, was wir besitzen auf Erden. Wir
werden geboren oft in den elendesten Verhältnissen. Wir kriechen
tierisch auf dem Boden und werden nur allmählich aufgerichtet,
wie Schlinggewächs an das Spalier der Bildung. Not, Mühsal ver-
folgt uns überall; selten ein Genuß, der nicht durch eine Anstren-
gung erkauft ist. Wir haben so viel mit der Materie zu kämpfen.
Wir wälzen einen Stein wie Sisyphus den Berg hinauf; warum
müssen wir es tun? Der Fluch, nicht der Segen der Götter beglei-
tet uns. Warum sind wir? Oh, könnt’ ich mir irgendeinen erweis-
lichen Grund vorstellen, warum diese Planeten im Weltsysteme
irren, warum wir auf unserm Planeten so armselig und hülflos
kriechen müssen? Was bezweckte Gott damit? War dies eine Gril-
le von ihm? Was kömmt darauf an, ob das Gute oder Böse in der
Weltordnung produziert wird? Ich bin so unglücklich. Ich weiß
hierauf keine Antwort.

Die Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen, ließ Gott bei der Schöpfung

oder bei der ewigen Schöpfung, bei unsrer Geburt, ohne die ent-
sprechende Fähigkeit, auch Antwort darauf zu geben. Diese Halb-
heit einer Gabe ist so feindselig. Gott duldete es, daß der Glau-
be an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er duldete es,
daß noch heute der Atheismus wie das größte Verbrechen von den
Völkern behandelt wird. Nun, ich denke an Gott; aber warum gab
er uns nicht die Fähigkeit, ihn begreifen zu können? Verlangt er
die Folgen, warum ließ er mich ohne die Voraussetzungen? Alle
Nationen kommen darin überein, daß man von Gott nichts wis-
sen könne. Dann weiß ich auch nicht, warum sie an ihn glauben.
Oder es darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz
Gottes anzunehmen war eine ganz äußerliche, politische und po-
lizeiliche Übereinkunft der Völker. Denn warum haben wir halbe

— 81 —

Vernunft, halbe Erkenntnis, halben Geist? Warum zu allem nur
die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen
trüben Boden Systeme, welche den Schein der Vollendung tragen
und uns mit Verpflichtungen willkürlich belasten!

Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken des Tods! Die Krankheit

mit ihrer unsäglichen Hülflosigkeit! Das allmähliche Verschwin-
den des Bewußtseins! Und dies alles nicht einmal so entsetzlich
als das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich zwanzig Jahre: wel-
che Empfindungen werd’ ich haben, wenn ich vierzig, fünfzig bin
und es nun heißt: noch zehn, noch fünf sind die Wahrscheinlich-
keit! Dies ist eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein
solcher Fluch der menschlichen Natur, daß ich mich nie entschlie-
ßen kann, das Gebot der Gottesliebe zu befolgen. Man gab uns
einiges, und das meiste wurde uns versagt. Das einzige, was wir
in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fä-
higkeit, unsern unglücklichen Zustand zu begreifen und alle die
Dinge zu nennen, welche wir vermissen sollen.

Ich habe mir ein merkwürdiges Buch verschafft, von dem ich

einmal durch Cäsar hörte: die ›Fragmente des Wolfenbüttler Un-
genannten‹, welche Lessing herausgegeben hat. Es liegt viel Pu-
derstaub auf dem Buche, viel altfränkisches Wesen; aber das hab’
ich abgewischt und mir von meiner Lektüre eine ganz moderne
Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hambur-
ger Arzt, Reimarus, gewesen sein. Die vollständige Prüfung des
Christentums steht in einem Glasschranke auf der Hamburger Bi-
bliothek. Sie wollen das Buch nicht herausgeben. Sie fürchten,
daß aus dem vergilbten Papiere jener Kritik Motten fliegen, die
das Christentum selbst anfressen. Warum Lessing nur sagt, daß
der Verfasser jener Fragmente Schmidt heiße!

Die ›Fragmente‹ nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in An-

spruch. Ihr nüchterner, leidenschaftsloser Ton erschreckt das Ge-
wissen nicht. Ich lese in der besten Laune. Wie der Autor die Bibel
zerfleischt, wie er in den glattgescheitelten Mienen jener Fischer
und Zöllner, welche das Christentum predigten, den Schalk ent-
deckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im

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Nacken führt! Und doch jammert mich’s jener kindlichen, mär-
chenhaften Sage, die der Autor mit so vieler Gelehrsamkeit ver-
nichtet! Nur eines bestimmt mich, ihm beizupflichten, der Hin-
blick auf das, was uns umgibt, auf unsre Priester, auf – ach! wie
hängt das alles zusammen! Aus jenem kleinen christlichen Senf-
korn ist ein ganzes Senfpflaster geworden, das der gesunden Ver-
nunft die brennendsten Blasen zieht!

Ganz männlich werden meine Ausdrücke!
Und doch können die ›Fragmente‹ nicht befriedigen. Sie deuten

auf eine Naturreligion, mit deren Voraussetzungen sich die heu-
tige wissenschaftliche Bildung kaum noch begnügen würde. Die
Frage muß höher liegen. Sie dringt dort nicht in das Innre der
Christuslehre ein, sie hält sich nur an deren historische Offenba-
rung. Ich suche Trost. Wo? Wo?

Ich war gefaßt auf diese Eiseskälte, mit der mir Cäsar seinen

Entschluß anzeigt. Was ich vermutete, ist eingetroffen. Delphi-
nens Situation reizt ihn. Er wird um ihre Hand bitten. Die Eltern
sind ohne Vorurteile, und ich werde ihn verloren haben. Ich bin
ruhig. Ich habe keine Tränen für diesen Verlust. Ich bin in einer
fürchterlichen Seelenstimmung. Ist dies nicht ein neuer Fluch des
Himmels? Oh, jetzt sind mir die Blitze des Schicksals willkom-
men, denn die Donner, welche ihnen nachrollen, wecken mich
immer mehr aus der dumpfen Betäubung meiner Gedanken. Ich
muß Licht haben, Aufschluß, Einsicht! Ich denke an Cäsar nicht
mehr. Ich will wissen, erkennen. Warum? Wozu? Oh, das sah’ ich
alles voraus.

Ich bin krank, ich fühl’ es. Sollte das auf ein Zunehmen deuten?

Ist auch im Geistigen wie im Körper Wachstum eine Krankheit?

Glückliche Naivetät der vergangenen Zeiten! Ich komme von

einer Ausstellung alter Gemälde. Auf vielen, die Transfigurationen
und Glorien der Heiligen vorstellen, sah’ ich Engel, welche die
Geige spielten. Dies würde mir weniger auffallend gewesen sein,
wenn sie es nicht nach Noten getan hätten.

Und doch gleicht die Malerei selbst, die Kunst, diese Lächer-

lichkeit aus. Die Poesie würde es nicht können. Die Poesie hat

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diese Einfachheit nicht; sie würde solche Anomalien immer nur
als Travestie geben.

Und wie entwürdigt sie sich, wenn sie es tut! Man sollte den

Spott über das Heilige, das Wühlen der Mistkäfer in duftenden
Blumen, bitter verfolgen, auch die Freigeister sollten es; sie, die
alle Sorge tragen müssen, nicht mit den Spöttern verwechselt zu
werden.

Es würde mir viel leichter werden, den göttlichen Begriffen mit

Sicherheit nachzuhängen, wenn ich vom Nichts eine Vorstellung
festhalten könnte. Aber dies ist unmöglich. Ich habe schon früh an
dieser Verzweiflung gelitten. Ich wollte schon als Kind mir zuwei-
len alles wegdenken, was ich sahe und denken konnte, Europa,
Asien, Afrika, die ganze Erde, den Himmel, alle Schöpfung, und
dann war es immer, als stürzt’ ich von einer unermeßlichen Höhe
ins Leere hinunter und fiel ohne Aufenthalt. Fast möcht’ ich sa-
gen, ich bin seither mit Eindrücken beladener, und es würde mir
schwieriger sein als ehemals, eine solche Vorstellung des Nichts zu
fixieren. Ach das hohle, weite Chaos, diese dumpfe Leere, worin
das Nichts unsichtbar schlummert! Und Gott, der dieses Nichts
selbst ist, nämlich dasselbe Nichts, das später doch ein Etwas wur-
de! Gott, der in dem Nichts ist und doch wiederum auch in dem
Etwas nicht sein soll, weil dies die Welt selbst vergöttern heißen
würde! Der pantheistische Gedanke widerstrebt mir, und ich glau-
be, Frauen werden ihn niemals hegen können, weil sie durch sich
selbst schon gewohnt sind, alle Dinge in aktive und passive einzu-
teilen. Wir werden immer anthropomorphische Ideen haben; das
Christentum unterstützt uns darin. Die Vorstellung eines über uns
thronenden Werkmeisters ist ein Bedürfnis, das unsere Phantasie
immer geltend machen wird. Jedes andre, ach, alles, alles ist uns
verschlossen.

Cäsar wird in Ländern wohnen, wo das französische Recht

herrscht. Er ist glücklich, sich ohne die Kirche verheiraten zu dür-
fen. Eine bürgerliche Verbindung wird zwischen ihm und Delphi-
nen stattfinden. Wenn er nur meinen Zustand schonte! Aber er
kennt ihn nicht. Wüßte er, wie mich seine leichte Manier über
die Religion so tief verwundet! Das Peinlichste ist dies, daß er

— 84 —

sich öfter das Ansehen gibt, als ließen sich einige Wahrheiten so-
gar im christlichen Glauben unumstößlich beweisen. Dann tut er’s
und beginnt über die schwierigsten Punkte Entwickelungen, wel-
che er mit ernster Miene durchführt und, wenn er zu Ende ist,
für phantastischen Witz erklärt. So begann er neulich folgende
Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit,
eines Begriffes, den ich noch gar nicht anrührte, weil ich mit sei-
nen Prämissen noch nicht im reinen bin. Er sagte: Die bloße Va-
terschaft Gottes ist relativ, sie ist unerkennbar oder, wie Jakob
Böhme gesagt hat, ein dunkles Tal. Licht und Erkenntnis kömmt
erst durch den Sohn. Beide dürfen nicht isoliert gedacht werden,
ihre Ergänzung, ihre Wechselseitigkeit ist der Heilige Geist. Gott
als das bloße Alles oder das bloße Nichts ist unerkennbar. Gott
muß sich etwas gegenüberstellen, einen Schatten seiner selbst, er
mußte sich negieren aus seiner Ruhe heraus und schuf die Natur.
Die Natur ist nicht Gott, denn dann müßte die Natur ein Zustand
sein. Nein, die Natur ist eine Tätigkeit Gottes, und alles in Gott
Tätige, auf die Außenwelt Bezügliche, ist in ihm das Englische.
Die Engel sind die Herolde des göttlichen Willens, und ihre Zahl
ist so unendlich, wie, fast möchte man sagen, die Atome der Welt.
Die Engel wohnten ursprünglich in Gott; denn seine Tätigkeit ist
seinem Sein immanent. Darum mußten die Engel auch gut sein
ursprünglich. Luzifer aber empört sich, Luzifer, der Lichtbringer,
der die Finsternis erhellt. Dies Empören ist eine Tätigkeit Gottes,
das heißt Gott wird das Gegenteil seiner selbst, Gott wird Satan.
Ja, die Natur ist Teufel, dieselbe Natur, welche für Gott durchaus
nicht vorhanden ist, da sie nur sein Atem ist. Die Natur vor Gott
ist so, als wäre sie nicht. Vor Gott gibt es auch einen Teufel, als
gäb’ es ihn nicht. Je höher bei dem einen oder andern das philo-
sophische Bewußtsein ist, desto weniger existiert für ihn auch der
Teufel. Im Christentum ist der Teufel ideell gänzlich ausgetrieben,
denn Gott sonderte die menschliche Individualität von der Natur
ab und gab dieser in seinem Sohne eine eigne Offenbarung. Gott
wollte den Widerspruch seiner selbst durch sich selbst strafen und
an sich seinen eigenen Prozeß büßen lassen. Er wurde gekreuzigt,
und es herrscht hinfort nicht mehr Gott, nicht mehr Satan, nicht

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mehr der Mensch, nicht mehr die Natur, sondern das Reich des
Geistes, der Freiheit und der Wahrheit.

Was hatt’ ich nun von dieser Improvisation! Mit einer Art von

komischem Atheismus schloß Cäsar seine mystische Deduktion,
welche Menschen von größerer Einbildungskraft, als ich besitze,
viel Beruhigung gewähren mag. Ich soll schon an den Sohn glau-
ben und bin noch mit dem Vater unbekannt.

Ich habe mich drei Wochen lang täglich in Vergnügungen be-

rauscht. Ich mußte der Welt zeigen, daß ich Cäsars Entfernung er-
tragen kann, ich mußte es mir selbst zeigen. Aber es erquickt mich
nichts mehr. Cäsars Liebe war die schönste Zerstreuung meiner
unglücklichen Seelenstimmung. Ich sinke immer tiefer in Nacht
und Verzweiflung. Man erkennt mich nicht wieder. Oft bin ich so
von Wehmut aufgelöst, daß ich in die Kammer stürze, wo die Er-
innerungen meiner ersten Kindheit aufbewahrt liegen. Ich räumte
auf in der Verwirrung, um mich zu zerstreuen. Ein Stilett fiel mir
in die Hand. Wie mag das hierhergekommen sein?

Ich glaube, Cäsar müßte sich schämen, noch zu leben, wenn

er keine Auskunft geben kann. Seine Scherze verdecken nur ei-
ne Überzeugung, die vielleicht folgerichtig ist. Ich habe ihm ge-
schrieben, sie auch mir zu geben. In Heidelberg muß ihn mein
Brief treffen; er wird sich sogleich hinsetzen, um mir, ich hab’ ihm
die Hand aufs Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen, seine
ernsthafte Meinung über Religion und Christentum zu sagen. Ich
zittre, wenn seine Darstellung einläuft.

Das Stilett gehörte meinem Bruder, der in demselben Alter ge-

storben ist, in welchem ich mich jetzt befinde.

Cäsar sagte mir oft, als Kind hab’ er sich fortwährend damit ge-

ängstigt, daß er keines natürlichen Todes sterben würde. Die Ka-
tastrophe des jungen Sand hätte zu seiner Zeit alle jungen Köpfe
auf den Gedanken gebracht, daß sie ihnen auch einst abgeschla-
gen würden. Keiner, sagte er, glaubte so würdig zu sein wie Sand,
und keiner glaubte deshalb auch, auf einen milderen Tod rechnen
zu dürfen als Sand. Er gestand mir mit eisigem Grauen, daß er
oft stundenlang heimlich mit entblößtem Halse gesessen und sich

— 86 —

in die Illusion des Schafotts hineingedacht habe, daß ihm die Trä-
nen geflossen seien aus Verzweiflung, so sterben zu müssen. Es
war immer ein wehmütiges, liebes Lächeln, das bei solchen Ge-
ständnissen auf seinen Lippen lag. O Gott! ich vergess’ ihn nicht.
Für alles brauch’ ich ihn. Er soll mir zu allem Beweise geben!

Ich lese das Buch ›Rahel‹, aber nur in Bruchstücken. Viel davon

auf einmal verwirrt den Kopf; nicht deshalb, weil das Buch absolut
schwer wäre, sondern relativ schwer ist es in Beziehung auf Rahel,
die sich das Denken so schwer machte. Ich glaube, daß diese Frau
unter Denken verstanden hat, die Dinge immer von der verkehr-
ten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten gegen-
über dem gewöhnlichen Wege. Sie gräbt sich wie ein Maulwurf in
die Ideen ein und bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch
kleine aufgeworfene Hügel, die nichts sagen, nämlich nichts Posi-
tives, die nur Wahrzeichen sind, daß hier etwas war, was wie ein
Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist! Wie reich ist
diese Frau an Philosophie und objektiver Vergeßlichkeit! Man hat
so wenig in ihrem Buche, und doch glaubt man, wenn man es zu-
schlägt, alles zu haben. Darin seh’ ich recht, wie nur die Männer
imstande sind, zu produzieren, auch Gedanken.

Bettina! – Spielerei – alte Gedanken; nur klassische, neue For-

men. So sprechen, gehen, laufen, essen, trinken, schlafen, han-
deln – wie es einem gerad’ einfällt? Ich konnt’ es einmal; jetzt
nicht mehr. Bettina hatte so lange freien Willen, sich ein Gesetz zu
schaffen; und nun so alt und noch immer kein Gesetz! Ihr Buch
ist ungereimte Poesie. Ein freies Weib ist nur erträglich mit Spe-
kulation.

Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen getan.

Aber es ist immer nur Lea, die man erhält, niemals Rahel. Rahel
sitzt hinter den zweimal sieben Jahren und flicht ihren Freiern
Körbe. Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden
und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausge-
rissen aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterre-
gend, eine Frau die Gegenstände so dämonisch-linkisch anfassen
zu sehen. Will sie es nur anders machen als die andern? Oder wur-
de ihr diese Originalität angeboren? Sie gibt nirgends nach, sie ist

— 87 —

rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten der Wahr-
heit zu entdecken, und konnte nicht anders enden als entweder in
einem Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade verglei-
chen läßt, oder als Anhängerin des Pietismus. Man ist in keiner
Situation übertäubter als beim Untertauchen. Pietismus aber ist
die Fähigkeit, leben zu können, selbst wenn man Wasser im Ohre
hat.

Dieser ruhige, verständige Ton, in welchem ich mich oft tage-

lang erhalten kann, wird mir oft so unheimlich, daß ich vor mir
selbst erschrecke. Sollte es Menschen geben können, die wie Ver-
nünftige sprechen und doch wahnsinnig sind? Cäsar erzählte mir
einst eine Geschichte, die er wahrscheinlich wie vieles derglei-
chen nur seiner Einbildungskraft verdankt. Sie paßt auf meinen
Zustand. Kann ich sie noch?

Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auf-

fuhr und über das matte Flackern der Lampe erschrak, die er zu
löschen vergessen hatte. Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerich-
tetem Körper –

Wörtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in

meinen Papieren, vielleicht find’ ich die Geschichte, die er mir
einst, von seiner eigenen Hand geschrieben, schenkte.

Hier ist sie:
Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager

auffuhr. Noch flackerte die Lampe, welche er zu löschen verges-
sen hatte, und zog, wie sie größer oder schwächer wurde, wolkige
Kreise an den Wänden seines Zimmers. Eine Zeitlang saß er mit
halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies gespensti-
sche Spiel an den stummen Wänden. Er suchte nach einem Gegen-
stand für dies Bild: er mußte an die Welt denken, welche draußen
schlummerte, und dachte zuerst an Julien.

»Meine Julie!« sprach er still vor sich hin und erhob sich dann

etwas feierlich und mechanisch von seinem Bette. Er hörte die
Uhr picken, die auf dem Tische vor dem Spiegel stand. Er sahe
sich selbst im Spiegel mit bleichen, geisterhaften Zügen und mit
Augen, welche wie geschlossen schienen. Dann saß er auf dem
Sessel vorm Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet.

— 88 —

»Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang weg-

heben!« flüsterte er vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn
Julie wohnte im dritten Stock. Doch ging er.

Die Straßen waren still und öde. Man sieht auf ihnen niemand,

auch Alfreden nicht. Wo geht er nur? Aber es ist dunkel, der Mond
liegt hinter Wolken, man kann Alfred nicht sehen.

Alfred stand vor dem Hause Juliens, ja, er hätte schwören mö-

gen, daß er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stocke lag.

»Es ist nicht möglich«, flüsterten seine Gedanken; »sie wohnt

im dritten Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster
liegt, das Moos und Hauslauf anzusetzen pflegt. Die arme Julie!
Ich werde fleißiger sein, sie muß künftig im zweiten Stock woh-
nen!«

Jetzt war es Alfred, als drückte er an dem Fenster; aber es wi-

derstand. Es war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weißen Rou-
leau brach sich der Schall. Er mußte lächeln über seine lebhafte
Einbildungskraft.

»Wie!« dachte er, »wenn du ins Haus trittst, die zwei Stiegen

hinaufschleichst und an ihre Kammertür pochtest.«

Aber dann mußte er durch des Nachbars Haus, das ihm offen-

zustehen schien, mußte über den Garten- und Hofzaun klettern
und von dort einzudringen suchen.

Und das alles gelang vortrefflich. Er stand jetzt gleichsam hö-

her als Juliens Wohnung war, was er sich nicht erklären konnte.
Da blendete ihn ein Lichtstrahl; ein schnurrender Laut ließ sich
hören. Julie hatte das Rouleau aufgezogen, sie stand im Nacht-
häubchen und mit bloßen Schultern am Fenster, das sie öffnete.

Alfred war nun dicht vor ihr. »Was ist ihr nur?« dachte er; »sie

erschrickt, sie öffnet den Mund, als wollte sie um Hülfe rufen; was
zitterst du, mich zu erkennen, Julie?«

»Alfred!« schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag

unten mit zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Straße.
Alfred war ein Nachtwandler. Julie glaubte nichts gesehen zu ha-
ben, als Alfred tot war. Sie legte sich wieder in ihr weißes, wei-
ches Bett und träumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie alles. Sie
lebt noch, aber kümmerlich; die Tränen zehren sie auf.

— 89 —

Cäsar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief

desto ausführlicher sein. Einstweilen hab’ ich etwas Beruhigung
erhalten durch eine Maxime, die empfehlenswert ist. Das luf-
tige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf
gebracht. Nämlich, man nehme einen recht hohen Standpunkt,
einen kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen möch-
te. Man tue und lasse nichts, ohne sich im Zusammenhang der
Weltordnung zu fühlen. Ich denke, wo ich gehe und stehe, an
die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und ab-
strahiere von allem, was über diesem kleinen Erdball geschieht,
auf das Universum, das niemand leugnen kann. Und nicht bloß
im allgemeinen, sondern ganz im Detail, wie man ißt und schläft.
Bei jedem Spaziergange richt’ ich den Blick gen Himmel und for-
sche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die die
Nacht erst sichtbar macht. Ich fühle, wie die Erde unter meinen
Füßen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin, sonst
aber dem Allgemeinen angehöre. Wie vielen Stolz das gibt! Ich
habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen. Ihn kann nichts
erschüttern, denn er hört die Planeten rauschen und fühlt sich als
Glied einer großen Wesenkette. Oh, vielleicht ist noch Hülfe für
mich! Ich fange an, mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stim-
mung zu denken.

Jetzt weiß ich, wie in Indien die Bonzen ihre Büßungen mög-

lich machen. Die Abstraktion hebt ihren Stolz; aber sie würden
es nicht aushalten können, wenn nicht die Erde für sie gleich-
sam verschwände und sie nichts übrigbehielten als den gestirnten
Himmel und das Gefühl der großen Wesenkette. Ich müßte in die
Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur eines nicht verfolgte! Näm-
lich die Natur und das Grün. Das Siderische und Tellurische im
Menschen bekämpfen sich, und wer poetische Stimmungen hat,
wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, Gebirge und Ströme
wirken noch immer siderisch auf uns; denn sie sind das Rückgrat
und die großen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die
Kugel. Aber das Peinigende ist die stille Nachbarschaft der Blu-
me, die Bescheidenheit der Idylle, die kleine Existenz mit ihren
Kornährenkränzen und Abendglocken und alles, was so nahe zu

— 90 —

unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flüstern
zu hören glauben, diese große Tatsache, die entweder Täuschung
oder Wahrheit und in beiden Fällen unenthüllbar ist. Das Irdische
faßt uns wie im Strudel und reißt uns hinunter in den bodenlosen
Abgrund, von wo keine Wiederkunft.

Ich las nun alles, was ich schrieb, und zittre, daß ich kaum ge-

schrieben habe, was ich wollte. Eines ist auch ganz unmöglich, ge-
schrieben zu werden: die Verzweiflung und das Gräßliche. Näm-
lich jene grausamen, blutsaugenden Träume, die mich wachendes
Auges überfallen und mich hinausstoßen in eine hohnlachende,
von gräßlichen, unnennbaren Dingen drapierte Welt. Wie com-
binier’ ich! Was für Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre,
während mein Puls ganz richtig und medizinisch schlägt. Muß ich
sterben, was verbrach ich, daß mir Raben erscheinen müssen? Ich
sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fällt
von der Decke, wo eine Öffnung, hinunter in den Sarg, und den
nachstürzenden Kopf greift unser Arzt auf. Oben muß das Scha-
fott sein. Der Mann drückt das blutige Haupt stürmisch auf den
rauchenden Körper, paßt Fuge auf Fuge, Ader auf Ader und legt
einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischrän-
der beider Teile. Er dreht sich um, und Leben, galvanisches Leben
regt sich in dem Körper, und der Leichnam erhebt sich, ein blas-
ser, schöner Jüngling, und schleicht zur Pforte hinaus. Dort, dort
– eine grüne Flur – ein Mädchen, das Rosen bricht und im Schat-
ten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht
zu ihr heran, spricht nicht, sondern lächelt. Sie umarmt ihn, sie
scherzt, sie lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er
gehe zu Doris, er gehe zu Galathee, du Lieber! Und sie küßt sei-
nen blassen Mund. – »Oh«, röchelt er, »drücke nicht!« Doch sie
hört nicht, sie drückt, der Reifen springt – Herr Jesus, was geht
mit mir vor! –

Hier brach Wallys Tagebuch auf längre Zeit ab. Sie bekam in-

zwischen das ihr von Cäsar versprochene Glaubensbekenntnis. Es
war in das Tagebuch eingeheftet und lautete folgendermaßen.

— 91 —

GESTÄNDNISSE ÜBER RELIGION UND CHRISTENTUM

Ich will über den Glauben der Völker sprechen. Aus dem me-

lancholischen Schweigen des Heidelberger Schlosses hol’ ich mir
abendlich die Geheimnisse jener frommen Naturreligion, für die
ich glühe. Alles Historische aber, was ich zu fixieren habe, knüpf’
ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an, wo Luther auf
der Reise nach Worms sein Frühstück zu berichtigen vergessen
haben soll, ein Frühstück, das der Protestantismus dem Katholi-
zismus so teuer hat bezahlen müssen.

Religion ist Verzweiflung am Weltzweck. Wüßte die Mensch-

heit, wohin ihre Leiden und Freuden tendieren, wüßte sie ein
sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen, einen Erklärungsgrund für
dies wirre Durcheinander der Interessen, für die Tapezierung des
Firmaments, für die wechselnde Natur, für Frost, Hitze, Regen,
Hagel, Blitz und Donner, sie würde an keinen Gott glauben. In
progressiver Entwicklung folgt hieraus dreierlei: der natürliche
Ursprung der Religion, die Accomodation der göttlichen Begriffe
an den jedesmaligen Bildungsgrad und zuletzt die Unmöglichkeit
historischer Religionen bei steigender Aufklärung.

Dem Begriffe Offenbarung läßt sich vielleicht eine philosophi-

sche Unterlage geben, pantheistischer Art; aber im herkömmli-
chen theologischen Sinne ist die Offenbarung eine Verfälschung
der Natur und der Geschichte. Eine saubre Insinuation, sich Gott
als Priester zu denken, der im schwarzen Talare zu dem ersten
Menschenpaar hinzugetreten wäre und ihm Unterricht gegeben
hätte in glaublichen und unglaublichen Dingen! Sie machen aus
Gott einen Souverän, einen Patriarchen, einen Geistlichen. Sie las-
sen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen reden, zu Zeiten, wo
es an stilistischer Vollkommenheit noch überall fehlte. Niemand
war in diesen anthropomorphistischen Konsequenzen einer su-
pernaturellen Offenbarung kecker als die Apostel Jesu; denn: alle
Schrift von Gott eingegeben heißt: in der Lehre von der Inspirati-
on Gott zum Mitschuldigen aller der Solöcismen und inkorrekten
Konstruktionen machen, welche sich im griechischen Texte des
Neuen Testamentes finden. Gewisse Kapitel gibt es in den dogma-
tischen Systemen unsrer Theologen, die sich besser für Grimms

— 92 —

›Kindermärchen‹ oder ›Tausend und eine Nacht‹ schicken würden.
Dazu gehören die kriminalisch strafbaren Dogmen von der Offen-
barung und Inspiration.

Je naiver die Völker sind, desto sinnlicher und äußerlicher ihre

Begriffe vom Weltzwecke: je gebildeter jene, desto geheimnisrei-
cher diese. Die Verwechselung endlicher und unendlicher Ursa-
chen der Weltregierung lag nahe, und so kam es, daß das Altertum
so viel Historisches in Mystisches, Mystisches wieder in Himm-
lisches verwandelte. Der Naturmensch versteht die Welt nur so
weit, wie sein Auge reicht. Alles, was über den Sehkreis seiner
sinnlichen Vorstellungen hinausliegt, scheint ihm die erklärende
Veranlassung der Unerklärlichkeiten zu sein, die ihn in nächster
Nähe umgeben. Daher die zahllosen Details im Glauben der al-
ten Völker: daher die Übertreibungen der Phantasie, das Unge-
heure in Zahlen und Formbildungen. Die alten Religionen sind so
ausschweifend wie alles, was man, ich sage nicht, nicht kennt,
sondern wie alles, das man noch nicht gesehen hat. In diesen
Unförmlichkeiten Entstellungen alter Überlieferungen zu finden,
einfache, aber tiefsinnige Keime einer urweltlichen Offenbarung
oder auch nur eines heiligen, frommen und simpeln Zeitalters: das
heißt, von einer kindischen Ansicht, die wir schon erwähnten, nur
eine ernsthafte Anwendung machen.

Das klassische Altertum hatte den schönsten Ausdruck für das

religiöse Prinzip der alten Welt: Religion ist alles, was man entwe-
der selbst nicht ist oder nicht kennt. Die Griechen, mit ihren öst-
lichen Ahnen und deren architektonischen Vorstudien der vollen-
deten heidnischen Idee, die Griechen setzten die Religion in die
Kunst, sie setzten sie in das, was im Ungewissen immer das Ge-
wisse ist, in das Maß aller Dinge, in den Menschen. Man konnte
eine einseitige Idee nicht schöner ausdrücken und konnte doch zu
gleicher Zeit nicht tiefer sinken. Wenn die Menschheit nach dem
Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so war sie jetzt da wieder ange-
kommen, von wo sie ausging. Wir werden uns, solange die Erde
kreist, in Zirkeln bewegen. Hier war ein Zirkel, dessen Anfang sich
in sein Ende zurückbog.

— 93 —

Wäre das Heidentum ohne Kultus gewesen, warum hätte die

Menschheit nicht an ihm Genüge finden sollen? Aber die Prie-
ster der Religionen pflegen immer diejenigen zu sein, welche ihre
Religionen selbst untergraben. Könnten sich die Religionen von
Gebräuchen, Äußerlichkeiten, von der Zudringlichkeit ihrer beru-
fenen und verordneten Diener frei erhalten, so würden sie eine
längere Dauer in Anspruch nehmen dürfen. Das Heidentum war
Poesie und bildende Kunst, war Veredlung der Sinnlichkeit, war
Gestaltung der rohen Materie; Julian, der Apostat, fühlte es wohl,
daß die Götter Griechenlands einen Mann von Geschmack befrie-
digen konnten. Das Heidentum war tolerant. Es war die friedfer-
tigste Religion von der Welt, solange sie nicht nötig hatte, um
ihre Existenz zu kämpfen. Das Heidentum wurde blutig, verfol-
gungssüchtig, ich möchte sagen, christlich erst da, als ein sonder-
barer Aberglauben zur Aufwiegelung der Völker gepredigt wurde,
als sich gleißnerische Frömmler in die Gemächer der Fürstinnen
schlichen und eine Gottesherrschaft, eine Religion, die nicht Frie-
de, sondern das Schwert brachte, eine politische Revolution zu
verbreiten suchten. Der Ursprung dieses Ereignisses kam aber auf
folgendes zurück.

In Judäa, einem sehr barocken Lande, trat ein junger Mann

namens Jesus auf, der durch eine bedenkliche Verwirrung seiner
Ideen auf den Glauben kam, er sei schon seinen Vorfahren als
Befreier der Nation, der er angehörte, verkündigt worden. Jesus
war aus Nazareth gebürtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn ei-
nes braven Zimmermanns namens Joseph. Jesus beschäftigte sich
viel mit den Schriften der jüdischen Literatur, reiste, unterrichte-
te sich und strebte mit edler Selbstüberwindung nach einer stoi-
schen Sittenreinheit. Jesus fühlte, daß eine Mission an sein Herz
pochte. Es war ihm, als müßte er einen Auftrag erfüllen, über
den er zeit seines Lebens nicht im klaren war. Er adoptierte den
Glauben an einen verheißenen König, der seine eitle Nation zur
Herrscherin der Welt machen würde: er erschrak aber selbst vor
dieser übermütigen Verheißung, welche einer wahren Idee Gottes
gänzlich unwürdig war. Jesus wußte selbst da noch nicht, wohin-
aus, als er die ersten unbesonnenen Schritte getan, als er seinen

— 94 —

Freund Johannes auf Kundschaft und Prüfung der Menge voraus-
gesandt hatte; er wurde Rabbi, ein erlaubter Volkslehrer, er nahm
Schüler zu sich, er predigte Buße und gottseligen Wandel, predig-
te das reine, das Urjudentum des Moses, er nannte sich Messias
und stritt nirgends gegen die falsche Auslegung seiner Absicht,
nirgends gegen die Begriffe, welche man in Judäa mit dem Mes-
sias verband. Nicht einmal des römischen Joches erwähnte Jesus;
er scheint gefühlt zu haben, daß der Messias nur eine theologi-
sche Bedeutung haben könne, und richtete doch seine Invektiven
gegen die politische Verfassung in Jerusalem, gegen den hohen
Rat und gegen Priester, die er einer zu ihrem Frommen falschen
Auslegung der alten Bücher bezüchtigte. Inzwischen mehrte sich
die Unruhe, Jesus zog mit Tausenden durch das Land, hielt einen
gewaltsamen Einzug in Jerusalem, vergriff sich tätlich an dem
Tempel, dem Nationalheiligtume der Juden, und fiel als ein Opfer
seiner falschen Berechnung und innerlichen Unklarheit. Er hatte
dem trägen Volke Energie zugetraut: es verließ ihn wie Thomas
Müntzern, als er keine Wunder tun konnte, wie zahllose Revo-
lutionäre alter und neuer Zeit, da sie die Hülfe nicht brachten,
die sie versprachen. Jesus wurde gekreuzigt. »Mein Gott, warum
hast du mich verlassen?« rief er und starb. Jesus war nicht der
größte, aber der edelste Mensch, dessen Namen die Geschichte
aufbewahrt hat.

Dies ist der historische Kern eines Ereignisses, aus welchem

spätere Zeiten ein episches Gedicht machten mit Wundern und
einer ganz fabelhaften Göttermaschinerie. Eine kleine Anekdote
wurde welthistorisch. Die französische Revolution hinterließ eine
Menge von politischen Wahrheiten, welche im Ansehen geblieben
sind, selbst wenn jene weniger glücklich vonstatten gegangen wä-
re. So kam es auch, daß die verunglückte Revolution des Schwär-
mers Jesu etwas zurückließ, was zuletzt eine Religion wurde. Soll-
te hier zum ersten Male ein kleines, zufälliges Faktum den Anstoß
zu einer großen Bewegung gegeben haben? Nein, die Folgen je-
ner Historie mögen so umfassend gewesen sein, wie sie es waren,
so kann davon nichts auf die Naivetät der Historie selbst zurück-
fallen. Jesus war in Rücksicht auf den jüdischen Messiasglauben

— 95 —

nicht der rechte Messias, sondern ein falscher, so gut wie Theudas,
Judas Galiläus und Bar Kochba. In Rücksicht auf die Weltgeschich-
te war er desgleichen nicht mehr; nur daß seine Anhänger zufällig
von der Zeit, von dem unsinnigen Heidenritus, von der Sucht des
Geheimnisses profitierten. Das Ereignis, das allen den folgenden
Begebenheiten und Revolutionen zum Grunde lag, steht an und
für sich betrachtet auf keiner höhern Stufe als die Lebensumstän-
de des Pythagoras, Zoroaster oder Sokrates.

Jesus war Jude. Er dachte nicht daran, eine neue Religion zu

stiften. Es war bei ihm weder von einer Aufhebung noch von ei-
ner Erläuterung des Judentums die Rede. Er sagte selbst, daß er
nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen;
ein Ausdruck, der freilich im griechischen Texte mehr sagt als das
bloße: Befolgen, aber nicht über den Begriff eines vollkommnen,
in allen seinen Bezügen verstandenen Judentums hinausgeht. Da
war auch nicht eine einzige neue Lehre, welche Jesus brachte.
Enthüllte er tiefer die Geheimnisse Gottes? Nein, er kennt nur
jenen pädagogischen Gott des Judentums. Waren seine Andeu-
tungen über die Unsterblichkeit neu? Sie waren es, der dunkeln
und zweifelhaften Lehre des Alten Testaments gegenüber: aber
seit dreihundert Jahren glaubten die Juden an die Fortdauer nach
dem Tode aus eignem Antriebe: die Pharisäer hatten daraus das
Feldgeschrei ihrer Parteimeinung gemacht. Was blieb demnach
im Munde Jesu übrig? Eine Moral, welche allerdings veredelnde
Kraft hat, aber nie mehr gibt und geben will als das lautre Juden-
tum. Die Moral Jesu hält sich immer dicht bei den Gebräuchen des
Zeremonialgesetzes und ist nur darin charakteristisch, daß sie für
den äußern Ritus innerlich entsprechende Gesinnungen forder-
te. Jesus lehrte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! So lehrte
schon Moses; aber der Stifter einer neuen Religion mußte sagen:
Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst! Daraus schließt man,
daß Jesus eine Person war, die einzig und allein der Geschichte,
keineswegs aber der Religion oder Philosophie angehörte.

Törichter Glaube, das Neue Testament für die Grundlage ei-

ner Religion anzusehen, für ein Buch, das geschrieben worden
wäre, um symbolischen Wert zu haben! Der Kanon ist nichts als

— 96 —

die erste Erscheinung des Christentums. Das Christentum selbst
liegt darüber hinaus: das heißt, vage Begriffe über ein geschei-
tertes historisches Ereignis wurden von Männern herumgetragen,
die dabei beteiligt gewesen waren. Die Apostel hatten die Fähig-
keit nicht gehabt, eine Begebenheit zu verstehen, welche mit sich
selbst in Widersprüchen lag; sie konnten sich nur der Wirksam-
keit nicht entschlagen, welche eine so bedeutende Persönlichkeit
wie die ihres Lehrers auf sie ausübte: sie glaubten seinen dreisten
Behauptungen, daß er der Messias wäre, und fanden bei der Ver-
breitung dieser Ansicht darin eine Unterstützung, daß Jesus seine
baldige Wiederkunft versprochen hatte. So entspann sich ein ro-
mantisches Truggewebe von Wundern, subjektiven, die Jesus ver-
richtet habe, objektiven, die an ihm selbst geschehen wären. Die
Apostel übersahen, wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder, welche
eher auf einen Eskamoteur als auf einen Propheten schließen las-
sen (ich erinnere nur an die Fabel von dem Stater im Leibe eines
Fisches), das göttliche Gepräge ihrer Erzählungen verwischte. Ja,
sie wußten nicht einmal, wieviel sie moralisch wagten, alle ih-
re Behauptungen wechselseitig ohne Prüfung anzunehmen. Denn
das Altertum war überall auf das Außerordentliche hin gerich-
tet und konnte sich keine große Begebenheit ohne Abweichungen
von dem natürlichen Laufe der Dinge erklären. Auffallend bleibt
es indessen, daß die Apostel selbst im Neuen Testamente so wenig
scharf und präzis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten, daß erst
andere meist ein Amt übernahmen, was ihnen vor allen zukam.
Hätten sie wirklich den Leichnam Jesu gestohlen? Dann klänge
dies Stillschweigen fast wie böses Gewissen. Hierüber mag ich
nichts entscheiden: nur dies scheint fest, daß die Apostel Men-
schen von borniertem Verstande waren, daß sie überhaupt viel
Ähnlichkeit mit unsern Theologen hatten und daß es zuletzt nicht
ohne typische Vorbedeutung war, wenn neben der Krippe Jesu
gleich ein Ochs und ein Esel standen.

Diejenigen unter den Anhängern Jesu, welche, ich sage nicht,

logische Schlüsse machen, doch wenigstens begreifen konnten,
wie z. B. der von den Theologen gern zu einem tiefsinnigen Philo-
sophen gestempelte Paulus, befolgten in der Stiftung einer neuen

— 97 —

Sekte den dreisten Gang, daß sie in Jesu nur die Neuerung an-
erkannten. Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isoliertes vom
Gesetze los. Sie machten aus polizeilichen Differenzen ihres Leh-
rers mit der Synagoge absichtliche, dogmatische, religionsstiften-
de. Eine übermütige Exegese, welche die Stellen des Alten Te-
stamentes in einem sträflich verkehrten Sinne auf Jesus bezog,
mußte ihre Absichten unterstützen. Jesus wurde ein Wundertäter,
und er machte als solcher unter den Heiden ein Glück, das Apol-
lonius von Tyana auch gehabt hätte, wäre ihm der Jude Jesus
nicht in der Zeit zuvorgekommen. Die geringe Philosophie, die
hinzukam, alle diese Märchen zu erklären und in einen dogma-
tischen Zusammenhalt zu bringen, waren die Unterscheidungen
zwischen physischer und psychischer Natur, zwischen Fleisch und
Geist, zwischen dem Gesetz und der Freiheit. Wahrlich, eine Re-
ligion mußte diese Einfachheit haben, um so um sich zu greifen,
wie es das Christentum tat!

Das Christentum ist eine Religion der Persönlichkeit. Moses war

doch nur der Sendling Gottes, Muhamed Allahs Prophet, sie lie-
ßen sich keine göttliche Ehre erweisen! Sehet hier eine Religion,
deren unwillkürlicher Stifter von einigen verworrenen Köpfen mit
Gott selbst verwechselt wurde, eine Religion, die nichts für ihren
Gegenstand und alles für ihren ersten Priester tut! Jede allgemei-
ne, jede Weltreligion muß unabhängig von irgendeinem Namen
sein, und im Christentum ist man heute noch nicht einig, welche
Ehre Gott, welche Jesu gebührt. Welch ein Glaube! Wir sind nicht
ohne Poesie, wir schwärmen gern, weil wir in jedem Hauche der
Natur einen Kuß der Gottheit wähnen, und würden recht unglück-
lich sein, wenn wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein
ein Rosenblatt der Illusion legen dürften, ein Rosenblatt, das uns
in den Mund kömmt und zu trinken hindert und das wir doch
nicht missen möchten. Aber hier überschreitet eine Zumutung die
Linie des Erträglichen. Das Christentum wurzele nicht in Jesu Leh-
re, sondern in seinem Leben: nicht die Liebe sei es, sagen sie,
die er im Abendmahle eingesetzt habe, sondern sein Fleisch und
Blut, seine eigne Persönlichkeit, die nun immerdar solle geges-
sen und getrunken werden. Auf die individuellen Begegnisse eines

— 98 —

unglücklichen Menschen wird eine Religion gebaut, eine Dogma-
tik, die sich nicht um die Worte seines Mundes kümmert, sondern
seine Fußtapfen als Paragraphenzeichen nimmt, seine Nägelma-
le als Kapiteleinschnitte: kurz, das Christentum ist eine Religion,
die auf eines Menschen körperlichen Verrichtungen und Leiden
gegründet ist, eine Religion, die das objektive Evangelium eines
Menschen predigt. Armer Rabbi von Nazareth! Statt daß sie wei-
nen sollten über dein wehmütiges Schicksal, freuen sie sich deines
Todes und haben ihn lachendes Mutes im Munde! Die Kreuzigung
Jesu wird gar nicht mehr historisch nachempfunden; sondern da
alles in des unglücklichen Mannes Leben typisch und als Notwen-
digkeit gedeutet wird, so geht die Teilnahme und das Mitleiden
gleichgültig an dem Schmerze vorüber und sieht am Karfreitage
immer nur Ostern, bei einem Sterbenden eine grausame Hand,
die ihm das Kissen unterm Kopfe wegzieht, damit er schneller st-
erbe, damit er schneller auferstünde! Das Kruzifix ist eine Zierat
geworden, die man im Ohre hängen hat.

Die große, imponierende Gewalt des Christentums liegt in sei-

ner welthistorischen Ausdehnung. Nicht, daß ich dieser Lehre die
Umgestaltung Europas zuschriebe, nicht, daß ich so ungerecht ge-
gen Gott wäre und behauptete, er habe ohne die verworrenen
Ideen einiger palästinensischer Fischer und Teppichfabrikanten
die Welt nicht auf diesen Gipfel der Kultur bringen können: nein,
schon dadurch wird die christliche Idee geschwächt, daß sich die
germanischen Völker für sie interessierten und ihre eigne welthi-
storische Prädestination in jene Lehre legten und das Christuskind
als Christoffel durch das Weltmeer trugen. Das einzige, was mich
an das Christentum kettet, ist ein magischer, mit Blut beschriebe-
ner Kreis; jene schreckhaften Verfolgungen, denen der neue Glau-
be ausgesetzt war, jene Hekatomben, die das Christentum dem
Heidentum opfern mußte, die Männer, Weiber, Kinder, die zu Tau-
senden hingemordet wurden – ah, das preßt an die Kammern des
Gehirns: die Fibern des Nachdenkens ziehen sich zitternd in ihren
Versteck: das brennt und schmerzt, wenn man Sinn für Historie,
Sinn für die Leiden der Menschheit hat. Nur jener Blutströme we-
gen bin ich gewissermaßen Christ, weil meine Religion die des

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Schmerzes und mein Kultus der Mut ist. Ich würde nicht raten,
eher ein neues Bekenntnis abzulegen, ehe man nicht im Begrif-
fe und in der Lage ist, dafür dasselbe auszustehen, was das alte
Bekenntnis gekostet hat.

Bis hieher konnte noch von einem Christentum die Rede sein.

Als der Begriff Kirche erfunden war, als Konzilien und Würdenträ-
ger eingesetzt wurden, da hatte sich die Lehre Jesu in eine neue
Art von Heidentum verwandelt, in Mythologie auf der einen, Ari-
stotelismus auf der andern Seite. Zwischen beiden wucherte die
Mystik, keine ursprünglich christliche Pflanze, sondern arabisch-
jüdisch-kabbalistisches Gewächs, das in der Philosophie als Plato-
nismus wieder zum Vorschein kam. Das Christentum, insofern es
von Priestern und Mönchen repräsentiert wurde, war auch nicht
einmal eine Religion mehr, sondern nur noch Vorwand einer poli-
tischen Tendenz des Zeitalters. Die Hierarchie umgürtete sich mit
dem Schwerte und fluchte wie ein Landsknecht. Das Christentum
war nun doch ein Reich von dieser Welt geworden. Der tote Rabbi
Jesus drehte sich im Grab um: er hatte sich gerächt. Wann gab es
eine Religion, die in tausend Jahren mit so disparaten Anomali-
en sich äußern konnte? Der Islam ist zwölfhundert Jahre alt, und
noch weht die grünseidne Fahne des Propheten wie damals, als
er aus der Wüste zog. Man hatte Jesus zum Stifter einer Religion
machen wollen. Jesus hatte sich gerächt. Die falsche Auslegung
seiner Mission war gescheitert.

Luther versuchte noch einmal, das lecke Schiff einer imagi-

nären Möglichkeit zusammenzufügen. Ein Bergmannssohn aus
Thüringen stieg in das Bergwerk des Christentums hinab, durch-
hämmerte die oberen Flözschichten der Tradition und holte aus
den tieferen Erzgängen hervor, was er für reines, silbernes und
goldenes Christentum hielt. Es war eine kühne Neuerung, die sich
aus dem Wittenberger Flachlande, aus der Gegend von Kropp-
städt und Treuenbrietzen, die ganz so aussieht wie der gesunde
Menschenverstand, entwickelte. Tausende sagten sich von dem
römischen Heidentume los, das mit der Seelen Seligkeit einen Ak-
tienhandel durch ganz Europa etabliert hatte. Die Wittenberger
Reformation war ein großer Fortschritt der Menschheit, wenn es

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groß ist, wie Herr Tholuck getan haben soll, in Rom von den anti-
ken Götterstatuen zu sagen: Es sind schöne Götzen! Darum han-
delte es sich: die Menschheit von einem religiösen Mechanismus
zu befreien, zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die
Kunst, die Literatur, die Schönheit aller vergangenen Zeiten und
die Schönheit der Ewigkeit zu derogieren. Das ist kein Unglück,
wenn es von einem großen Glücke ersetzt worden wäre. Für das
Christentum geschah in der Reformation alles, für die Wahrheit
und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion aber
nichts.

An zwei Begriffen siechte gleich anfangs die Reformation: an

einem, den sie nicht abschaffte, an der Kirche; und an einem, den
sie neu erfand, am Evangelium.

Biblisches Christentum! Was heißt das? Ein Christentum erfin-

den, das sich gründete auf falscher Exegese, schlechten kritischen
Hülfsmitteln, auf Interpolationen und frommen Betrügereien, auf
einer ungestörten und sorglosen Verbindung des Alten und Neuen
Testamentes, endlich aber auf jener heillosen Verwechselung zwi-
schen dem Kanon als einer Richtschnur des Christentums, statt
daß der Kanon, wie wir zeigten, nur erste Erscheinung, die ganz
prekäre und subjektiv überall beanstandete Erscheinung des Chri-
stentums war. Der Protestantismus bekam seine symbolischen Bü-
cher, welche die Lehrer beschwören mußten, seine Katechismen,
den großen und den kleinen, nach welchen die Unmündigen an
einen Glauben geschmiedet wurden, dem sie schon als Säuglin-
ge durch die Taufe willenlos sich hingeben mußten. Was muß ich
glauben? Ich muß glauben, daß Gott die Welt erschaffen hat –
als wenn ein Gott, der sich in so endlichen Werken, wie die Er-
de ist, ausspricht, ein Gott, der zugibt, daß etwas außer ihm ist,
ohne er selbst zu sein, als wenn ein Gott, der Raum und Zeit er-
schaffen hat, um aus Laune irgendeinen kleinlichen Weltzweck
zu erfüllen, um durch die Dauer zu tun, was ihm ja im Nu gelin-
gen könnte, um unglückliche, von Zweifeln zerfleischte, halb tie-
rische, halb menschliche Menschen auf einem gewissen Erdballe,
in einem gewissen Deutschland, hier in dieser ganzen Misere her-
umkriechen zu lassen, als wenn ein solcher Gott jemals meinem

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philosophischen Bewußtsein entsprechen könnte! Aber was Phi-
losophie? Wir reden nicht von Philosophie: ich vergaß, daß wir
über einige Ammenmärchen und poetische Grillen sprechen. Ich
muß glauben, daß Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes, von
einer Jungfrau geboren, niedergefahren zur Hölle und wieder auf-
erstanden – Nein, auch dies ist nicht der Kern des Christentums.
Was soll ich glauben? Daß Christus ist unser Mittler, daß er im
Abendmahl persönlich assistiert als Fleisch und Blut im Brot und
Weine, daß er uns rechtfertigt durch die Gnade, daß die Erbsün-
de, an die ich als Psycholog und Menschenkenner faktisch glaube,
theologisch zu erklären sei, zum großen Teile aber eine Dogma-
tik, welche auf jedes einzelne Glied im Körper des Rabbi Jesus
gegründet ist. Der Katholizismus war sinnlicher Götzendienst mit
polytheistischer Färbung. Der Protestantismus wurde mystischer
Götzendienst mit einer Beschränkung auf einen Gott, der aber
drei Hypostasen hatte. Wittenberg und der Sand waren Schuld,
daß diese Lehre immer flacher, äußerlicher und zänkischer sich
ausbildete. Aus dem Evangelium, der Bibelmanie und den sym-
bolischen Büchern setzte sich zuletzt das knöcherne Skelett der
Orthodoxie zusammen, eine Gestalt, die statt des Herzens einen
ledernen Beutel, statt des Gehirns eine Anhäufung schwammarti-
ger Stoffe zu tragen hat.

Das zweite Unglück des Protestantismus war die Beibehaltung

des Begriffes der Kirche und die unterlassene Ausgleichung des-
selben mit dem Begriffe: Gemeine. Hier trat früh ein Schwanken
ein, das auf der einen Seite das Extrem der englischen Hochkirche
und auf der andern das quäkerische Extrem der allgemeinen Prie-
sterschaft erzeugte. Das Luthertum an und für sich selbst nahm
früh eine servile Richtung. Es stritt für das göttliche Recht der Für-
sten ebensosehr, wie es seine eignen Satzungen in ein legitimes,
unantastbares Gewand zu kleiden suchte. Thomas Müntzer schalt
mit Recht auf Luther, den Papst von Wittenberg. Das Territorialsy-
stem war die Folge der Schmeichelei. Die Kirche blieb etwas Gan-
zes, der Glaube wurde nicht an die stille Kammer des Herzens als
seinen Tempel verwiesen, sondern die Kirche repräsentierte wie

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ehemals. Die Geistlichen regieren untereinander. Sie scheinen ei-
ne Monarchie für sich zu bilden und ducken sich außerdem unter
der politischen Souveränität, so daß es noch heutiges Tages nicht
entschieden ist, wie weit sich die kirchliche Autorität als Landes-
hoheit erstreckt, wie weit man wagen darf, Agenden zu verfassen
und sie mit militärischer Gewalt, wie in den Schlesischen Drago-
naden geschehen ist, in Wirksamkeit zu setzen. Hier ist alles vag,
hoffärtig, augendienerisch, despotisch und erfüllt das Herz des
Biedermannes mit den schmerzlichsten Gefühlen.

Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konn-

te deshalb dem Christentum keinen merklichen Abbruch tun, weil
sie bald zu frivol, bald zu witzig war. Der unsittliche Reformator
macht nirgends Glück. Der Witz ist einer so großartigen Institu-
tion wie das Christentum gänzlich unangemessen. Die naive Ein-
fachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen pariert alle Na-
delstiche Voltaires, eines Mannes, den man für einen Schneider
halten möchte, so furchtsam und eitel war er. Das Christentum
fordert andere Waffen heraus, überhaupt keine Waffen, die nur
für den Krieg taugen, sondern solche, welche sich an einen Stiel
stecken lassen, positiv und schaffend werden und die Erde zur
neuen Saat auflockern. Das achtzehnte Jahrhundert, der mephi-
stophelische Geist der abstrakten Verneinung hauchte mit dem
ersten Seufzer aus, der auf der Revolutionsguillotine ausgestoßen
wurde. Die Negation der Revolution war schon eine schöpferi-
sche.

Die Flügel meiner Seele schlagen freudiger, weil ich die Mor-

genröte (ach! die blutige Morgenröte) der neuen Schöpfung sich
am Himmel malen sehe. Aber noch halte mich zurück, du stürmi-
scher Genius des Jahrhunderts; noch einmal wurde in Deutsch-
land der Versuch gemacht, zu einem trostreichen Resultate über
die wunderbaren Begebenheiten in Palästina zu gelangen. Die
Welt seufzt in ihrer Achse ob der stürmischen Bewegung. Wie
glücklich wären wir alle, wenn wir in den Träumen unsrer Ju-
gend uns ewig wiegen dürften und uns keine Unruhe der Seele
von den Spielen der Unschuld verscheuchte!

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Die Kantische Philosophie schien unsern Vätern nach langem

Schlafe ein wunderbares Erwachen. Noch nie ist eine Entdeckung
mit so reinem Enthusiasmus empfunden worden. Die Kantische
Philosophie war Kritizismus: sie war ohne Geheimnisse; aber sie
schien den Schlüssel der Geheimnisse zu besitzen. Früher wurde
sie auf die Offenbarung und das Christentum angewandt: aber
die Konsequenzen, welche sich hier durch sie ergaben, waren von
der entgegengesetztesten Art. Der Rationalismus hielt sich an die
Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erkennen; der Supernaturalis-
mus an die Vermutungen, welche hinter dem Dinge an sich liegen
konnten. Das Ding an sich war ebensosehr negativ wie mystisch
positiv: das weite Chaos der Zweifel lag in ihm ebensogut wie
das Chaos der Gefühle. Diese beiden Prinzipien über Christentum
machten fünfzehn Jahre in Deutschland die Tagesordnung aus.
Es war ein Streit um den Anfang eines Zirkels. Der Rationalis-
mus, der von Gott behauptete, daß man vieles von seinem Wesen
wisse, manches aber noch unerörtert zu lassen habe, begann mit
dem Bestimmten und hörte mit dem Unbestimmten auf. Der Su-
pernaturalismus, der aus seinen Ahnungen ein System, aus seinen
Ungewißheiten eine Dogmatik schuf, fing mit dem Unbestimmten
an und hörte mit dem Gegenteile auf. So war der Streit ohne des
Endes Möglichkeit. Niemand trat aus dem Zirkel heraus. Sie walz-
ten ihre Debatten herum und erschöpften sich in Konzessionen
praktischer und theoretischer Art. Mischgattungen drängten sich
zwischen die Extreme: Damenprediger, welche das Christentum
mit Gemälden verglichen, wo die Konturen dem Rationalismus,
die Farben dem Supernaturalismus angehören müßten: Professo-
ren der Theologie, die das Urchristentum wollten; Generalsuper-
intendenten, welche die Perfektibilität des Christentums lehrten.
Andre, wie Schleiermacher, adoptierten die Dogmatik, wenn ihre
Lehrsätze sich gemütlich als Seelenzustände betätigten. Mit ei-
nem Worte, sie mochten so freidenkerisch verfahren wie immer;
so riß doch niemand den Vorhang der Lüge weg. Auf der Kan-
zel gaben sie niemals jenen Glauben preis, den sie auf dem Ka-
theder anatomisch zergliederten. Überall trifft man auf Diakone
und Konsistorialräte dieser Art, welche sich wie jesuitische Aale

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theoretisch winden und hin- und hersträuben, praktisch aber sich
immer wieder in ihren homiletischen Schleim verstecken.

Schelling und Hegel, jener von katholischer, dieser von prote-

stantischer Seite, stellten den letzten Versuch an, die Philosophie
mit der Offenbarung in Einklang zu bringen. Schelling übertrug
allerhand Analogien des Naturprozesses auf die Geheimnislehren
des Christentums: er wußte Opfer, Menschwerdung usf. durch
witzige Bilder von seiten der Phantasie annehmlich zu machen.
Hegel stützte sich auf den Geschichtsprozeß, auf die innerlichen
Ruhemomente seiner metaphysischen Logik, deren ganzes Sche-
ma allein schon den Begriff der Trinität ausdrückte. Hegels Phi-
losophie scheint mir auch wahrlich die einzige, die imstande ist,
das Christentum zu beurteilen. Ihr Standpunkt ist der historische.
Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten, welcher den
innern und äußern Sinnen wohltut. Wodurch ist auch das Chri-
stentum eine so imposante Erscheinung? Durch seine historische
Stellung. Hegel hat die Verschiedenheit der Zeiten immer vortreff-
lich charakterisiert und das Eigentümliche des Christentums darin
gefunden, daß sich logische und historische Begriffe daran ak-
kommodieren lassen. Aber mehr gelang ihm nicht. Seine Philoso-
phie des Christentums konnte nur da erst anfangen, als die Ent-
wicklung der christlichen Lehre zu Ende war. Hegels Maßstab ist
überall die Vergangenheit. Seine Erklärungen sind typischer Art,
seine Philosophie ist eine Auslegung. Schelling und Hegel stehen
an der Spitze jenes christlichen Dilettantismus, der aus künstleri-
schen Interessen sich mit verstopftem Ohre in eine grundlose Flut
versenkt. Das Christentum selbst muß dabei seinen Kredit verlie-
ren, wenn nur noch Dichter, Grübler, Künstler, verzweifelte und
polizeilich beaufsichtigte Menschen sich für die Erklärung seiner
Satzungen interessieren. Der gesunde Teil der Menschheit wird in
eine andere Strömung des stürmenden Weltgeistes gerissen wer-
den.

Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht gottlos. Wie gern ver-

bände es die Freiheit der Völker mit dem Glauben an die Ewigkeit!
Aber unchristlich ist unser Zeitalter, denn das Christentum scheint
sich überall der politischen Emanzipation in den Weg zu stellen.

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Daher jene merkwürdigen Erscheinungen, welche die neuere Zeit
auf dem Gebiete, man weiß nicht, soll man sagen, der Politik oder
der Religion hervorgebracht hat. Überall Sektengeist, Religions-
stifter, Religionen auf Aktien, Religionen auf Subskription, jede
Religion, nur kein Christentum. Man spricht von Priestern, von
einer Theokratie, von Gottesdienst, nur nichts Christliches. Es ist
erstaunenswert, daß diese Dinge in Frankreich auftauchen, in ei-
nem Lande, das für Europa die Mission der Freiheit hat, in einem
Lande, das in der neuern Geschichte für alle Fragen der Kultur die
Initiative übernommen zu haben scheint. Wir reden hier vom St.
Simonismus und den ›Worten eines Gläubigen‹.

In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der

politischen Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt. Man hat hier
die Unverschämtheit vermieden, welche die hungernden Arbei-
ter auf das himmlische Brot des ewigen Lebens anweist. Die Re-
ligion der Entsagung mag für Jahre passen, wo die Ernte nicht
geraten ist; aber wo Fülle und Verschwendung rings ihre Feste
feiern, da murrt die Menschheit über eine Religion, welche im-
merfort an das Sichschicken, an die Demut, an den Ratschluß
Gottes appelliert. Von dieser Seite des Christentums überhaupt,
die sich dem Zeitgeiste entgegenstellt, kann nicht mehr die Rede
sein. Der Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen ist der,
daß der St. Simonismus das Christentum antiquiert und durch ei-
nige materielle Philosopheme nebst kirchlichen, freilich dem alten
Glauben entnommenen Institutionen zu ersetzen sucht, die ›Wor-
te eines Gläubigen‹ dagegen auf den demokratischen Ursprung
des Christentums zurückgehen und unverhohlen eine republika-
nische Tendenz desselben aussprechen. Der St. Simonismus will
den Staat von der Kirche, die ›Worte eines Gläubigen‹ wollen die
Kirche vom Staate befreien. Jener weist auf die Zukunft, diese
auf die Vergangenheit. Beide aber kränkeln an ähnlichen Gebre-
chen: der St. Simonismus an der Philosophasterei: La Mennais am
Katholizismus. Wie soll man in der Kürze über beide Tendenzen
urteilen? Beide sind keine Revolutionen, aber sie sind Sympto-
me. Der St. Simonismus verrät ein Bedürfnis der Menschheit: die

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›Worte eines Gläubigen‹ suchen es zu befriedigen, aber sie befrie-
digen es nur zur Hälfte.

Ich habe die Tatsachen der Vergangenheit verfolgt und breche

da ab, wo alles, was nun kommen muß, nicht so von mir vor-
gezeichnet werden kann, sondern in die Hand der Zeitgenossen
gegeben ist. Lasset mich an einem Orte innehalten, den wir selber
auszufüllen haben, bei jenen weißen Blättern der Geschichte, die
hinfort von uns beschrieben werden sollen!

Ich höre draußen ein simultanes Glockengeläut: katholische

und protestantische Töne. Es ist Pfingsten, ein Fest, wo man zwar
nicht mehr plötzlich wie einst in Jerusalem gut Englisch, Spanisch
und Sanskrit lernt, was mir sehr lieb wäre: wo aber der Heilige
Geist auf alle Welt ausgegossen wurde. Wir leben in der Zeit des
Heiligen Geistes, von dem Christus selber sagt, daß er uns in alle
Wahrheit führen und freimachen würde. So scheint es sogar jener
Mann gewußt zu haben, daß die Geschichte immerdar ihre eigne
Autorität bleibt, daß der Weltgeist rastlos wirkt und in uns schafft
und die Wahrheit zuletzt nur der Gottesdienst im Tempel der Frei-
heit ist. Wir werden keinen neuen Himmel und keine neue Erde
haben; aber die Brücke zwischen beiden, scheint es, muß von neu-
em gebaut werden.

Es schlug Mitternacht, als Wally das saubergeschriebene Heft

durchlesen hatte. Die Wachskerze war tief heruntergebrannt, ih-
re Augen glühten, sie hatte Tränen nötig, um den heißen Brand
zu löschen. Aber die Tränen kamen nicht. Sie saß da, versteinert
wie Niobe, der man das Liebste und Teuerste wegschießt. Rings
war alles grauenhaft still, nur der Uhrpendel schwang sich unterm
Glase hin und her und zählte die Minuten, die den Geistern auf
Erden zu wandeln vergönnt waren. Wally lebte nur in den Wor-
ten, die sie gelesen hatte, und flüsterte sich zu: »Ich sterb’ auch
mit ihnen.« Dann ergriff sie mechanisch den kleinen Kerzenrest,
der noch brannte, und schritt in ihr Schlafgemach, einen finstern,
dämonischen Schatten werfend.

Noch sechs Monate hielt Wally ein Leben aus, dessen Stütze

weggenommen war. Sie, die Zweiflerin, die Ungewisse, die Fein-
din Gottes, war sie nicht frömmer als die, welche sich mit einem

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nicht verstandenen Glauben beruhigen? Sie hatte die tiefe Über-
zeugung in sich, daß ohne Religion das Leben des Menschen elend
ist. Sie ging nun damit um, dem ihrigen ein Ende zu machen.

Je unerschütterlicher sich dieser Gedanke bei ihr festgesetzt

hatte, desto mehr suchte sie ihn äußerlich zu verbergen. Sie zeig-
te sogar, je gewisser sie mit sich selbst wurde, eine heitre Unbe-
fangenheit, die die Rückkehr ihrer frühern Laune hoffen ließ.

Sie war viel auf ihrem Zimmer allein, weinte und rang; aber

beten konnte sie nicht. Sie warf sich wohl oft verzweifelnd auf
die Knie, aber wie eine eherne Mauer stand es vor ihr, wenn sie
flehend die Hand ausstreckte. Sie schrieb noch einzelne ihren See-
lenzustand verratende Aphorismen in ihr Tagebuch; die meisten
bewegten sich um den Gedanken des Todes. An der Ursache des-
selben hatte sie nichts mehr, was sie in sich ändern konnte. Eine
Stelle, welche man später im Buche fand, war ganz mit Tränen
durchnäßt. Man konnte das an der geronnenen Dinte und dem
zerknitterten Papiere sehen. Sie hieß:

O Jesus! Nie warst du mir teurer als tränenvergießend im Gar-

ten von Gethsemane! Jesus! Du batest Gott, daß er den Kelch die-
ses herben Todes möchte an dir vorübergehen lassen, du, du, der
die Welt verändert hat! Und die Jünger schliefen. Sie achteten dei-
ner flehenden Stimme nicht, daß sie mit dir wachten, daß sie mit
dir weinten auf dem Ölberge. Ach, um mich schlafen sie alle, und
niemand kennt den Schmerz, der mich verzehrt, niemand wacht
mit mir, niemand betet für mich!

Es war an einem trüben und regnerischen Herbsttage. Die Ka-

stanien prasselten von den Bäumen. Der Wind schlug die Regen-
schauer an die nassen Fenster. Alles in der Natur schien zu Grabe
zu gehen. Wally saß einsam in ihrem Zimmer. Eine Uhr lag neben
ihr. Neben der Uhr ein rotes Tuch, das einen unsichtbaren Gegen-
stand bedeckte.

Eine Stunde verrann nach der andern. Um die sechste dunkelte

es. Man brachte ihr Licht. Sie winkte stumm mit der Hand, als
man nach ihren Befehlen fragte.

Sie trat ans Klavier und schlug einige Akkorde an. Es schlug

sieben Uhr.

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Dann setzte sie sich und schrieb einige Zeilen:
Ich muß sterben, denn hassenswert schien’ ich mir, wenn ich

mich durch die Welt schliche und mir selbst verbergen wollte, was
ich leide. Wir erkennen Gott nicht. Nun und nimmer mehr. Das
tragische und der Menschheit würdige Schicksal unsers Planeten
wäre, daß er sich selbst anzündete und alle, die Leben atmen, sich
auf den Scheiterhaufen der brennenden Erde würfen. Alle müß-
ten sie sich opfern – aus Haß gegen den Himmel; opfern, wie man
Rechnungen verdirbt, die ohne den Wirt gemacht werden. Alle!
Alle! Dann wäre das Problem gelöst, und Gott müßte eilen, sich
neue Menschen, neue Sklaven zu schaffen. Barbarischer Mord der
Völker untereinander, glaubt ihr, werde das Ende der Dinge sein?
Die wiedererwachende Roheit der Natur? Hyänen, die sich un-
tereinander zerfleischen, sind euch der Zweck der Geschichte?
Gräßlicher Gedanke! Prophezeihung, würdig eines Henkers! Sie
werden sterben, aber sie werden alle den Dolch in ihre eigene
Brust senken und eine große Kette der Freundschaft schließen,
die Menschen! Sie werden sich fassen alle an ihrer Hand und mit
der Rechten den Stoß vollbringen und noch im Tode sich mit ihren
Küssen bedecken. Sie werden sterben, weil sie reif sind, weil sie
das Höchste erreichten in Wissenschaft und Kunst, weil sie alle in-
einandergerechnet der Gottheit gleichkommen. Aber die Gottheit
sitzt hinter einem Vorhange und verbirgt nach wie vor ihr sprödes
Antlitz und zögert, zu kommen und sich zu enthüllen. Was haben
wir ihr getan?

Es schlug acht Uhr. Sie war in eine Aufregung gekommen, wel-

che für ihren Entschluß nicht paßte. Was ist Sturm, Ungewitter,
Herbst, was selbst der Schmerz der Seele und des Herzens, wenn
der Geist seine Gedanken aufrüttelt und die Denkkraft ihre Fühl-
fäden ausschießt? Das Denken erhält den Mut, den man am Wis-
sen verliert. Wally war so nahe daran, ihre Verirrung zu fühlen.
Aber sie war ein weibliches Herz, das nicht so leicht vergißt, was
es einmal wollte, und in sich selbst kein großes Register von Ent-
schließungen hat, wo sie wählen könnte. Sie fiel in den alten
Schmerz zurück.

Um neun Uhr griff sie noch einmal nach der Feder und schrieb:

— 109 —

Lebet wohl! Alle! Alle! Armselig war mein Leben; wie klein, wie

nichtig alle die Beziehungen meiner Jugend! Und das war wohl
des Todes wert; denn ich bin nichts, nur Staub, nur Vernichtung.
Mein Leben ist unnütz. Grüßet sie alle, grüßet den Frühling des
kommenden Jahres, wo ich tot sein werde und keines Vogels Ruf
mich wieder wecken wird. Ich danke euch allen, die mich liebten,
und Dir, Dir, Cäsar; allen! Allen!

Sie mußte noch viel geweint haben. Auch diese Zeilen waren

verronnen in nasse Punkte. Sie mußte dann den Stoß vollbracht
haben mit jenem Dolche, der ihrem toten Bruder gehörte.

Man fand sie auf dem Bette ausgestreckt. Das Licht stand zu

ihren Häupten. Sie hatte mit beiden Händen den in das rote Tuch
gewickelten und darin auch von ihr während des Stoßes gelasse-
nen Dolch in ihr Herz gedrückt und lag da, nicht lächelnd und
ruhig, wie wohl in andern Fällen hier getroffen ist, sondern mit
krampfhafter Verzerrung ihres schönen Antlitzes und einem Aus-
drucke der Verzweiflung in den starren Augen, der erschrecken
machte.

Sie wurde mit Gepränge bestattet. Die, welche am Grabe stan-

den, beweinten nicht sie selbst, sondern nur ihre Jugend.

WAHRHEIT UND WIRKLICHKEIT

Man kann den Zufall verdammen, man kann selbst überzeugt

sein, daß in allem, was geschieht, eine konsequente Offenbarung
der Gottesidee liegt; und doch würde niemand zu behaupten wa-
gen, daß alles, was geschieht, alles, was wir als geschehen be-
obachten können, etwas andres sei als die zufälligen Äußerlich-
keiten jener offenbarten Gottesidee. Ich glaube, daß alles gut ist,
was geschieht; glaube aber nicht, daß eben nur das geschehen
kann, was geschieht. Unendlich ist das Reich der Möglichkeit, je-
nes Schattenreich, das hinter den am Lichte der Begebenheiten
sichtbaren Erscheinungen liegt. Es gibt eine Welt, die, wenn sie
auch nur in unsern Träumen lebte, sich ebenso zusammensetzen
könnte zur Wirklichkeit wie die Wirklichkeit selbst, eine Welt, die
wir durch Phantasie und Vertrauen zu combinieren vermögen.

— 110 —

Schale Gemüter wissen nur das, was geschieht; Begabte ahnen,
was sein könnte; Freie bauen sich ihre eigne Welt.

Zwei Garantien der unsichtbaren Welt sind die Religion und

die Poesie. Jene schließt das Reich der Möglichkeit auf, um zu
trösten; diese, weil sie die Wirklichkeit erklären will. Beide beru-
hen auf Täuschungen, nur ist die Poesie glücklicher, weil sie die
Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es ist leichter, an ein Gedicht als
an den Himmel glauben. Die Ereignisse des Gedichtes sind oft die
heimlichen Erklärungsmotive der Wirklichkeit, die Schöpfungen
des Autors haben die Analogie für sich und die Erde; aber der
Himmel schwebt in der Luft und ist trotz aller Philosophie ohne
Maßstab, wie Gott selbst.

Die Geschichte der Poesie zeigt, wie sich in ihr von jeher Wahr-

heit und Wirklichkeit gestritten haben. Jene Gemüter, welche wir
die schalen nannten, entschieden sich für die Wirklichkeit, die
freien für die unsichtbare Wahrheit, die begabten, die empfäng-
lichen, die sogenannten Leute von Geschmack, Bildung und Er-
ziehung für das Mittlere zwischen beiden, für die Wahrschein-
lichkeit. Und so ist es noch. Bei jeder neuen Dichtung fragen die
einen: »Wo geschah dies?«, die andern: »Sollte dies geschehen
können?« Nur die freien Gemüter entscheiden, ohne zu fragen,
weil sie es fühlen, daß das, was nicht geschieht, immer noch wahr
ist, selbst wenn es nicht geschehen kann.

Alles, was die Wirklichkeit kopiert, ist für die Masse. Diese Gat-

tung der Poesie erhebt sich von der untersten Stufe der Genrema-
lerei bis zu den Romanen von Walter Scott und Bulwer, bis zu
den Dramen Ifflands und Kotzebues. Nur hell, blank und geschlif-
fen muß diese Literatur sein, weil sie der Wirklichkeit gegenüber
ein Spiegel ist, der sie treu auffaßt und wiedergibt. Für die scha-
len Gemüter ist nichts genialer, als sie selbst zu zeichnen, wie sie
sind: ihre Tante, ihre Katze, ihren Schal, ihre kleinen Sympathien,
ihre Schwachheiten. Was haben wir von euern Grillen, von eu-
ern Erfindungen, die in der Luft schweben? Gebt uns uns selbst,
dem Egoismus den Egoismus! Es gibt Kritiker und Literatoren, die
sich nur für das Kopieren der Wirklichkeit enthusiasmieren kön-
nen. Das Wahrscheinliche ist bei ihnen schon eine Konzession.

— 111 —

England hat von jeher diese Art der poetischen Darstellung be-
vorzugt, Deutschland ist systematisch genug bearbeitet worden,
hierin nachfolgen zu müssen. Die alte Literatur steht bei uns ver-
steinert da in Tempeln und in Walhallen, die mittlere war keines
Schusses Pulver wert, die neue hat nur noch ein schwankendes
und kaltes, von Politik und spekulativer Trägheit ganz darnieder-
gehaltenes Publikum. Darauf kömmt alles zurück: Man will von
der Literatur keine Anstrengung haben; die Literatur soll nieman-
den mehr eine unruhige Nacht machen, sie schildert, sie porträ-
tiert, sie stillt die Leselust mit Historie und Bulwer. Die Poesie
ist jetzt Selbstbefruchtung. Die Wirklichkeit nährt sich von ihrem
eignen bürgerlichen, überquellenden Fette.

Menschen, die schon eine Stufe höher stehen, sind mit der

Wahrscheinlichkeit zufrieden. Sie wollen nur einige Voraussetzun-
gen, die den Boden der Wirklichkeit berühren; das übrige über-
lassen sie der Combination und Phantasie. Dies sind die gemütli-
chen Leser, die sich durch poetische Schöpfungen in einen sanften
Halbschlummer wiegen lassen, die die Bücher nach der Elle kon-
sumieren. Es muß ihnen nichts zu nahe und nichts zu ferne liegen.
Schwebend zwischen Himmel und Erde, ganz willenlos hingege-
ben den Capricen des Dichters, freuen sie sich zuletzt, daß nun
alles, was sie gelesen haben, doch entweder nicht wahr ist oder
im entgegengesetzten Falle immer sehr wahrscheinlich bleibe.

Die Wahrheit selbst ist unsichtbar und liegt niemals in dem,

was wirklich ist. Die poetische Wahrheit ist schöpferisch. Sie baut
mit den geheimsten Fäden der menschlichen Seele, sie combi-
niert nicht, wie der Staat, die Familie, die Religion, die Sitten
und das Herkommen combinieren, sondern revolutionär. Die poe-
tische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius. Dieser lauscht nie-
dergestreckt auf den Boden der Wirklichkeit und hört, wie in den
innersten Getrieben der Gemüter eine embryonische Welt mit kei-
mendem Bewußtsein wächst. Wer auf seine Entwickelung lauscht,
muß sich oft gestehen, daß ganze Gedichte in ihm sich zusam-
menreimen aus Motiven, welche die Außenwelt niemals anerken-
nen würde. Dies sollte nicht auch Wahrheit sein? Dies sollte den
Dichter nicht entzücken? Die Alten und die Mittleren schufen in

— 112 —

dieser Weise nicht: aber die Modernen werden es. Ihre Histori-
en sind nicht die Sage oder Geschichte, sondern die Ideen, die
im Schoße der still wirkenden und schaffenden Gottheit schlum-
mern. Die Welt, wie sie ist, wird ihren Gebilden nicht entsprechen;
diese werden dem nüchternen Vorwurfe der Unwahrheit und Un-
wahrscheinlichkeit ausgesetzt sein. Aber noch immer ging das Ge-
nie seinem Jahrhunderte voraus.

Zwei Tatsachen möcht’ ich aus obigem folgern: die beide weni-

ger literarisch als historisch sind.

Wenn man in Anschlag bringt, daß entschieden schon in der

französischen Literatur, ohne alle Widerrede auch bei uns allmäh-
lich eine Poesie der ideellen Wahrheit und reellen Unwirklichkeit
sich zu entfalten beginnt, wenn man diese Frauengebilde betrach-
tet, welche die Phantasie der jetzigen begabteren Dichter erfin-
det, diese originellen Situationen und allem Herkommen wider-
sprechenden Sitten; sollte man diese Erscheinung nicht für bezie-
hungsreich halten für unser zukünftiges Leben, für die Existenz
in der Wirklichkeit, für die weite Unterlage der Masse und des
allgemeinen Glaubens? Es ist wahr, die Dichter fangen an, auf im-
mer luftigeren Bahnen zu wandeln: sie schaffen sich ihre eignen
Welten mit Thronen, die ihre Phantasie erbaute, mit Richterstüh-
len, die ihre eigne Gesetzgebung haben, mit einem Gottesdienst,
dessen Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist. Es baut
sich eine Wahrheit der Dichtung auf, der in den uns umgebenden
Institutionen nichts entspricht, eine ideelle Opposition, ein dich-
terisches Gegenteil unsrer Zeit, das einen zweifachen Kampf wird
zu bestehen haben, einmal einen gegen die Wirklichkeit selbst als
konstituierte Macht mit physischer Autorität, sodann einen gegen
die Poesie der Wirklichkeit, welche so viel Dichter und so viel Kri-
tiker für sich hat.

Dies ist ein Symptom unsrer Zeit, aus dem wir bis jetzt noch

keinen weitern Schluß ziehen wollen als einen, der vielleicht au-
ßerhalb der Literatur liegt, den ich aber nicht verschweigen will,
weil jedes, was die Menschheit ehrt, auf den Lippen des Enthu-
siasten brennt. Man verwirft mit Recht das Experimentieren mit
der Menschheit, aber man geht darin weiter, als man darf, ohne

— 113 —

die Menschheit zu beleidigen. Wir fürchten uns, den Zeitgenossen
etwas zu entziehen, wovon wir uns einbilden, daß es zu ihrem Le-
ben nötig ist. Wir glauben an die Institutionen in Sitte, Meinung
und politischer Einrichtung wie an die unerläßlichen Lebensbe-
dingungen der Jahrhunderte. Als wenn die Menschheit keine in-
nern Quellen hätte! Als wenn sie unterginge, wenn ihr sie aus
dieser ganzen Sündflut ihrer Existenz plötzlich nackt und noch
triefend auf den Ararat versetztet! Als wenn die Menschheit nicht
immer die erste sein wird, die sich hilft, und diejenige, welche für
sich den besten Rat weiß! Sie zucken die Achseln wie unvorsich-
tige Ärzte, sie fürchten für das Leben des Patienten und quacksal-
bern an den alten Schäden herum; aber nehmt der Menschheit ein
Bein ab: sie wird sich ein neues machen; nehmt ihr, um nur eines,
was unmöglich scheint, zu nennen, z. B. das Christentum: glaubt
ihr, daß sie untergehen wird? Nehmt ihr eure Gesetzbücher, eu-
re Verfassungen – nehmt ihr zuletzt das, worauf gleichsam alles
ankommen soll, nehmt ihr euch selbst! – und die Menschheit wird
fortbestehen. Sie wird alles ertragen und durch Felsen vom stärk-
sten Granit noch immer einen Weg finden, der sie zu ihrem Ziele
führt.

— 114 —

KRITIK VON WOLFGANG MENZEL

Wenn Herr Gutzkow nicht Talent besäße, würde ich mich sei-

ner nicht angenommen haben. Ich war es, den dieses junge Ta-
lent sich zum ersten Führer wählte. Ich glaubte, es pflegen, es
vor Verirrungen hüten, ihm eine freie Bahn öffnen zu müssen. Ich
habe Herrn Gutzkow jede Unterstützung und Empfehlung ange-
deihen lassen und wie ein Vater an ihm gehandelt. Er wird mir
das Zeugniß geben, daß ich nie darauf ausging, sein Talent für
mich ausbeuten zu wollen. Obgleich er sich mir vielfach anbot,
habe ich ihm immer gesagt, er müsse selbstständig werden, nicht
für mich, als literarischer Schildträger, sondern frei auftreten und
die eigene Bahn gehen. Ich eröffnete ihm in der Nähe und Ferne
Verbindungen. Ich rieth ihm, seines linkischen Benehmens wegen,
zu reisen, neben den Büchern auch Menschen kennen zu lernen,
und verschaffte ihm die Mittel dazu.

Ich machte dabei so wenig auf seine Dankbarkeit Anspruch,

daß ich die Verbindung, in die er mich mit einigen jungen Li-
teratoren bringen wollte, die bereits eine Lobassekuranz etablirt
hatten, verschmähte. Wenn ich die erbärmliche Rolle unserer älte-
ren literarischen Egoisten hätte spielen wollen, so würden mir die
getreuen Schildknappen und Lobbläser nicht gefehlt haben. Aber
dergleichen habe ich immer verachtet, verachte ich und werde ich
immer verachten. Ich strebe, die dauernde Achtung der Nation zu
verdienen, nicht vergängliches Lob in Tagesblättern zu erkaufen.

Daß ich es nicht vermocht habe, Herrn Gutzkow auf der Bahn

der Tugend und Ehre, auf der er mir einst nachkam, festzuhalten,
thut mir leid, denn es geht mit ihm ein schönes Talent verloren.
Ich habe jedoch keine Schuld daran. Von mir hat er keine Leh-
ren erhalten, als die eines Mannes von Ehre würdig sind. In dem
ersten Augenblick, da der unsaubere Geist in ihm deutlich aus
seiner Maske hervorsah, habe ich ihm die Thür gewiesen und den
Schmutz seiner Nähe von der reinlichen Schwelle meines Hauses
hinweggefegt. Ich habe keinen Theil an dem Geiste, der seitdem
in ihm getobt und das Papier um ihn her besudelt hat, es müßte
denn seyn, daß meine Verachtung den bösen Trotz in ihm noch
mehr geweckt hätte.

— 115 —

Er hat nun seit ungefähr einem Jahr unausgesezt versucht, sich

an mir zu reiben, und zwar auf eine kleinliche und hämische Art.
Sollte er sich plötzlich bekehrt und meinen Einfluß auf die Lite-
ratur, der ihm einst so wohlthätig schien, für verderblich erkannt
haben, so hätte er auch kräftig und mit Gründen gegen meine
Tendenz auftreten müssen. Aber er machte nur immer boshaf-
te kleine Anmerkungen zu einzelnen Aeußerungen von mir und
gab der Lesewelt Notizen über meine Person und Familie Preis.
In einen Principienstreit ließ er sich niemals ein. Sehr natürlich,
denn er hatte gar kein Princip. Seitdem er aufgehört, mein Prin-
cip zu heucheln, blieb ihm nichts übrig als ein System kleinlicher
Mocquereien, und nun flogen die Wespen bei ihm ein und aus.
Seine Kritik suchte sich nicht durch eine edle Tendenz, nicht durch
eine geschichtliche Uebersicht, überhaupt durch nichts Ernstes,
Würdiges und Wissenschaftliches, sondern lediglich durch klei-
ne Witzeleien über Persönlichkeiten geltend zu machen. Anstatt
von Schleiermachers Hauptwerken zu schreiben, schrieb er von
einer zufälligen Jugendsünde desselben. Anstatt an Schleierma-
chers Tendenz Anstoß zu nehmen, nahm er an Schleiermachers
Höcker Anstoß. Statt von Spindlers Romanen zu reden, spottete
er über Spindlers kleine runde Frau. Von dieser Art waren seine
edeln Kritiken. Er rechnete dabei auf die Diskretion der Vernünfti-
gen. Wie die kleinen Berliner Mitbürger, die aus der Schule kom-
men, oder in gar keine Schule gehen, den Vorübergehenden mit
grinsendem Gesicht aushöhnen, aber von allen honetten Leuten
ignorirt werden; wie man kleine Mitgeschöpfe, die uns nachkläf-
fen, bellen läßt und weiter geht, so ließ sich auch kein vernünf-
tiger Mann in eine Diskussion mit Herrn Gutzkow ein, wenn er
seinem edeln kritischen Triebe den Lauf ließ und nie über Sachen
urtheilte, sondern immer nur über Personen spöttelte.

Diesem Umstand hat er die Großmuth zu verdanken, daß man

ihm nicht schon seinen eignen Spiegel vorgehalten, ihm den von
der Natur gezeichneten Schwächling gezeigt und ihn belehrt hat,
daß es dem Wiedehopf nicht zukomme, sich über Adler und
Schwan zu mocquiren.

— 116 —

Außer der Verachtung hielt mich ein gewisses Mitleid ab, ihn

für seine Ungezogenheiten öffentlich zu züchtigen. Alle seine Aeu-
ßerungen über mich waren Ergüsse des Neides.

Erst jezt, da es sich nicht mehr um Persönlichkeiten, sondern

um Sachen handelt, da Herr Gutzkow es unternommen hat, an
der Spitze eines sogenannten jungen Deutschland unsere bishe-
rige Sitte und Denkart zu reformiren, muß ich doch sehen, was
hinter dem Ofen vorgeht, und ob denn der Pudel wirklich zum
höllischen Rhinozeros geworden ist. Ich finde da einen Roman
des Herrn Gutzkow, der in der That von Frechheit und Immo-
ralität schwarz aufgeschwollen ist und muß nun meines Amtes
warten.

So lange ich lebe, werden Schändlichkeiten dieser Art nicht

ungestraft die deutsche Literatur entweihen.

Die Sucht, schnell berühmt zu werden und zu ernten, ohne

zu säen, ist vielen unserer jüngeren Literatoren eigen. Sie haben
nicht mehr den Muth, zu arbeiten, etwas Tüchtiges zu lernen, die
Reife der Erfahrung zu erwarten. Sie wollen den Genuß, ohne die
Mühe. Das angeborne Genie soll alles Andere ersetzen, und Jeder
hält sich für ein Genie.

Auch Herr Gutzkow leidet an dieser galoppirenden Ruhmsucht,

und da er wirklich mehr Geist hat, als viele Andere, so begnügt er
sich nicht mit den kleinen Reizmitteln, durch die man das Pu-
blikum spannt und aufmerksam macht, sondern läßt lieber gleich
den lebendigen Teufel in die Leute fahren. Wenn sie das nicht mer-
ken, wenn das nicht Aufsehen erregt, wenn ihn das nicht schnell
berühmt macht, so müßte - Casanova nie gelesen worden seyn.

Mit der Unzucht ist einem gewissen Theil des Publikums im-

mer beizukommen, denn viele sind nicht unschuldig und unter
den Unschuldigen sind wieder viel Neugierige. Die Spekulation
mit unzüchtigen Schriften wird also selten trügen. Herr Gutzkow
scheint aber gefürchtet zu haben, was er durch seine Unzucht an
Ruf gewinnen würde, an Ruhm wieder zu verlieren. Er hat daher
seine Obscönitäten zu veredeln und in ein höheres philosophi-
sches Gebiet zu versetzen gesucht, indem er Gotteslästerungen
damit verbindet.

— 117 —

Sein Roman ist voll kränklicher, raffinirter, ausgedüftelter Wol-

lust. Der Verfasser glaubt nicht pikant genug seyn zu können und
entblößt seine Geliebte gleichsam auf offner Straße, um sich be-
merklich zu machen. Die gute Person muß sich schämen, sich ge-
schämt zu haben, und das ist die witzige Pointe.

Bei alledem maßt sich Herr Gutzkow an, das Haupt des ›jun-

gen Deutschland‹ zu seyn und im Kampf der Zeit eine große Rolle
zu spielen. Auf einem kranken Bock reitend, glaubt er sein Rit-
terthum im Kampf der Zeit zu bewähren. Mit Unzucht will er die
Welt verbessern. Eine schändliche Krankheit bietet er ihr als Heil-
mittel an.

Wenn die deutsche Jugend ein Recht haben soll, sich als ›jun-

ges Deutschland‹ dem alten gegenüber zu stellen, so muß sie auch
den edeln Feuergeist und die sittliche Begeisterung, die man von
jeher an deutschen Jünglingen so hoch schäzte, durchglühen. Es
müssen reine, freie, kräftige Naturen seyn, aber nicht Schwächlin-
ge und Wollüstlinge. Eine junge ritterliche Tugend muß sie zieren,
eine Kraft und Reinheit, die das Alter nicht mehr hat. Sind sie aber
Huren und Buben, so gehören sie zum Auswurf der Nation und
sind nicht Repräsentanten einer neuern bessern Zeit, sondern nur
die verspätete Nachgeburt der alten verdorbenen Zeit, und gehö-
ren mit den alten Faunen, mit Julius von Voß, Althing etc. in einen
Stall.

Der bloße Umstand, daß man jung ist, befähigt noch nicht.

Wenn das ›junge Deutschland‹ nur in den Jahren zu suchen wäre,
so könnte jeder Gassenbube darauf Anspruch machen, Ehrenmit-
glied zu seyn. Nur der jugendliche Geist kann ein junges Deutsch-
land begründen, und in diesem Geiste müssen unsere Nationaltu-
genden
sich erfrischen und verjüngen, wenn es ein junges Deutsch-
land
seyn soll. Bei einem frechen Gotteslästerer und Nuditäten-
maler ist aber überall nichts von einer Nationaltugend und von
einem frischen Geiste, in dem sie sich verjüngen soll, zu finden.
Es ist ein junger Wurm in einem alten Kadaver, der noch im Grabe
der alten Zeit mit sterben muß, nicht eine junge Rose, die ewig
fortblüht über dem Grabe.

— 118 —

Das junge Deutschland sollte wohl an ganz andere Dinge den-

ken, als an Hurerei. Noch viel Verdienst ist übrig,ßagte Klopstock,
und es ist seitdem noch nicht erschöpft worden. Dem edlen Geist
liegt eine große weite Bahn offen, der Kampf wird ihm nie feh-
len, und wenn er ihn in guter Treue besteht, wird ihm auch der
Ruhm, der wahre und bleibende, nicht fehlen. Gegen Laster ist
mit Tugend, gegen Schmutz mit Reinheit, gegen die kleinliche
Gesinnung mit der großen und gegen die Geistesverwirrung mit
Klarheit zu streiten. Es hat der guten Streiter wohl schon gegeben,
doch hat keiner solchen Sieges und Triumphes sich erfreut, daß er
den Nachkommenden etwa allen Ruhm vorweg genommen hätte.
Es ist noch erstaunlich viel zu thun übrig für jeden, in dem ein
Funken des göttlichen Geistes lebt, und die Reinen stehn sich we-
niger im Wege, als die unsaubern Geister. Also hätten die jungen
Deutschen wohl allen Grund, lieber auf die Arena, als in’s Bordell
zu gehen.

Die deutsche Nation hat ein Gefühl für Sittlichkeit, das ihr seit

Jahrtausenden treu geblieben ist, und das immer wieder siegreich
hervortrat, wenn es auch ›feile Narren und geile Buben‹ ihr eine
Zeitlang wegzulügen und wegzuspotten trachteten. Die Unsitte
kam immer von Frankreich herüber, und der deutsche Volksgeist
war immer gesund und edel genug, sie wieder von sich abzuschüt-
teln. Kann es eine frechere Anmaßung geben, als, von den Fran-
zosen angesteckt, sich für das junge Deutschland auszugeben?

Vom jungen Deutschland werden doch unsere Frauenzimmer

auch etwas wissen wollen. Wohlan, so seht her, da wankt das
kranke, entnervte und dennoch junge Deutschland aus dem Bor-
dell herbei, worin es seinen neuen Gottesdienst gefeiert hat. Wie
gefällt euch diese junge Generation?

Es sind mehrere edle Jünglinge, die seit einiger Zeit die frech-

sten Darstellungen der Wollust versuchen. Sie sind alle klein,
schwächlich, von eckigem Benehmen, und so vollkommen unlie-
benswürdig, daß es nicht erst ihres literarischen Schmutzes be-
dürfte, um sie dem schönen Geschlecht widerlich zu machen.

— 119 —

Ueberhaupt, wenn eine überwiegende sinnliche Kraft, ohne

von sittlicher und geistiger Kraft gezügelt zu seyn, sich in die Wo-
gen der Wollust stürzt, so mag diese Erscheinung im Leben, trotz
ihrer Verwerflichkeit, etwas Entschuldbares haben. Echte Mann-
heit, auch wenn das Thier in ihr überwiegt, hat etwas, das wider
Willen gefällt. Darum wird man einem Don Juan den verführeri-
schen Reiz nie absprechen können.

Aber nun denke man sich schwächliche, kleine Jünglinge,

marklos und wadenlos, das vollkommene Gegenbild von Don Ju-
an, die nicht das Leben warm und kraftvoll umarmen, sondern
die dasitzen und hinter dem Schreibtisch hocken und geile Bilder
entwerfen und sich erhitzen an kranken Vorstellungen und wie
der betrogene Jupiter die kalte Nebelwolke umarmen, und die
dann den jungen Mädchen, denen nicht ihre bloße Nähe schon
wie dem Gretchen ďn tiefer innerer Seele verhaßtďst, ihre geilen
Schriften zur bildenden Lektüre in die Hand geben.

Da die Unzucht keine Tugend ist, hat sie sich von jeher ver-

borgen. Es mußte weit gekommen seyn, wenn sie sich offen zur
Schau stellte. Die obscöne Literatur bezeichnet schon eine Ab-
schwächung, die durch unnatürlichen Kitzel und Prahlerei erset-
zen soll, was der erschöpften Natur bereits gebricht. Echte Don
Juans schreiben nicht. Nur Schwächlinge schreiben unzüchtige
Bücher und nur entmannte Zeitalter dulden sie. Die Blüthezeit
obscöner Bücher war immer ein Zeit des tiefen Verfalls in Rom,
wie in Paris und Berlin. Petronius, Crebillon, Julius von Voß.

Man wird mich keiner unzeitigen Pruderie beschuldigen. Ich

bin kein Pedant. Ich liebe einen Scherz der guten alten Zeit von
Luther, Shakespeare etc. Ich werde nie einem Rabelais oder Juve-
nal etc. seine Zogen vorwerfen. Ich achte die Freiheit der Satire
und glaube, daß sie in ihr verzehrendes Feuer auch solches fette
Oel und solchen stinkenden Schwefel schütten darf, damit es wie
Granatenfutter und kongrevische Raketen auf die Knochen bren-
ne. Der Arzt, auch der Seelenarzt, muß das Kind beim rechten
Namen nennen und darf nicht zimperlich und blöde thun.

Etwas ganz anderes aber ist die unzüchtige Poesie, die bloß zur

bösen Sünde reizen oder sie entschuldigen will, die aus dem, was

— 120 —

ein gemeines Laster ist, eine vornehme Tugend machen will; die
uns überreden will, der Esel, den der Haber sticht, sey ein Heili-
ger; die von einer Religion der Wollustfaselt, wie Friedrich Schle-
gel that, oder die es als den Kulminationspunkt weiblicher Bildung
bezeichnet, daß die jungen Mädchen sich der Scham schämen,
wie Herr Gutzkow will. Es gibt Tempel, es gibt gebildete Gesell-
schaften, es gibt Bordelle auf der Welt. Wollt ihr denn durchaus
in ein Bordell gehen, so macht wenigstens nicht den Tempel, und
auch nicht die gebildete Gesellschaft dazu. Entweiht eine Heilige
nicht durch eure frechen Blicke und Wünsche, beleidigt ein ge-
bildetes Mädchen nicht durch unflätige Lektüre, und macht auch
aus feilen Dirnen hinwiederum nicht Engel, nicht feingebildete
Damen. Laßt wenigstens Alles an seinem Ort, die Andacht hier,
die feine Sitte dort und die Unzucht im Winkel. Beschmuzt nicht
reine Orte, entweiht nicht den Altar und den Salon, in dem euch
die Gastfreundschaft empfängt, mit eurem ekeln Laster, und baut
keinen Altar oder etablirt keine vornehme Unterhaltungen in den
Winkeln der Schande!

Die Literatur, welche die gemeine Sinnlichkeit sentimental be-

schönigte, und unter dem weiten Mantel des lieben Herzens und
der lieben Natur alle Schwachheiten zudeckte, unter den Auspici-
en Kotzebues, Claurens, Langbeins etc. war noch gewissermaßen
unschuldig in Vergleich mit der Luzinde Schlegels, die aus der
Wollust ein Sakrament machte, und mit dieser Wally Gutzkows,
die im Namen des Geistes und der Freiheit jeder edeln Sitte, als ei-
ner alten Dummheit, den Krieg erklärt. Jene armen Leute, die sich
ihrer Schwäche bewußt waren und sich wie die Maus im Wochen-
bette wohl seyn ließen, wenn man nur ihre kleinen niedlichen
Nester nicht zerstörte, sie sind nicht so arg gewesen als die Leute,
die überschwänglich groß und vornehm thun mit ihren schlechten
Sitten, und der ehrlichen Welt wohl gar damit imponiren möch-
ten.

Herr Gutzkow hat gefühlt, daß er die sittlichen Grundlagen

nicht erschüttern könne, ohne zugleich die religiösen zu unter-
graben. Die Scham ist etwas Heiliges, und bleibt dem Menschen

— 121 —

treu, so lange er noch irgend etwas Heiliges erkennt. Es ist psycho-
logisch interessant, daß auch er, wie vor ihm fast alle literarischen
Wüstlinge in Frankreich, sich nicht begnügt, das Haus der Sünde
neben den Tempel zu bauen, sondern den Tempel selbst zum Haus
der Sünde machen will. Unzucht und Gotteslästerung stehn in ei-
ner uralten Verbindung, deren Ueberlieferung wir schon im Alten
Testamente finden. Noch deutlicher wird diese Allianz in der spä-
tern Zeit. Da Christus als das sichtbare Ideal der Tugend und Her-
zensreinheit, wie der Polarstern fest in der sittlichen Welt steht,
und sein Name wie ein Siegel das Thor des Abgrunds schließt, so
rütteln seitdem alle unsaubern Geister an diesem Thore, und über
kurz oder lang kommt eine Ratte gelaufen und sucht die allmäch-
tige Signatur abzunagen mit kleinem giftigen Zahn.

Viele unzüchtige Bücher des vorigen Jahrhunderts, besonders

in Frankreich, machten sich durch einen glühenden Haß gegen
Christus bemerklich. Doch unsrer Zeit und unserm deutschen Va-
terlande war es vorbehalten, die Sache noch weiter zu treiben,
und an die Stelle des Hasses sogar Verachtung und vornehme Ge-
ringschätzung, ein suffisantes Mitleiden zu setzen. Die unsaubern
Geister scheinen gar nicht mehr zornig über Jesus, sie bespötteln
ihn nur noch, sie finden nur noch, daß er lächerlich sey.

Wir lesen in dem vorliegenden Roman Seite 271: »In Judäa,

einem sehr barocken Lande, trat ein junger Mann, Namens Je-
sus, auf, der durch eine bedenkliche Verwirrung seiner Ideen auf
den Glauben kam, er sey schon seinen Vorfahren als Befreier der
Nation, der er angehört, verkündigt worden. Jesus war aus Na-
zareth gebürtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn eines braven
Zimmermanns etc. Jesus wußte selbst noch nicht, wo hinaus, als
er die ersten unbesonnenen Schritte gethan etc.« In diesem Ton
ist das ganze Buch des Herrn Gutzkow geschrieben.

Was will er damit? Will er das Christenthum umstürzen? Ist er

von der Verderblichkeit des Christenthums tief überzeugt? Will er
selbst eine neue Religion gründen? Will er die ganze Welt umge-
stalten? Er will vorerst nur Aufsehen erregen, und zum Unglau-
ben, zur Entsittlichung so weit beitragen, daß er für seine Unzucht
mehr Raum gewinne, und er gefällt sich in dieser Art, Aufsehen

— 122 —

zu machen. Es ist doch eine Bubenlust, den Herr Christus, den alle
Welt verehrt, abzukanzeln und wie einen Einfaltspinsel zu behan-
deln.

Die Sache ist eine potenzirte Nachahmung der neufranzösi-

schen Frechheit, und auch diese ist nur eine Wiederholung frü-
herer Sünden. Schriften, wie die von Gutzkow, worin die soge-
nannte Freigeisterei und Obscönitäten Hand in Hand gehn, waren
nach Voltaire sehr häufig und kamen auch nach Deutschland. Der
ehrliche alte Schummel hat in seinem ›kleinen Voltaire‹ all dieses
damalige Treiben in Deutschland entlarvt. Damals gab es geheime
Orden, in die Niemand aufgenommen wurde, als wer Gott läug-
nete und beweisen konnte, ein ehrliches Mädchen verführt zu ha-
ben; einen andern Orden, in den Niemand aufgenommen wurde,
der nicht eine galante Krankheit hatte etc. Zu diesem Schmutz
könnte uns Herr Gutzkow zurückführen, wenn Christenthum und
gute Sitte heutzutage nicht fester stünden.

Nicht bloß in diesem Schmutzroman, auch schon in dem Libell

gegen Schleiermacher hat Herr Gutzkow ganz offen erklärt, es
wäre eigentlich besser, wenn die Welt nie etwas von Gott gewußt
hätte.

Nur im tiefsten Kothe der Entsittlichung, nur im Bordell wer-

den solche Gesinnungen geboren. Sie waren gang und gäbe bei
den philosophischen Sykophanten des altfranzösischen Hofes. Im
Palays-Royal wurden sie zuerst aus der Hofsprache in die der
Jakobiner übersezt. Wenn sie aber den Dienst des Despotismus
nur verlassen hätten, um unter der Maske der Freiheit die Völ-
ker um ihre lezte Tugend zu betrügen, so wäre es weiter gekom-
men, als ich glauben kann. Herr Gutzkow hat es über sich genom-
men, diese französische Affenschande, die im Arme von Metzen
Gott lästert, auf’s Neue nach Deutschland überzupflanzen, in ei-
nem Zeitalter, das Gott sey Dank, gereifter und männlicher ist, als
das Jahrhundert Voltaires. Damals schon scheiterte das Laster am
Sinn unseres Volkes; jezt wird es um so weniger durchdringen.
Die Literatur wird es ausstoßen, die öffentliche Meinung wird es
brandmarken.

— 123 —

Nachdem sich diese Versuche wiederholt haben, nachdem die-

ses junge Deutschland es gar kein Hehl mehr hat, daß es mit ›dem
Kapital von Verruchtheit‹ anfangen wolle, mit dem das alte, durch
alle Schulen der Unsittlichkeit gegangene Frankreich aufgehört
hat, ist es Zeit, ihm nicht die mindeste Schonung mehr angedei-
hen zu lassen, sondern es bis zur Vernichtung zu bekämpfen.

Um so mehr, als die Frechheit sich immer wieder ein neues

Organ zu schaffen bemüht ist. Kaum ist das Gift an einem Orte
ausgeschwizt, so legt es sich an dem andern wieder an. Unstät
und flüchtig, ein böser Gast überall, wo es hinkommt, und im-
mer bald ausgetrieben, ist es gleichwohl vorhanden und täuscht
die Unerfahrenden. Der ›Phönix‹ hat seine tausendjährige Periode
nicht abgewartet, um sich zu verjüngen, schon in wenigen Mona-
ten vertrug er das Gift seines Literaturblatts nicht mehr. Nichtsde-
stoweniger droht uns Herr Gutzkow mit einer neuen literarischen
Revue im großen Styl, mit einem mächtigen Organ des sogenann-
ten jungen Deutschland, das große Wunder wirken und alles um-
gestalten soll im alten Deutschland.

Aber ich will meinen Fuß hineinsetzen in euern Schlamm, wohl

wissend, daß ich mich besudle. Ich will den Kopf der Schlange
zertreten, die im Miste der Wollust sich wärmt.

Was hat Deutschland von der kritischen Thätigkeit des Herrn

Gutzkow zu erwarten? Wie hat sie sich bisher in seinem Phönix
bewährt?

Seine Kritik ist eben so unsittlich, wie sein Roman, aber viel-

leicht noch verdammlicher. Ein Dichter malt unflätige Bilder, aber
er läßt doch die schönen und heiligen Bilder Anderer in Ruhe.
Wenn es aber ein Kritiker unternimmt, mit venerischem und got-
teslästerlichem Geist alles Gesunde und Edle in der Literatur zu
bespötteln, so ist dies weit ärger. Wenn er sich nicht begnügt,
selbst bloß Priape zu schnitzeln, wenn er sich untersteht, zugleich
die Bilder der schönen und edeln Götter zu beschmutzen, so ist
dies weit ärger.

Von Jedem, der es wagt, sich unter einem großen Volk, in ei-

ner lebendigen Zeit, in einer reichen und vielseitigen Literatur als

— 124 —

Kritiker aufzuwerfen, muß man zweierlei verlangen. Er muß ei-
ne große historische Uebersicht haben, den Umfang und die Tiefe
der Welt, über die er zu urtheilen unternimmt, kennen. Sodann,
wenn er nicht bloß registriren, wenn er auch richten will, so muß
sich eine edle Tendenz und die strengste Gerechtigkeit in ihm of-
fenbaren. Er muß nicht sich selbst und seinen Vortheil, sondern
die Wahrheit allein vor Augen haben. Er muß einen persönlichen
Feind loben und einen persönlichen Freund tadeln können um der
Sache willen. Er muß das Recht nicht fälschen, nicht groß nennen,
was klein, nicht gut, was übel ist. Er muß das Leben nicht Tod, den
Tod nicht Leben nennen. Er muß im Entwicklungsgange der Bil-
dung nicht ein Hemmschuh, nicht ein Stein des Anstoßes, sondern
ein Triebrad seyn. Er muß, sofern Viele auf ihn hören und nach
ihm sich richten, die Tugenden haben, ohne die kein öffentlicher
Charakter bestehen kann. Er muß die Religion und Sitten achten.
Nur unter diesen Bedingungen ist es ihm verstattet, die Richter-
miene anzunehmen und zu strafen die, welche die Literatur in
ihrem Fortgang und in ihrer Freiheit hemmen durch Stagnation,
die alten Pedanten und Stabilen, und hinwiederum die, welche
die Literatur entweihen durch junge Gottlosigkeit, Sittenlosigkeit,
unwissenschaftliche Bubereien.

Hat Herr Gutzkow in dieser Weise sich des Richteramtes über

die Literatur würdig gemacht, daß Deutschland diesem gerechten
Manne seine Ehre anvertrauen kann? Ich will ihn zeichnen, wie
er ist, und Deutschland möge urtheilen, ob ich wahr rede.

Herr Gutzkow trachtet als Kritiker nur dahin, alle Ansichten zu

durchkreuzen und zu verwirren, jede Basis, auf der die öffentli-
che Meinung ruht, zu zerstören, jedem ehrlichen Namen einen
Schandfleck anzuhängen, jede edle Tendenz lächerlich zu ma-
chen, um dann im Chaos oben zu schwimmen und in der allge-
meinen Anarchie der Geister den Thron seiner gottlosen Unzucht
aufzuschlagen. Je reiner ein Mann, je unbescholtener eine Ten-
denz ist, um so gewisser beschmuzt er sie, denn es ist ihm uner-
träglich, daß etwas Edles herrschen soll in der Welt, daß es nicht
in der ganzen Welt so unsauber aussieht, wie in seinen Schriften.
Aber auch da, wo er Fehler zu entdecken glaubt, die seine eigenen

— 125 —

sind, spottet er, nur um Allen und Jedem einen schlechten Ruf zu
machen.

Während er über Schleiermachers und Tiecks Jugendsünden

spottet, predigt er selbst in seiner Wally die offenste Unzucht.

Während er eine Jugendzeitung herausgibt und das Haupt des

jungen Deutschland zu seyn affektirt, verspottet er den edeln Uh-
land und sucht es vergessen zu machen, daß an diesen Namen
jedes schöne Gefühl deutscher Jugend sich knüpft! Beginnt das
›junge Deutschland‹ damit, aus dem Schmutz französirender Un-
zucht heraus über den Sänger des reinsten Patriotismus herzufal-
len?

Nur Egoismus modifizirt dies System allgemeiner Lästerung.

Dem Herrn Gutzkow ist Jeder Freund, den er braucht; Jeder
Feind, der sich nicht von ihm brauchen läßt; Jeder gleichgültig,
den er nicht braucht. Daher überschüttet er zuweilen Leute, die
ihm gerade einen Dienst leisten sollen, mit beleidigenden Lob-
hudeleien, in deren unwahren Uebertreibungen sich schon sein
undankbares Herz verräth, und sobald er die Leute benuzt hat,
schneidet er ihnen ein Gesicht.

Ein besonderes Vergnügen findet er darin, die Leute an einan-

der zu hetzen, oder wo er dies nicht vermag, wenigstens einen
nur auf Kosten des andern zu loben. So macht er Uhland neben
Heine lächerlich; aber ich glaube nicht, daß Heine ihm für diese
Sünde gegen die Poesie Dank sagen wird.

Herr Gutzkow kennt das deutsche Publikum so weit, um etwas

mit ihm zu wagen. Er weiß, daß der sittliche Geist der Nation, ob-
wohl vorhanden, doch nicht immer auf die Oberfläche hervortritt,
und daß in müßigen und faulen Stunden das Publikum allerlei
Menschen und Bücher verträgt, allerlei annimmt und sich sagen
läßt. Er weiß, daß es nur darauf ankommt, recht unverschämt zu
seyn, rechten Lärm zu machen, und vor allen Dingen, eine Coterie
zu bilden, sich das Lob mit mehreren zu verassekuriren.

Er hat sich also die jeune Allemagne zum Aushängeschild ge-

wählt, gab eine Jugendzeitung heraus und sucht jezt allerlei jun-
ge Leute durch die Parole ›Heine‹ an sich zu locken. So läßt sich
vielleicht mancher Unbesonnene mit ihm ein, der erst nachher

— 126 —

entdeckt, in welches moralische und physische Lazareth er ge-
rathen ist. Glücklich, wer noch zur rechten Zeit die schändende
Gemeinschaft flieht und der allgemeinen Verachtung entrinnt, die
den Mann, der sich der Scham schämt, keinen Gott haben will
und Christum als einen ünglücklichen Revolutionärmit Thomas
Münzer in einen Rang stellt, unfehlbar treffen wird.

Das Geschäft dieser jungen Leute ist jezt, einander auf’s unver-

schämteste zu loben und als die größten Männer darzustellen, die
je über die Weltbühne geschritten. Ganz besonders versteht sich
Herr Gutzkow auf die kleinen Mittel, Gerede von sich zu machen.
Er fraternisirt mit Winkelblättern und weiß Korrespondenten zu
finden, die in den Zeitungen ausposaunen müssen: »der berühmte
Gutzkow ist da oder dort angekommenöder »der berühmte Gutz-
kow ist mit der ersten deutschen Verlagshandlung einverstanden,
eine Revue im größten Styl zu eröffnen.« Obgleich kein Wort da-
von wahr ist, erregt es doch Aufsehen und bringt manchem min-
der erfahrenen Verleger eine unverhältnißmäßige Meinung von
dem Herrn Gutzkow bei. So ist es bekannt, daß die mehrfachen
Zeitungsartikel, die in der lezten Woche den Herrn Gutzkow so
übereinstimmend angepriesen, bloß darauf berechnet waren, die
hiesigen Verleger für ihn zu bestechen, nachdem er von Frank-
furt fortgelaufen. Mit solchen Mitteln will man heutzutage ein be-
rühmter Mann und Repräsentant der deutschen Jugend werden!

Auch das ist nicht übel auf das Publikum berechnet, daß Herr

Gutzkow gelegentlich einen hohen philosophisch scheinenden
Ton annimmt, und sich gar altklug geberdet, obgleich es schlecht
zu seiner Obscönität paßt, denn was ist wohl ekler als ein Wüst-
ling, der zugleich ein Pedant ist, oder ein Pedant, der den Wüst-
ling spielt. Aber Herr Gutzkow ist zu sehr geborner Berliner, als
daß er nicht wissen sollte, wie leicht es ist, mit der augenblinzeln-
den suffisanten Miene vornehmer Geringschätzung noch immer
allerlei einfältigen Lesern zu imponiren. Er hat also jenen hoffär-
tigen Styl gewählt, der über die ehrwürdigsten Gegenstände und
über die bekanntesten und ewig unumstößlichen Wahrheiten mit
affektirtem Naserümpfen und Achselzucken sich ausdrückt, von

— 127 —

Christus als von einem Schwachkopf spricht etc. Das hat er den
Hegelianern abgesehn.

Dahin gehört auch die philosophische Bemäntelung der Un-

zucht. Herr Gutzkow findet z. B. für nöthig, seinen wüsten Ro-
man am Schluß in einer besondern Abhandlung kritisch zu recht-
fertigen, als ob jede Poesie sich nicht selbst rechtfertigen müßte.
Darin nennt er seine nur in’s gemeinste Bordell gehörigen Nu-
ditäten ideale Dichtungen und drückt die Hoffnung aus, diese in
Frankreich bereits herrschende Gattung werde nun auch bald in
Deutschland durchdringen.
Die Reminiscenzen der Bordelle oder
die frechen Einbildungen des einsamen Lasters wagt er Ideale zu
nennen, und an die Stelle dessen zu drängen, was man sonst un-
ter Ideal verstand, nämlich die höchste Tugend, die höchste Rein-
heit, nach der zu streben die Aufgabe des Menschen in der Gesell-
schaft ist. Nur der schändlichste Egoismus schafft sich im Winkel
Vorstellungen, die seinen schmutzigen Hunger doch niemals stil-
len, weil sie eben nicht wirklich werden, die aber vom Ideal so
entfernt sind, wie die Hölle vom Himmel, Vorstellungen, die nur
dem verwandten Laster ein beifälliges Lächeln ablocken, leider
zuweilen die Unerfahrenheit verführen, aber der Welt ein Abscheu
sind. Wahre Ideale sind etwas ganz Anderes, sind immer Werke ei-
nes der Gesellschaft und der Menschenveredlung sich hingeben-
den Gemüthes, Vorbilder des öffentlichen Lebens, Muster für die
Nacheiferung, etwas, dessen alle Völker sich rühmen, nicht dessen
sie sich schämen. Damit aber, daß man sich nicht mehr schämen
zu wollen erklärt, wie Herr Gutzkow, macht man die schamlose
Handlung nicht anders, nicht besser.

Wenn man eine solche Schule der frechsten Unsittlichkeit

und raffinirtesten Lüge in Deutschland aufkommen lassen wollte,
wenn sich alle Edeln der Nation nicht dagegen erklärten, wenn
sich deutsche Verleger nicht vorsähen, solches Gift dem Publikum
feil zu bieten und anzupreisen, so würden wir bald schöne Früchte
erleben. Aber diese Schule wird nicht aufkommen. Unsere reiche,
von würdigeren Kräften geschaffene Literatur wird nicht das Er-
be solcher Lüderlichen werden. Aber schlimm genug, wenn die
Verruchtheit nur eine Zeitlang ihr Wesen treiben und ihre Spur

— 128 —

in die Literatur und in’s Leben eindrücken darf. Schlimm genug,
wenn ein Schmutzroman, wie diese Wally, nur in die Hände we-
niger Mädchen kommt. Und Schande genug, sofern es nur einmal
möglich war, daß ein Mensch, dem nichts heilig ist, sich zum li-
terarischen Richter in Deutschland aufwerfen konnte, daß einmal
der Koth sich anmaßen durfte, die Literatur reinigen zu wollen.

Wer den Zauberbesen führen will, muß nicht selber der Unrath

seyn, oder er wird hinausgefegt.

Da Herr Gutzkow uns eine neue Bibel der Schwäche und des

Lasters anstatt der alten Bibel der Kraft und der Heiligkeit auf-
drängen will, so will ich ihm einige Seiten des alten Buchs auf-
schlagen, daß das Herz in ihm erschrecke:

»Der Herr sagte zu mir also: gehe hin und stelle einen Wächter,

der da schaue und ansage.

Er siehet aber Reiter reiten und fahren auf Rossen, Eseln und

Kameelen und hat mit großem Fleiß Achtung darauf.

Und ein Löwe rief: Herr, ich stehe auf der Warte immerdar des

Tages und stelle mich auf meine Huth alle Nacht.

Höret mir zu, ihr Inseln und ihr Völker in der Ferne, merket

auf, der Herr hat mir gerufen.

Und hat meinen Mund gemacht, wie ein scharf Schwert, mit

dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum
reinen Pfeil gemacht und mich in seinen Köcher gesteckt.

Denn es ist ein Tag des Getümmels und der Zertretung und

Verwirrung vom Herrn im Schauthal und des Untergrabens der
Mauern und des Geschreis am Berge.

Ein Tag des Trübsals, Scheltens und Lästerns, und gehet gleich,

als wenn die Kinder bis an die Geburt kommen, und ist keine Kraft
da, zu gebären.

Sie brüten Basiliskeneier und wirken Spinnweben. Isset man

von ihren Eiern, so muß man sterben; zertritt man’s aber, so fah-
ren Ottern heraus.

Sie kennen den Weg des Friedens nicht und ist kein Recht in

ihren Gängen; sie sind verkehrt auf ihren Straßen; wer darauf
geht hat nimmer keinen Frieden.

— 129 —

Und das Volk treibt Schinderei, einer über den andern und ein

jeglicher über seinen Nächsten, und der Jüngere ist stolz wider
den Alten, und ein böser Mann wider den ehrlichen.

Aber ich will die Schinder speisen mit ihrem eigenen Fleisch

und sollen mit ihrem eigenen Blut trunken werden.

Sie schießen mit ihren Zungen eitel Lügen und keine Wahrheit

und treibens mit Gewalt im Lande und gehn von einer Bosheit zur
andern.

Ein jeglicher hüte sich vor seinem Freunde und traue auch sei-

nem Bruder nicht, denn ein Freund verräth den andern.

Ein Freund täuschet den andern und redet kein wahr Wort; sie

fleißigen sich darauf, wie einer den andern betrüge und ist ihnen
leid, daß sie es nicht noch ärger machen können.

Ihre falschen Zungen sind mörderische Pfeile; mit ihrem Mun-

de reden sie freundlich gegen den Nächsten; aber im Herzen lau-
ern sie auf denselben.

Sollt’ ich nun solches nicht heimsuchen an ihnen, spricht der

Herr, und meine Seele sollte sich nicht rächen an solchem Volk,
wie dies ist?

Darum spricht der Herr, siehe ich will dies Volk mit Wermuth

speisen und mit Galle tränken.

Siehe, es kommt die Zeit, da ich heimsuchen werde alle, die

Beschnittenen mit den Unbeschnittenen.

Siehe ihr alle, die ihr ein Feuer angezündet, mit Flammen ge-

rüstet, wandelt hin im Licht eures Feuers und in Flammen, die ihr
angezündet habt. Solches widerfährt euch von meiner Hand, in
Schmerzen müsset ihr liegen.

Wehe den Gottlosen, denn es wird ihnen vergolten werden, wie

sie es verdienen.

Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse heißen, die aus

Finsterniß Licht und aus Licht Finsterniß machen, die aus Sauer
süß und aus Süß sauer machen.

Wehe denen, die den Gottlosen Recht sprechen um Geschenk

willen und das Recht der Gerechten von ihnen wenden.

— 130 —

Der Herr kann sich über die junge Mannschaft nicht freuen,

denn sie sind böse und ihr Mund redet Thorheit. Darum wird sein
Zorn nicht ablassen und seine Hand ist noch ausgereckt.

Und der Herr wird seine herrliche Stimme schallen lassen, daß

man sehe seinen ausgereckten Arm mit zornigem Dräuen und mit
Flammen des verzehrenden Feuers, mit Strahlen, mit starkem Re-
gen und mit Hagel.

Und Assur wird erschrecken vor der Stimme des Herrn, der ihn

mit Ruthen schlägt.

Denn es wird die Ruthe ganz durchdringen und wohl treffen.
Wehe dir, du Verstörer; meinest du, du werdest nicht verstört

werden? Und du Verächter; meinest du, man werde dich nicht
verachten?

Weil du denn wider mich tobest und dein Stolz herauf vor mei-

ne Ohren kommen ist, will ich dir einen Ring an die Nase legen
und ein Gebiß in dein Maul und will dich des Weges wieder heim
führen, des du kommen bist.

Ich hatte dich gepflanzt zu einem süßen Weinstock, einem ganz

rechtschaffenen Samen; wie bist du mir denn gerathen zu einem
bittern wilden Weinstock?

Und wenn du dich gleich mit Laugen wüschest und nähmest

viel Seife dazu, so gleißet doch deine Untugend desto mehr.

Siehe an, wie du es treibest im Thale und bedenke, wie du es

ausgerichtet hast.

Ich muß meine Hand wider dich kehren und deinen Schaum

auf’s lauterste fegen und all dein Zinn wegthun.

Mit Stroh gehst du schwanger, Stoppeln gebierst du; Feuer wird

dich mit deinem Muth verzehren.

Hebe deine Augen auf zu den Höhen und siehe, wie du al-

lenthalben Hurerei treibst, und verunreinigst das Land mit deiner
Hurerei und Bosheit.

Du hast eine Hurerstirn und willst dich nicht mehr schämen.
So höre nun dies, der du in Wollust lebest und sprichst in dei-

nem Herzen: Ich bins und keiner mehr.

— 131 —

Darum wird über dich ein Unglück kommen, daß du nicht wis-

sest, wenn es daherbricht, und wird ein Unfall auf dich fallen, den
du nicht sühnen kannst.

Siehe, es wird ein Wetter des Herrn mit Grimm kommen und

ein schrecklich Ungewitter dem Gottlosen auf den Kopf fallen.

So tritt nun auf mit deinen Beschwörern, unter welchen du

dich bemüht hast, ob du dir möchtest rathen, ob du möchtest dich
stärken.

Siehe ihr seyd uns Nichts und euer Thun ist auch aus Nichts

und euer Wählen ist ein Greuel.

Der Herr aber wird von Israel abhauen beide, Kopf und

Schwanz, Ast und Stumpf, an einem Tag.

Ich will ihnen wehe thun, daß sie sollen zu Schanden werden,

zum Sprichwort, zur Fabel, zum Fluch an allen Orten.«

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